Prof. Dr. David Ray Griffin: Widersprüche des 11. September: Bush im Klassenzimmer

Freitag, 4 April, 2008

Die offizielle Darstellung des 11. September ist voller Widersprüche. Einer dieser Widersprüche befasst sich mit der Frage, wie lange sich Präsident Bush am Morgen des 11. September in dem Klassenzimmer in Sarasota, Florida, aufgehalten hatte.

Anlass für Bushs Besuch war die Bekanntgabe bildungspolitischer Maßnahmen. Er ließ sich fotografieren, während Schüler ihm vorlasen. Um 8.55 Uhr traf er in der Schule ein – zu diesem Zeitpunkt erfuhr er Berichten zufolge erstmals, dass ein Flugzeug einen der Zwillingstürme getroffen hatte. Bush tat den Einschlag als einen Unfall ab und sagte, sie würden fortfahren und „die Lesestunde trotzdem fortsetzen.“

Bush betrat das Klassenzimmer der zweiten Klasse von Lehrerin Sandra Kay Daniels um etwa 9.03 Uhr. Gegen 9.06 Uhr betrat Andrews Card, der Stabschef des Präsidenten, das Klassenzimmer und flüsterte, wie er später berichtete, in Bushs Ohr: „Ein zweites Flugzeug hat den zweiten Turm getroffen. Amerika wird angegriffen.“

Was danach geschah

Dank des 2004 veröffentlichten Filmes Fahrenheit 9/11 von Michael Moore weiß die Welt, was danach geschah: Bush blieb sitzen, Minute um Minute um Minute.

Über das seltsame Verhalten Bushs hatten Journalisten hingegen bereits viel früher berichtet. Jennifer Barrs von der Tampa Tribune berichtete beispielsweise am 1. September 2002, dass der Präsident, nachdem ihm Card ins Ohr geflüstert hatte, sein Buch nahm und mit den Kindern „acht oder neun Minuten lang weiterlas.“ In seinem 2002 erschienenen Buch Fighting Back schrieb der Korrespondent der Washington Post für das Weiße Haus, Bill Sammon, dass Bush, nachdem die Lesestunde beendet war, weiterhin herumtrödelte, was Sammon dazu veranlasste, ihn als „Trödler vom Dienst“ zu bezeichnen.

Die Darstellung des Weißen Hauses zum ersten Jahrestag

Am ersten Jahrestag des 11. September aber veröffentlichte das Weiße Haus – allen voran Andrew Card – eine völlig konträre Darstellung. Während einer NBC News-Sendung sagte Card zu Brian Williams: „Ich entfernte mich vom Präsidenten, und nur wenige Sekunden später entschuldigte sich der Präsident und verließ den Klassenraum. Wir versammelten uns im Aufenthaltsraum und sprachen über die Situation.“ In einem Artikel im San Francisco Chronicle über den 11. September schrieb Card, dass – nachdem er Bush von dem zweiten Angriff unterrichtet hatte – „der Präsident aufsah – es war nur eine Sache von Sekunden, aber es kam uns wie Minuten vor. … Und er entschuldigte sich lediglich in aller Form bei der Lehrerin sowie den Schülern und ging.“

Am gleichen Tag äußerte sich Karl Rove gegenüber Campbell Brown von NBC News:

Andy Card kam herein, um es dem Präsidenten mitzuteilen. Sie können sich bestimmt an das berühmte Foto erinnern, wie er dem Präsidenten ins Ohr flüstert. Und der Präsident war ein wenig … nun, wie Sie wissen, wollte er die Kinder nicht erschrecken. Er wusste, dass sich die Übung ihrem Ende näherte. Also wartete er einige Augenblicke, aber auf keinen Fall nicht sehr lange, bis die Lesestunde vorbei war und er in den Aufenthaltsraum ging.

Noch am selben Tag veranlassten Card und Rove ABC News während einer weiteren, am ersten Jahrestag des 11. September ausgestrahlten Sendung, ihre anderslautende Darstellung zu unterstützen.

Andrew Card: Ich glaube, es gab einen Schockmoment und er starrte vor sich hin, vielleicht nur eine Sekunde lang.

Charles Gibson: Der Präsident bewahrte Ruhe und ließ die Schüler zum Ende kommen.

Karl Rove: Ein oder zwei Sekunden lang dachte der Präsident daran, aufzustehen und den Raum zu verlassen. Doch die Übung kam zu ihrem Ende, er wollte die Kinder nicht beunruhigen.

Gibson: Stattdessen wartete Bush, bedankte sich bei den Kindern … und ging in das leere Klassenzimmer nebenan.

Hilfe von Mrs. Daniels

Abgesehen von der Proklamierung dieser gänzlich anderen Darstellung wurde das Weiße Haus unter Bush und Cheney offensichtlich auch von Sandra Kay Daniels, seinerzeit Lehrerin der zweiten Klasse an der Sarasota-Schule, unterstützt. In einem am 11. September 2002 veröffentlichten Artikel der Los Angeles Times gab sie bekannt:

Ich wusste, dass irgendetwas geschehen war, als Präsident Bush nicht zum Buch griff und dem Unterricht nicht folgte … er sagte: „Mrs. Daniels, ich muss jetzt gehen. Vizegouverneur Frank Brogan wird hier bleiben und die Rede für mich halten.“ Ich sah in sein Gesicht und wusste, dass etwas nicht stimmt. Ich betete kurz für ihn. Er gab mir die Hand und ging.

Diese Aussage von Daniels war völlig gegensätzlich zu der, welche sie in dem oben genannten, zehn Tage früher erschienenen Artikel von Jennifer Barrs gemacht hatte. Nachdem, so Daniels, „Bush offensichtlich gedankenverloren war und das Buch auf dem Schoß vergessen hatte“, wurde sie von Barrs wie folgt zitiert: „Ich konnte ihn nicht einfach sanft anstoßen … ich konnte nicht zu ihm sagen: Okay, Mr. President, nehmen Sie Ihr Buch. Die ganze Welt schaut zu.“

Angesichts der Tatsache, dass Mrs. Daniels diese Worte gerade mal zehn Tage früher gesagt hatte, lässt sich ihre revidierte Darstellung nicht mit einem schlechten Gedächtnis erklären. Die einzig mögliche Erklärung scheint zu sein, dass das Weiße Haus sie davon überzeugt hatte, ebenfalls die revidierte Darstellung zu verbreiten. Welches Motiv könnte das Weiße Haus gehabt haben, eine falsche Geschichte zu verbreiten und Mrs. Daniels davon zu überzeugen, dabei behilflich zu sein?

Das wahrscheinliche Motiv

Auf der einen Seite sollte der Secret Service, der für den Schutz des Präsidenten verantwortlich ist und ihn vor möglichen Gefahren bewahren soll, davon ausgegangen sein, dass, nachdem klar war, dass die Terroristen hochrangige Ziele im Visier hatten, der Präsident eines dieser Ziele hätte sein können. „Bushs Anwesenheit“, hieß es in einem Artikel, „machte die geplante Leseveranstaltung zu einem potentiellen Ziel“, weil „aufgrund der groß angekündigten Schulveranstaltung der Aufenthaltsort von Bush an diesem Tag kein Geheimnis war.“ Andererseits beobachteten viele, dass der Secret Service nicht entsprechend gehandelt hatte. Am Tag nach dem 11. September kommentierte die kanadische Zeitung Globe and Mail: „Aus irgendeinem Grund wurde Bush von den Secret Service-Agenten nicht umgehend entfernt.“

Philip Melanson, Autor eines Buches über den Secret Service, begründete die Entstehung des Kommentars folgendermaßen: „Bei einem gerade stattfindenden Terrorangriff hätte die Prozedur darin bestehen müssen, den Präsidenten so schnell wie möglich zum nächsten sicheren Ort zu bringen.“ Dass dies in der Tat die normale Vorgehensweise gewesen wäre, wird dadurch deutlich, dass, nachdem man im Fernsehen den zweiten Einschlag in das World Trade Center hatte sehen können, sich ein Agent an Bill Bakwill, den Sheriff von Sarasota County, wandte: „Wir hauen hier ab. Können Sie alle anderen bereit machen?“

Doch die Entscheidung dieses Agenten wurde offenbar von einem höherrangigen Mitarbeiter des Secret Service außer Kraft gesetzt, denn Bush durfte nicht nur für sieben Minuten oder länger im Klassenraum bleiben, sondern sich sogar für weitere 20 Minuten in der Schule aufhalten. Darüber hinaus durfte er sich sogar in einer Fernsehansprache an die Nation wenden, so dass alle wussten, dass er immer noch in der Schule war.

In Anbetracht des Umstandes, dass zu diesem Zeitpunkt sogar von bis zu elf entführten Flugzeugen berichtet worden war, erscheint dieses Verhalten besonders rücksichtslos. Der Secret Service hätte befürchten müssen, dass eines der Flugzeuge in diesem Moment in das Schulgebäude einschlägt. Das Verhalten des Secret Service hingegen suggeriert, dass er nicht befürchtete, die Schule könnte angegriffen werden.

Diese Handlungsweise steht im krassen Gegensatz zur Reaktion auf einer zwei Monate zuvor bekannt gewordenen Geheimdienstmeldung, islamische Terroristen könnten ein Flugzeug in den Versammlungsort des Gipfels der Industrienationen in Genua steuern mit dem Ziel, Präsident Bush zu töten. Die italienische Regierung ließ den Luftraum über Genua abriegeln und Boden-Luft-Raketen in der Nähe des Flughafens installieren (David Sanger in der New York Times vom 25. September 2001). Trotz dieser umfassenden Schutzmaßnahmen verbrachte Bush die Nacht auf einem Flugzeugträger statt wie die anderen Staats- und Regierungschefs auf einem Luxusdampfer (CNN vom 18. Juli 2001). Warum so viele Bedenken im Juli wegen eines möglichen Terrorangriffs mit einem Flugzeug in Genua, aber keinerlei Besorgnis im September in Sarasota, als derartige Angriffe tatsächlich stattfanden?

Das Versäumnis des Secret Service, Bush umgehend in Sicherheit zu bringen, erscheint noch befremdlicher angesichts der Tatsache, dass Vizepräsident Cheney, Condoleezza Rice sowie mehrere führende Kongressmitglieder schnellstens an sichere Orte gebracht wurden. Sollte dem Schutz von Präsident Bush nicht eine noch höhere Priorität eingeräumt werden? Susan Taylor Martin von der St. Petersburg Times drückte es am 4. Juli 2004 so aus: „Eine der vielen noch ungeklärten Fragen zu diesem Tag ist, warum der Secret Service Bush nicht umgehend an einen sicheren Ort gebracht hat, wie er es mit Vizepräsident Dick Cheney anscheinend gemacht hat.“

Die Tatsache, dass diese Frage unmittelbar nach dem 11. September und auch danach immer wieder gestellt wurde, könnte vom Weißen Haus durchaus als gefährlich angesehen worden sein. Diese Frage hatte in der Tat gefährliche Folgen, denn sie könnte, was in manchen Kreisen bereits der Fall war, zu dem Schluss führen, dass Bush deshalb nicht von der Schule evakuiert wurde, weil der Secret Service wusste, dass er kein Ziel darstellte. Hinter den Versuchen des Weißen Hauses, die falsche Darstellung von Bushs Verhalten ins öffentliche Bewusstsein einzuprägen, steckte wahrscheinlich der Wunsch, derartige Spekulationen zu beenden.

Wie die 9/11-Kommission mit dem Problem umging

Das seltsame Verhalten von Bush und des Secret Service in Sarasota empfanden Angehörige der Opfer des 11. September als Besorgnis erregend. Eine der vom Family Steering Committee an die 9/11-Kommission gerichtete zentrale Frage lautete: „Warum hat es der Secret Service zugelassen, dass Präsident Bush in der Sarasota-Grundschule die Lesestunde mit den Kindern fortsetzen konnte?“ (Diese Frage wurde tatsächlich gestellt, wie Thomas Kean und Lee Hamilton, Vorsitzender und stellvertretender Vorsitzender der Kommission in ihrem 2006 erschienenen Buch Without Precedent: The Inside Story of the 9/11 Commission, Seite 54, zugaben.) Dennoch wurde sie von der 9/11-Kommission nicht beantwortet. Es hieß lediglich: „Wie uns der Secret Service mitgeteilt hat, war er bestrebt, den Präsidenten an einen sicheren Ort zu bringen, hielt es dabei aber nicht für erforderlich, dass er zur Tür herausrennt“ (9/11-Kommissionsbericht, Seite 39). Diese Antwort impliziert aber, dass der Secret Service nur zwei Möglichkeiten hatte: (a) den Präsident durch die Tür zu zerren oder (b) ihm zu gestatten, für eine weitere halbe Stunde in der Schule bleiben. Aber es gab noch eine dritte Option: der Secret Service hätte den Präsidenten einfach in die Präsidentenlimousine setzen und ihn wegfahren können.

Wie sich die Presse diesem Problem stellte

Ein Wall Street Journal-Bericht vom März 2004 mit dem Titel „Die Darstellung des 11. September durch die Regierung ist lückenhaft und widersprüchlich“ war eine der wenigen Veröffentlichungen der Mainstreampresse über die Widersprüche der offiziellen Darlegung der Geschehnisse des 11. September. Dan Bartlett, Sprecher des Weißen Hauses, bestätigte – detailliert befragt über die Merkwürdigkeiten in Sarasota – gegenüber dem Journal, dass Bush, nachdem er die Nachricht über den zweiten Einschlag bekommen hatte, sich mindestens noch sieben Minuten im Klassenzimmer aufgehalten hatte; Bartlett versuchte nicht, die revidierte Darstellung des Weißen Hauses zu verteidigen. Bush, so Bartlett, hätte den Raum deshalb nicht fluchtartig verlassen, weil „sein Instinkt ihm riet, die Kinder nicht durch eine überstürzte Flucht in Panik zu versetzen.“

Aber selbst wenn Bartletts Aussage eine plausible Erklärung wäre, warum Bush nicht so gehandelt hatte, wie Card und Rove behaupteten, war die eigentliche Frage, der sich das Wall Street Journal nicht angenommen hatte, die, aus welchen Gründen Card, Rove und Mrs. Daniels für das Weiße Haus schlichtweg gelogen haben – sicher eine Frage, der die Presse im Allgemeinen hätte nachgehen sollen. Besonders ABC News, NBC News, der San Francisco Chronicle sowie die Los Angeles Times haben besonders daran mitgewirkt, die falsche Version des Weißen Hauses publik zu machen, statt es zu einer Stellungnahme aufzufordern, warum es eine völlig falsche Schilderung abgegeben hatte. Diese Zeitungen und TV-Sender sind ihren Lesern und Zuschauern eine Richtigstellung schuldig und müssen herausfinden, warum sie vom Weißen Haus zum Verbreiten einer Lüge missbraucht wurden.

Während die Presse recherchieren sollte, warum das Weiße Haus gelogen hat, sollte sie selbstverständlich auch die Antwort auf die ursprüngliche Frage finden: Warum wurde Bush vom Secret Service nicht unverzüglich an einen sicheren Ort gebracht?

Dieser Aufsatz ist eine gekürzte Fassung des ersten Kapitels aus dem Buch 9/11 Contradictions: An Open Letter to Congress and the Press (Northampton: Olive Branch, März 2008, von David Ray Griffin (deutscher Titel: Widersprüche des 11. September: ein offener Brief an Politiker und Medien).

© Peace Press, 2010 (deutsche Übersetzung)
Übersetzung: Oliver Bommer, Peace Press

© The Canadian am 4. April 2008