1. Kapitel: Beweise für den Tod Osama bin Ladens

Osama bin Laden: Tot oder lebendig?

1. Kapitel

Beweise für den Tod Osama bin Ladens

In diesem Kapitel analysiere ich die diversen Beweise für den Tod Osama bin Ladens in überwiegend chronologischer Reihenfolge.

Dabei beginne ich mit den Berichten von seiner Beerdigung, die am oder um den 15. Dezember 2001 stattgefunden hat.

Berichte über bin Ladens Beerdigung

Am 26. Dezember 2001 erschien in der ägyptischen Zeitung Al-Wafd ein Artikel mit der Überschrift „Nachrichten über bin Ladens Tod und seine Beerdigung vor 10 Tagen“, der auf einer am 25. Dezember in der pakistanischen Zeitung The Observer veröffentlichten Meldung basierte und wie folgt lautete:

Islamabad: Ein hochrangiger Vertreter der afghanischen Taliban-Führung gab gestern den Tod von Osama bin Laden, dem Chef der al-Qaida-Organisation, bekannt und behauptete, dass bin Laden an ernsthaften Lungenkomplikationen litt und eines natürlichen und ruhigen Todes gestorben sei. Dieser Informant, der anonym bleiben wollte, berichtete gegenüber dem pakistanischen Observer, dass er vor zehn Tagen bin Ladens Gesicht bei der Beisetzung gesehen hat, an der neben 30 al-Qaida-Kämpfern auch Mitglieder der bin Laden-Familie sowie einige Freunde der Taliban teilgenommen hätten.

Während der Beisetzungszeremonie seien Salutschüsse abgefeuert worden. Es sei schwierig, behauptete er, den genauen Ort des Begräbnisses zu lokalisieren, weil nach der wahabitischen Glaubensrichtung die Gräber der Verstorbenen nicht gekennzeichnet werden.1

Laut diesem Artikel fand bin Ladens Beerdigung zehn Tage vor dem 25. Dezember 2001, also am 15. Dezember. Da nach dem muslimischen Beerdigungsritus der Tote schnell beigesetzt werden muss, würde dies bedeuten, dass er vermutlich nur ein oder zwei Tage vorher, also am 13. oder 14. Dezember gestorben war. Diese Nachricht wurde in den Vereinigten Staaten am 26. Dezember von dem Fernsehsender Fox News unter dem Titel „Meldung: bin Laden bereits tot“ herausgegeben. Fox News bezieht sich dabei direkt auf den in Pakistan erschienenen Originalbericht:

Der Pakistanische Observer berichtet, dass Usama bin Laden eines ruhigen Todes aufgrund einer unbehandelten Lungenkomplikation gestorben ist und zitiert einen Taliban-Führer, der angeblich der Beerdigung beigewohnt hat. (…) Laut dieser Quelle litt bin Laden an einer ernsten Lungenerkrankung und erlag infolge der Komplikationen Mitte Dezember in der Nähe der Berge von Tora Bora. Der Informant fuhr fort, dass bin Laden an dem Ort, wo er starb, ehrenvoll zur letzten Ruhe gebettet und sein Grab gemäß der wahabitischen Glaubensvorschriften hergerichtet wurde. (…) Die Taliban-Quelle, die behauptete, bin Ladens Gesicht vor der Beerdigung gesehen zu haben, sagte: »Er sah blass aus, (...) aber ruhig, entspannt und zufrieden.«3

Anscheinend hatte niemand aus dem engsten Kreis bin Ladens zu dieser Zeit eine Erklärung abgegeben, die diesem Bericht widersprochen hätte.

Die Antwort des Weißen Hauses auf das am 27. Dezember 2001 veröffentlichte Video

Am 27. Dezember 2001 wurde auf al-Jazeera ein Osama bin Laden zugeschriebenes Video ausgestrahlt. Obwohl der Sprecher nicht die Verantwortung für die Anschläge des 11. September übernahm, lobte er »die 19 Männer, die das amerikanische Imperium erschütterten.« Das Erscheinungsbild des Sprechers4 schien keinen Zweifel daran zu lassen, dass es sich tatsächlich um Osama bin Laden handelte. Entgegen der Behauptung des Londoner Telegraph, die Bush-Administration würde dem Video keine Beachtung schenken, maß sie lediglich der Prahlerei in dieser Nachricht keine Bedeutung bei. So wurden die Muslime dazu aufgerufen, sich darauf zu konzentrieren, die US-Wirtschaft mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zu bekämpfen mit dem Hintergrund, dass die US-Regierung mit ihrer dann am Boden liegenden Volkswirtschaft genug zu tun hätte und nicht auch noch unterdrückte Völker versklaven könne.5

In diesem Video ging es Osama bin Laden augenscheinlich sehr schlecht, möglicherweise war er bereits dem Tode nahe. Wie der Telegraph berichtete, machte der Sprecher einen »eingefallenen, gebrechlichen Eindruck«, sein »Bart war wesentlich weißer als am 3. November, dem Tag der letzten von al-Jazeera gesendeten Videobotschaft [von bin Laden], darüber hinaus wirkte er wesentlich älter als 44.« Auffällig war ebenfalls »bin Ladens linker Arm, der schlaff an seiner Seite hing, während er mit seiner Rechten gestikulierte.«

Die Bush-Regierung deutete an, dass die Ausstrahlung des Videos, zu dem ein Mitarbeiter des Weißen Hauses anmerkte, »bin Laden könnte die Aufzeichnung des Videos mit der Anordnung veranlasst haben, es im Falle seines Todes zu veröffentlichen«, zu diesem Zeitpunkt den Tod bin Ladens bedeuten könnte.

Diese Andeutung, die vermutlich durch die Meldung von bin Ladens Bestattung (obwohl der Telegraph-Artikel diese gar nicht erwähnt) inspiriert worden war, basierte auf einem geheimdienstlichen Bericht. Diesem Bericht zufolge wurden bin Ladens Funksprüche und Telefonate in den Bergen von Tora Bora »regelmäßig bis vor zwei Wochen erfasst [also bis zum 13. Dezember, mithin ca. zwei Wochen vor dem 27. Dezember], danach wurde kein Lebenszeichen mehr festgestellt.« Präsident Bush räumte im privaten Kreis ein, bin Ladens Schweigen könnte bedeuten, dass er getötet worden war,6 so dass das Weiße Haus zu diesem Zeitpunkt augenscheinlich annahm, bin Laden sei tot.

Was das Entstehungsdatum des Videos betrifft, können wir mit Sicherheit sagen, dass es definitiv vor dem 27. Dezember, aber auf jeden Fall nach dem 16. November gedreht worden sein muss, weil sich bin Laden darin auf den Bombenanschlag auf die Moschee in Khost am 16. November bezieht und sich dahingehend äußert, der Anschlag hätte »ein paar Tage zuvor« stattgefunden.7 Neben der Möglichkeit, es als das „am 27. Dezember ausgestrahlte Video“ zu bezeichnen, können wir es daher auch das „Video nach dem 16. November“ nennen.

Verteidigungsminister Rumsfeld und Koalitionsführer Kenton Keith

Der im Telegraph-Artikel zitierte Präsident Bush sowie der Mitarbeiter des Weißen Hauses waren nicht die einzigen Personen der Bush-Administration, die mutmaßten, bin Laden könnte verstorben sein. Weiterhin nennt der Artikel eine Antwort von Verteidigungsminister Rumsfeld auf einen Bericht über den Verbleib von bin Laden: »Wir wissen nicht mit Sicherheit, ob er in Afghanistan oder in einem anderen Land oder tot ist.«8

Obwohl er damit die Lacher auf seiner Seite hatte, wiederholte Rumsfeld diese Worte erneut, als er vor Truppen in Kirgisistan sprach:

Wir bringen bin Laden zur Strecke, wir spüren ihn auf, er versteckt sich. Wir haben nicht die leiseste Ahnung, wo er abgeblieben ist, seit, oh, etwa seit Dezember haben wir nichts Greifbares mehr. Wir wissen nicht, wo er ist. Wir sind ziemlich sicher, dass er entweder tot oder lebendig ist.9

Allem Anschein nach zog Rumsfeld zumindest für die ersten Monate des Jahres 2002 die Möglichkeit des Todes von bin Laden ernsthaft in Betracht.

Ein weiterer US-Repräsentant, nämlich Kenton Keith, Sprecher der US-geführten Koalition in Afghanistan, erwähnte die Möglichkeit, dass »bin Laden während eines intensiven US-Bombenangriffs auf den Höhlenkomplex in Tora Bora getötet worden sein könnte.«10

Pakistans Präsident Musharraf und ein Repräsentant der Bush-Administration

Den gleichen Gedanken äußerte einen Tag zuvor auch ein Alliierter der USA, Pakistans Präsident Pervez Musharraf, der von der Möglichkeit sprach, dass »bin Laden während eines US-Luftangriffs ums Leben gekommen sei.«11

Knapp vier Wochen später deutete Musharraf erneut an, dass bin Laden tot sei, gab aber gegenüber CNN diesmal einen anderen Grund an: »Ich denke jetzt, offen gesagt, dass er tot ist, weil er (…) unter ernsthaften Nierenkomplikationen litt.«

In der darauf folgenden CNN-Meldung mit der Schlagzeile „Musharraf: bin Laden wahrscheinlich tot“ wurde der pakistanische Präsident dahingehend zitiert, dass bin Laden zwei Dialysegeräte mit nach Afghanistan genommen habe, eins davon für seinen persönlichen Bedarf. Dann fügte er hinzu: »Die Fotos, die von ihm im Fernsehen gezeigt wurden, zeigen einen extrem schwachen und kranken Mann. (…) Ich würde zuallererst vermuten, dass er tot ist.«12

Dann ließ CNN einen leitenden Beamten der Bush-Administration zu Wort kommen, der erwähnte, dass, obwohl es sich nur um »eine Vermutung« Musharrafs handle, »es eine würdige und angemessene Schlussfolgerung, eine gute Vermutung ist.«

Dieser Beamte führte weiterhin aus, dass US-Geheimdienstinformationen zufolge bin Laden alle drei Tage eine Dialyse benötige und fügte hinzu: »Es ist ziemlich offensichtlich, dass es sehr problematisch sein muss, wenn jemand von Ort zu Ort flüchtet und mit der Notwendigkeit konfrontiert wird, in den Bergen Strom erzeugen zu müssen.«13

CNN und Dr. Sanjay Gupta

Zwei Tage später, am 21. Januar 2002, strahlte CNN ein Interview aus, in welchem Paula Zahn den medizinischen CNN-Korrespondenten Dr. Sanjay Gupta befragte. Dabei ging es vorrangig um bin Ladens Auftritt in dem am 27. Dezember ausgestrahlten „Video nach dem 16. November“; hier hatte bin Laden ein »mageres, gebrechliches Aussehen«, weißere Haare als zuvor und einen schlaffen linken Arm.

Beim Vergleich dieses Videos mit Fotos, die vor wenigen Monaten von bin Laden gemacht wurden, weist Gupta auf »glänzende Gesichtszüge, die Graufärbung des Bartes, die blasse Haut und seine äußerst magere Erscheinung« hin, was auf eine chronische Erkrankung hinweise. Gupta wurde genauer:

Patienten mit chronischen Nierenleiden weisen oft eine derartige Hautfärbung auf, in jedem Fall aber Dialysepatienten. Er bewegt auch kaum seine Arme. Ich habe mir das Video komplett angesehen, er bewegt seinen linken Arm überhaupt nicht.

Das ist möglicherweise bedeutsam, weil Menschen mit akutem Nierenversagen ein erhöhtes Schlaganfallrisiko haben. Er könnte einen Schlaganfall erlitten haben und kann daher die linke Seite nicht mehr bewegen.

Paula Zahn verwies dann auf den Bericht Musharrafs, dass bin Laden zwei Dialysemaschinen nach Afghanistan importiert habe, worauf Gupta antwortete:

Renale Dialyse – wir reden hier von Hämodialyse – bleibt wirklich nur Patienten vorbehalten, die sich im Endstadium des Nierenversagens befinden. Das bedeutet, dass die Nieren ihre Tätigkeit fast komplett eingestellt haben. Die häufigste Ursache dafür sind beispielsweise Diabetes und Bluthochdruck.

Gupta fügte hinzu:

Im Übrigen laufen Dialysemaschinen nur mit Strom, sie benötigen sauberes Wasser und erfordern eine sterile Umgebung – das Infektionsrisiko ist hierbei extrem hoch. Wenn man nicht all diese Dinge hat sowie über kein einwandfrei funktionierendes Dialysegerät verfügt, ist es unwahrscheinlich, auch nur wenige Tage oder gar eine ganze Woche zu überleben.

»Angenommen, bin Laden hätte alles Erforderliche gehabt, um die Maschinen betreiben zu können, welche Hilfe hätte er darüber hinaus benötigt, um die Behandlung zu organisieren?« fragte Zahn, worauf Gupta abschließend antwortete:

Sicherlich braucht man jemanden, der wirklich weiß, wie man das Dialysegerät bedient. Sie brauchen jemanden, der ständig bin Ladens Blut untersucht, um zu diagnostizieren, welches spezielle Dialysat er benötigt und in der Lage ist, das Dialysat nach Bedarf anzupassen. Also benötigt man einen Nierenspezialisten, einen Techniker – also schon einige Menschen um ihn herum.14

Guptas Aussagen in diesem Interview liefern einen weiteren Grund für die Vermutung, dass Osama bin Laden gestorben ist – kurz nach der Aufzeichnung des „Video nach dem 16.11.“.

CBS News: Osama bin Ladens Dialyse am 10. September 2001

Wie CBS News am 28. Januar 2002 bekannt gab, befand sich Osama bin Laden laut Zeugenberichten am Abend des 10. September 2001 in einem Militärkrankenhaus in der pakistanischen Stadt Rawalpindi. (Rawalpindi liegt in der Nähe von Islamabad, der Flughafen verfügt in der Tat über ein Krankenhaus. In Rawalpindi befindet sich auch das Hauptquartier der pakistanischen Streitkräfte.) CBS berichtete:

Wie CBS Evening News verlauten ließ, war Osama bin Laden in der Nacht vor den Terrorangriffen des 11. September in Pakistan. (…) Pakistanische Geheimdienstquellen informierten CBS News, dass bin Laden für eine Dialysebehandlung in ein Militärkrankenhaus in Rawalpindi eingeliefert wurde. »In dieser Nacht«, so eine Mitarbeiterin, die anonym bleiben möchte, »wurden alle regulären Mitarbeiter der Urologie abgezogen, stattdessen wurde dort ein geheimes Team eingesetzt.« Sie sagte, es hätte sich um die Behandlung einer ganz besonderen Person gehandelt.

»Er war umringt von Militärangehörigen«, teilte uns ein ebenfalls nicht genannter Mitarbeiter des Krankenhauses mit, »ich konnte beobachten, wie dem geheimnisvollen Patienten aus einem Auto geholfen wurde. Seit dieser Zeit«, fuhr er fort, »habe ich viele Bilder von diesem Mann gesehen. Es ist der Mann, den wir alle als Osama bin Laden kennen. Ich hörte, wie sich zwei Armeeoffiziere miteinander unterhielten. Sie sagten, man werde Osama bin Laden sorgfältig beobachten und nach ihm schauen.«

Ahmed Rashid, der über die Taliban ausführlich geschrieben hatte, sagte: »Es gab Berichte, wonach der pakistanische Geheimdienst den Taliban bei der Beschaffung von Dialysemaschinen behilflich war, verbunden mit dem Gerücht, dass diese für Osama bin Laden bestimmt waren.«

Es war Pakistans Präsident Pervez Musharraf, der öffentlich aussprach, was viele vermuteten: dass bin Laden offenbar an einer schweren Nierenerkrankung leidet, dann sagte er, er denke, dass bin Laden dem Tode nahe sei (…)

Es ist für die USA unmöglich zu erfahren, wer innerhalb des pakistanischen Militärs oder der Geheimdienste die Taliban oder Osama bin Laden unterstützt hat, vielleicht sogar noch in der Nacht zum 11. September, um die Dialyse zu organisieren und ihn am Leben zu erhalten.

CBS News behauptete nicht, im Besitz von Beweisen für diese These zu sein. Sie berichteten vielmehr über offizielle Dementis:

Ärzte des Krankenhauses sagten gegenüber CBS News, dass in dieser Nacht nichts Besonderes geschah, doch sie weigerten sich, Aufzeichnungen zu zeigen. Regierungsbeamte, die Montagnacht erreicht werden konnten, dementierten allerdings, dass bin Laden jede wie auch immer geartete medizinische Versorgung erhalten hätte.15

Inhalt sowie Tenor der CBS-Reportage ließen nichtsdestotrotz deutlich werden, dass sowohl der Verdacht, bin Laden könne nierenkrank sein als auch die Berichte, dass er deshalb in der Nacht vor den Angriffen des 11. September behandelt wurde, ernst genommen wurden.

CNN und Peter Bergen

Paula Zahn von CNN widmete sich am 1. Februar 2002 erneut bin Ladens Gesundheit, diesmal im Gespräch mit Peter Bergen, einem Experten für Terrorismus im Allgemeinen und Osama bin Laden im Besonderen. Der Schwerpunkt lag auf einem Interview mit bin Laden, das Ende Oktober 2001 von al-Jazeera auf Video aufgezeichnet wurde und von CNN am 31. Januar 2002 teilweise ausgestrahlt wurde. Als Zahn bat, den Mann in diesem Video mit dem Osama bin Laden zu vergleichen, den Peter Bergen 1997 interviewt hatte, antwortete dieser: »Eigentlich sieht er ziemlich ähnlich aus, ich meine, was sein Auftreten und seine Stimme betrifft. (…) Der große Unterschied ist der, dass er seit 1997 bis zum Oktober des letzten Jahres enorm gealtert ist.«

Nachdem sie sich dann dem „Video nach dem 16. November“ (das am 27. Dezember 2001 ausgestrahlt wurde) zugewandt hatten, äußerte sich Bergen ähnlich wie zuvor schon Dr. Sanjay Gupta:

Dies ist ein Mann, dem es offensichtlich nicht gut geht. Ich meine, wie auf den Bildern zu erkennen ist, sieht er jetzt, im Dezember, ziemlich schrecklich aus. Und in dem Video bewegt er so gut wie nicht die linke Seite. Er ist ganz klar Diabetiker und aufgrund seiner Nierenprobleme offensichtlich auf Dialyse angewiesen.

Zahn beendete das Interview mit den Worten: »Und natürlich ist die Frage, die weiterhin diskutiert wird, nicht nur die, ob es ihm nicht gut geht, sondern ob er heute überhaupt noch am Leben ist.«16

Frühere Hinweise auf bin Ladens Nierenerkrankung

Die Notwendigkeit der Dialyse bei Osama bin Laden hatte bereits Musharraf im Januar 2002 erwähnt. Am 31. Oktober 2001 schrieb eine der führenden Pariser Zeitungen, Le Figaro, in einem Artikel, dass bin Laden unter anderem im Juli 2001 in der urologischen Station des US-Krankenhauses in Dubai behandelt wurde und ein mobiles Dialysegerät bestellt hatte, welches nach Afghanistan geliefert werden sollte.17

Noch am selben Tag (31. Oktober 2001) wurde diese Meldung des Le Figaro auch von United Press International18 herausgegeben; und am darauffolgenden Tag machte der bekannte britische Autor Anthony Sampson durch Veröffentlichungen im Guardian19 sowie in einem Bericht mit der Überschrift „Bin Laden schwer erkrankt: wegen Nierenkomplikationen behandelt“ in der Londoner Times20 diese Tatsache in der englischsprachigen Welt bekannt. Ein oder zwei Monate später erschienene Berichte über das Ableben bin Ladens sollten daher keine allzu große Überraschung sein.

Time Magazine

Die Möglichkeit, dass bin Laden gestorben sein könnte, wurde außerdem dem amerikanischen Volk durch einen Bericht mit dem Titel „Osama bin Laden: tot oder lebendig?“ in der Ausgabe des Time Magazine vom 23. Juni 2002 nahegelegt. Dieser Bericht begann folgendermaßen:

Als die Welt das letzte Mal etwas von Osama bin Laden gehört hatte, gab es Grund zur Annahme, sein Ende sei nahe. In einem im Dezember veröffentlichten Video sah bin Laden bleich aus, mit schleppender Stimme, der linke Arm unbeweglich.

Der Bericht zitierte Pentagon-Beamte, die zugaben, dass man bin Laden »verloren habe« und fügte hinzu:

Verloren haben könnte sicherlich auch tot bedeuten, und eine kleine Minderheit der Beamten im Pentagon sowie in der CIA und beim FBI glauben, dass bin Ladens Verstummen seit Erscheinen des Dezember-Videos darauf hindeutet, dass er ums Leben gekommen ist – wenn nicht durch US-Luftangriffe, dann möglicherweise durch Nierenversagen.

Dieser Artikel folgte allerdings tendenziell der Ansicht des Weißen Hauses, bin Laden sei noch am Leben, würde sich gegenwärtig aber unauffällig verhalten. Allerdings könne, so der Bericht, das Weiße Haus sich nicht mit Sicherheit für die eine oder andere Sichtweise entscheiden. Zum Schweigen Osama bin Ladens schrieb der Autor:

In der Vergangenheit haben die USA versucht, bin Laden festzunageln, indem sie ihn mit elektronischen Mitteln aufspüren wollten, Aufklärungsdrohnen sollten die Kommunikation überwachen, um dann schnell eine Bombe fallen zu lassen. Doch laut militärischer und nachrichtendienstlicher Quellen gibt es seit Dezember keine Signale mehr von bin Laden.

»Die Tatsache ist«, wie der Autor anhand des Schweigens schlussfolgerte, »dass Washington es einfach nicht weiß.«21

Dale Watsen, Chef der Abteilung Terrorismusbekämpfung des FBI

Einer der FBI-Beamten, die vom Tod bin Ladens überzeugt sind, äußerte sich im darauffolgenden Monat öffentlich in einem am 17. Juli 2002 erschienenen Bericht mit der Überschrift „FBI-Beamte glaubt, dass bin Laden tot ist“.

CBS News zitierte Dale Watson, den »ranghöchsten Beamten für Terrorismusbekämpfung und Spionageabwehr im FBI« mit folgenden Worten: »Ich persönlich denke, dass bin Laden wahrscheinlich nicht mehr unter uns weilt.« Obwohl er »keine Beweise dafür habe, die diese Annahme untermauern«, nannte CBS dennoch einige:

Abgesehen von den Spekulationen über bin Ladens Tod ist es bereits mehrere Monate her, dass er zum letzten Mal gesehen wurde; und mit jedem neuen mit ihm aufgezeichneten Video scheinen sich seine Gesundheit und sein Aussehen weiter zu verschlechtern.22

Amir Taheri in der New York Times

Eine Woche vor dem Bericht der CBS News erschien am 11. Juli 2002 in der New York Times ein Artikel des Herausgebers der in Paris ansässigen Vierteljahreszeitschrift Politique Internationale, Amir Taheri. Seine Auffassung, dass Osama bin Laden bereits im Dezember 2001 definitiv verstorben ist, drückte er noch erheblich deutlicher aus als Watson und begann seinen Artikel folgendermaßen:

Osama bin Laden ist tot. Dies berichteten vor rund sechs Monaten afghanische und pakistanische Nachrichtenquellen. Der Flüchtige verstarb im vergangenen Dezember und wurde in der Bergregion im Südosten Afghanistans begraben. Auch Pakistans Präsident Pervez Musharraf bestätigte diese Informationen.

Als Schlussfolgerung aus bin Ladens bisherigem Schweigen lieferte Taheri eine zusätzliche Begründung, warum bin Laden tot sein muss:

Ausgestattet mit einem Ego von der Größe des Mount Everest könnte und würde Osama bin Laden nicht für eine so lange Zeit stumm bleiben, wenn er noch leben würde. Er hat immer gerne Verantwortung übernommen, sogar für Dinge, mit denen er nichts zu tun hatte. Warum also sollte er seit nunmehr neun Monaten schweigen, statt sein Überleben in die Welt hinauszuposaunen?

Taheri schloss mit folgenden Worten:

Der Geist von Mr. bin Laden mag umherirren, vielleicht, weil Washington und Islamabad es als nützlich erachten. Die Partei von Präsident Bush hat eine entscheidende Wahl zu gewinnen, und Pervez Musharraf hat ein starkes Interesse daran, Pakistan solange wie möglich im Rampenlicht zu halten. Aber die Wahrheit ist, dass Osama bin Laden tot ist.23

Die New York Times schien mit der Veröffentlichung des Berichtes diese Behauptung für glaubwürdig zu erachten.

CNN: Bin Ladens Leibwächter nicht mehr bei ihm

Noch im selben Monat untermauerte CNN diese Schlussfolgerungen mit einem Artikel von Kelli Arena und Barbara Starr, CNN-Korrespondentin des Pentagons, mit der Überschrift „Quellen: Keine Leibwächter, kein bin Laden!“ Dieser Bericht vom 30. Juli 2002 begann folgendermaßen:

Wie US-Beamte gegenüber CNN am Dienstag berichteten, wurden einige der Leibwächter Osama bin Ladens gefangen genommen und in Guantanamo Bay auf Kuba inhaftiert. Quellen interpretieren die Tatsache, dass die Leibwächter bin Ladens festgesetzt wurden, dahingehend, dass der meistgesuchte Mann der Welt wahrscheinlich gestorben ist. Nach Informationen der Quellen befinden sich die Leibwächter seit Februar in Haft. Dies sind die aktuellsten Anhaltspunkte, die darauf hindeuten, dass der al-Qaida-Anführer während der US-militärischen Operationen zur Beseitigung der Taliban-Herrschaft in Afghanistan getötet wurde. Mehrere hochrangige US-Beamte sind aufgrund dieser Tatsachen davon überzeugt, dass bin Laden, von dem seit Monaten nichts gesehen oder gehört wurde, tot ist.

Arena und Starr erinnern uns daran, dass bereits in diesem Monat Dale Watson vom FBI diese Ansicht vertrat und zeigen deutlich auf, dass »es nicht genügend Beweise gibt, um ein sicheres Urteil bezüglich des Verbleibs von bin Laden fällen zu können« und »dass nichts darauf hindeutet, dass er noch am Leben ist.«24

Oliver North in der New York Times

Im Monat darauf (August 2002) veröffentlichte die New York Times weitere Argumente, die die These vom Tod Osama bin Ladens untermauern. Philip Shenon schrieb einen Artikel über einen Roman von Oliver North, der sowohl für seine Rolle in der Iran-Contra-Affäre als auch für seine spätere Arbeit als Kommentator bei Fox News bekannt ist. Inspiriert durch den Roman kam Shenon zu dem Schluss, dass es eine Verschwörung zwischen Osama bin Laden und Saddam Hussein gegeben habe. Nachdem er North gefragt hatte, ob er selbst daran glaube, schrieb Shenon:

Mr. North sagte, er zweifle daran, dass es eine solche Verschwörung gab. Und garantiert gibt es auch jetzt keine, weil er, wie er sagt, davon überzeugt ist, dass Mr. bin Laden tot ist, womöglich begraben unter den Trümmern als Folge eines amerikanischen Luftangriffs in Afghanistan. »Ich bin überzeugt, dass Osama tot ist (…)«, sagte Mr. North, »ich bin davon überzeugt, absolut. Und alle anderen Jungs, mit denen ich in Kontakt stehe, sind es auch.«25

Shenon widersprach nicht.

Präsident Hamid Karsai

Im Oktober 2002 – der Monat nach dem ersten Jahrestag der Angriffe des 11. September – lieferten drei der Verbündeten Amerikas, die über einschlägige Informationen verfügten, unterstützende Hinweise für die Vermutung des Ablebens von bin Laden. Einer davon war Hamid Karzai, der Präsident Afghanistans. CNN strahlte am 7. Oktober 2002 eine Nachricht mit der Überschrift „Karzai: bin Laden 'wahrscheinlich' tot“ aus, in der Karzai erklärte:

Ich würde sagen, dass bin Laden wahrscheinlich tot ist. Aber dennoch, man kann nie wissen. Er könnte noch am Leben sein. Vor fünf, sechs Monaten dachte ich noch, er würde noch leben. Je länger wir nichts von ihm hören und je mehr Zeit vergeht, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass er vermutlich tot ist oder irgendwo schwer verletzt wurde.26

Der israelische Geheimdienst

Neun Tage später, am 16. Oktober 2002, untermauerte ein Artikel mit der Überschrift „Geheimdienst: bin Laden ist tot, Nachfolger wurde gewählt“ in der World Tribune diese Wahrscheinlichkeit. Unter Berufung auf Quellen innerhalb der israelischen Geheimdienste hieß es in dem Artikel:

Nach Angaben der israelischen Quellen waren sich Israel und die Vereinigten Staaten darüber einig, dass bin Laden während des Afghanistan-Feldzuges des US-Militärs im Dezember vermutlich ums Leben gekommen ist. Sie erklärten, dass es sich bei den neuen Botschaften von bin Laden wahrscheinlich um Fälschungen handelt. Die Quellen führten weiterhin aus, dass al-Qaida bereits bin Ladens Nachfolger bestimmt hätte, dieser wäre noch nicht namentlich bekannt, dabei dürfte es sich aber nicht um bin Ladens Sohn Saad handeln.

Besonders signifikant für dieses aktuell vorliegende Buch ist die Aussage der israelischen Geheimdienstquellen, dass »es sich bei den neuen Botschaften von bin Laden wahrscheinlich um Fälschungen handelt.«

Darüber hinaus drückte der World Tribune-Artikel eine gewisse Skepsis gegenüber jüngsten Informationen aus, die besagen, bin Laden wäre noch am Leben:

Ayman Zawahiri [sic], der Stellvertreter bin Ladens, soll angeblich Anfang dieser Woche ein Video veröffentlicht haben, in welchem er behauptet, der al-Qaida-Führer wäre am Leben und sei arbeitsfähig. Bin Ladens Stimme war auf dem Band allerdings nicht zu hören.27 [Anmerkung des Autors: Obwohl der Name dieses Mannes oft, wie hier auch, mit „al-Zawahiri“ umgeschrieben wird, sollte er korrekt mit „al-Zawahri“ wiedergegeben werden.]

Mit anderen Worten: Wäre bin Laden noch in der Tat am Leben und hätte al-Qaida die Welt davon überzeugen wollen, warum haben sie dann nicht einfach ein Video veröffentlicht, in dem bin Laden selbst zu sehen ist und über die jüngsten Ereignisse spricht?

Pakistanische Quellen

Zusätzliche Belege für den Tod bin Ladens lieferte ein Bericht von ArabicNews.com am 26. Oktober 2002 mit der Überschrift „Pakistanisches Dokument: bin Laden ist tot“:

In der gestrigen Ausgabe der in Paris ansässigen Zeitung al-Watan al-Arabi wurde berichtet, dass pakistanische Quellen den Tod des al-Qaida-Führers Osama bin Laden als Folge des amerikanischen Luftangriffs bestätigen (…) und weisen darauf hin, dass die USA die Nachricht von seinem Tod geheim halten, weil sie ein Erstarken der Friedensbewegung befürchten, die einen Stopp der internationalen Kampagne gegen den Terrorismus und den Abzug der amerikanischen Truppen fordert.

In ihrer jüngsten Ausgabe der Zeitschrift nannten dieselben Quellen in einem Exklusivbericht die Gründe dafür, warum Washington die Nachrichten über den Tod von Osama bin Laden der Öffentlichkeit verschweigt: Die Falken in der US-Administration wollen al-Qaida und den internationalen Terrorismus instrumentalisieren, um den Irak erobern zu können, und sie erwarten, dass der Tod bin Ladens erst nach Abschluss der Angriffspläne gegen den Irak bekannt gegeben wird.28

Abgesehen von diversen Argumenten für die Einschätzung, dass bin Laden seit einigen Monaten tot ist, lieferte dieser Bericht eine mögliche Erklärung dafür, warum die Bereitschaft der Bush-Administration, diese Tatsache öffentlich bekanntzugeben, im Jahre 2002 zwar noch vorhanden war, im Laufe der folgenden Jahren aber immer geringer wurde.

Eine längere Pause, der weitere Aussagen von Rumsfeld folgten

In der Tat schienen im Jahre 2003 und fast das ganze Jahr 2004 hindurch wenige beziehungsweise gar keine US-Beamten oder Nachrichtenagenturen öffentlich zu erklären, dass bin Laden tot sein könnte. Den ersten Zweifel seit 2002 in Bezug darauf, dass bin Laden noch leben könnte, äußerte ein ranghoher US-Regierungsangehöriger am dritten Jahrestag des 11. September.

Während einer Rede am 11. September 2004 sagte Verteidigungsminister Rumsfeld: »Wenn Osama bin Laden überhaupt noch lebt, muss er eine Menge Zeit dafür aufwenden, nicht erwischt zu werden. Und seit 2001 ist er in keinem Video mehr aufgetaucht.«29

Ende des Monats erörterte Rumsfeld erneut diese Frage in einem Interview mit Rita Crosby von Fox News. Bezugnehmend auf den Hinweis eines CENTCOM-Generals [CENTCOM ist das zuständige Regionalkommando des US-Militärs für Ostafrika, den Nahen Osten und Zentralasien] in einem Fox News-Interview, bin Laden könnte tot sein, fragte Crosby: »Was denken Sie darüber?« Rumsfeld antwortete:

Ach, du meine Güte. Wissen Sie, seit 2001 haben wir ihn nicht auf Video gesehen, im Dezember, glaube ich. (…) Wir wissen nicht sicher, ob er noch lebt, weil wir ihn nicht mehr gesehen haben.

Wir nehmen an, dass er lebt. Weiterhin vermute ich, im Gegensatz zur CIA, dass, wenn er noch am Leben wäre, er sich gerne per Video präsentieren würde, dies aber aus irgendeinem Grunde nicht macht.30

Obwohl Rumsfeld damit seine Überzeugung zum Ausdruck brachte, bin Laden würde noch leben, lieferte er damit eigentlich Beweise für das Gegenteil. Abgesehen von der Anerkennung der Tatsache, dass bin Laden seit Dezember 2001 nicht mehr gesichtet wurde, wiederholte Rumsfeld das Argument von Amir Taheri aus dem Artikel in der New York Times im Jahre 2002: Wäre Osama bin Laden tatsächlich noch am Leben, würde er sich wahrscheinlich in einem Video präsentieren, um sein Überleben zu demonstrieren.

Declan Walsh und der frühere CIA-Experte Michael Scheuer

Weitere Nahrung für die These, dass bin Laden tot ist, lieferte, wenn auch unbeabsichtigt, ein Artikel von Declan Walsh im Londoner Guardian am 11. September 2006. Zwar schrieb Walsh unter der Prämisse, bin Laden wäre noch am Leben, listete aber dennoch vier Punkte auf, die eher als Beweise für das Gegenteil angesehen werden können:

Erstens: Walsh zitierte den ehemaligen CIA-Ermittler Michael Scheuer, der im Jahre 1996 die bin Laden-Einheit der CIA aufgebaut hatte, mit den Worten: »Soweit ich weiß, gibt es seit Tora Bora keine ernsthaften, glaubwürdigen Informationen über seinen Aufenthaltsort.«

Zweitens: Walsh erwähnte – zusätzlich zu dem Le Figaro-Bericht aus dem Jahr 2001 über bin Ladens Nierenbehandlung in Dubai – einen Journalisten aus Peshawar, dem im Jahre 1998 während eines Interviews mit bin Laden »dessen hoher Konsum von Wasser und grünem Tee aufgefallen war, was auf eine Nierenerkrankung hindeuten könnte.«

Drittens: Walsh wies darauf hin, dass »das von den USA auf bin Laden ausgesetzte Kopfgeld in Höhe von 25 Millionen Dollar – beworben im pakistanischen Fernsehen und mit billigen, vom Außenministerium in Auftrag gegebenen Streichholzschachteln, die sein Konterfei zeigten – nie in Anspruch genommen wurde.« Er zitierte einen US-Beamten, der diese seltsame Tatsache damit erklärte, die pakistanische Bevölkerung würde »sich nicht kaufen lassen«, eine plausiblere Erklärung hingegen – legt man Walshs Betrachtungsweise zugrunde – könnte sein, dass »51 Prozent der Pakistanis (…) bin Laden unterstützen«, was wiederum impliziert, dass nahezu die Hälfte dies nicht tut, ja, dass es überhaupt keinen Osama bin Laden gibt, den man verraten könnte.

Viertens: Walsh berichtete über die Enthüllung Scheuers, dass die bin Laden-Einheit der CIA aufgelöst wurde, was auch völlig natürlich wäre, wenn die CIA Kenntnis vom Tod bin Ladens gehabt hätte oder zumindest fest davon überzeugt gewesen wäre, dass bin Laden bereits tot war.31

Auch wenn Walsh seinen Artikel, wie faktisch alle anderen Journalisten, die sich mit diesem Thema auseinandergesetzt haben, so formuliert hatte, als gäbe es kaum einen Zweifel daran, dass bin Laden noch am Leben sei, nannte er dennoch erhebliche Indizien für die Schlussfolgerung, dass bin Laden tot ist.

Neu betrachtet: Die letzten Kommentare von Baer und Codevilla

Den Lesern, die bisher nicht mit der öffentlichen Diskussion dieser Frage vertraut sind, vor allem nicht mit derjenigen der Jahre 2001 und 2002, mögen die Kommentare der ehemaligen Geheimdienstbeamten Robert Baer und Angelo Codevilla am Anfang dieses Buches, die darauf schließen lassen, dass Osama bin Laden wahrscheinlich tot ist, unbegründet erscheinen. Wie wir gesehen haben, wird ihre Auffassung aber durch erhebliche Beweise gefestigt.

In den ersten Jahren nach den Anschlägen des 11. September vertraten ebenfalls verschiedene mit den Fakten betraute Personen die Auffassung, dass bin Laden im Jahr 2001 gestorben sein könnte, unter anderem Kenton Keith (der erste Kommandant der US-geführten Koalition in Afghanistan), US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und Berichten zufolge auch Präsident Bush. Den Verdacht, dass bin Laden wahrscheinlich tot ist, äußerten weiterhin Dale Watson, Chef der FBI-Antiterroreinheit, Pakistans Präsident Musharraf sowie Afghanistans Präsident Karzai, Quellen innerhalb des israelischen Geheimdienstes und (indirekt) auch Dr. Sanjay Gupta.

Dem Grundgedanken, dass bin Laden definitiv gestorben ist, folgten pakistanische Quellen (die von seiner Beerdigung berichteten), Amir Taheri (in einem Aufsatz, der von der New York Times für veröffentlichungswürdig erachtet wurde) und Oliver North.

Baers Bericht mit dem Resultat, dass unter den von ihm befragten CIA-Offizieren, die mit der Fahndung nach bin Laden beauftragt waren, sich kein einziger befand, der mit Sicherheit die Existenz bin Ladens bestätigen konnte, überrascht weitaus weniger, wenn man feststellt, dass noch im Jahre 2002 Oliver North dargelegt hatte, dass »all die anderen Jungs [mit denen er in Verbindung stand]« mit ihm konform gingen, dass bin Laden bereits tot war.

Schlussendlich veröffentlichte die Presse in den vergangenen Jahren – vor den Aussagen Baers Ende 2008 und Codevillas Anfang 2009 – wenige bis gar keine Berichte über einen möglichen Tod Osama bin Ladens, eine Tatsache, die, als Baer sie im National Public Radio kommentierte, wahrscheinlich viele Hörer überraschte, denn gerade in den Jahren 2001 und 2002 erschienen häufig solche Meldungen in Fernsehen, Rundfunk und Presse, darunter CNN, CBS, Fox News, Time, der New York Times sowie dem Telegraph.

Warum gab es seit 2002 bis hin zu Baers Erklärung im Jahre 2008 so gut wie keine öffentliche Diskussion darüber, dass bin Laden möglicherweise bereits im Dezember 2001 verstorben ist? Ein möglicher Grund ist, dass nach 2002 offenbar schlüssige Beweise für die Existenz bin Ladens ans Tageslicht kamen, die Spekulationen über seinen möglichen Tod verstummen ließen. Derartige Beweise, hauptsächlich in der Form von Audio- und Videokassetten mit Botschaften von bin Laden, tauchten tatsächlich auf, die wir später noch genau betrachten werden.

Baers Bemerkung spiegelt dennoch nicht seine Unwissenheit bezüglich der Existenz solcher Bänder wider, sondern drückt vielmehr seine Überzeugung aus, dass diese Medien vermutlich nicht authentisch sind. Nachdem er »Selbstverständlich ist er tot!« gesagt hatte, fuhr er fort:

Wo sind die DVDs? (…) Wie Sie wissen, kann man solche Dinge manipulieren, Stimmen können verfremdet werden. Wir können diese Aufnahme nehmen und so verändern, dass es nachher das absolute Gegenteil vom dem ist, was ich gesagt habe. Ihre Techniker sind in der Lage dazu.32

Bezugnehmend auf die angeblich von bin Laden stammenden nach dem 11. September erschienenen Bänder äußerte Baer:

Experten werden Ihnen erklären, dass es schon mit Standardsoftware möglich ist, ältere Sprachaufnahmen von bin Laden digital so zu manipulieren, als würde er über aktuelle Ereignisse sprechen.33

Auch Angelo Codevilla äußerte – in voller Kenntnis der Existenz der Aufnahmen – seine Überzeugung über bin Ladens Tod:

Die angeblich von Osama stammenden Audio- und Videobänder haben unbeteiligte Beobachter nie überzeugt. Der Kerl sieht einfach nicht aus wie Osama. Einige Videos zeigen ihn mit einer typisch semitisch gebogenen Nase, während andere ihn mit einer kürzeren, breiteren zeigen.

Darüber hinaus klingt Osama auf den Bändern nicht wie Osama, (…) vor allem (…) die Ausdrucksweise der angeblichen Osama-Bänder unterscheidet sich grundlegend von der des echten Osamas.34

Nun wende ich mich der Frage zu, ob Baer und Codevilla Recht haben oder ob im Gegenteil die vorgebrachten Beweise für bin Ladens Existenz auch stichhaltige Beweise sind. Die Frage, ob einige der Osama bin Laden zugeschriebenen Bänder hinreichende Beweise für seine tatsächliche Existenz sein können, ist sicher die gleiche wie die Frage, ob sie im Rahmen einer kritischen Überprüfung den Verdacht, sie könnten gefälscht sein, zu beseitigen vermögen.

Wie bereits gesagt, bekräftigten im Jahre 2002 israelische Geheimdienstquellen diesen Verdacht; sie gaben an, dass, »wenn bin Laden vermutlich seit 2001 tot ist, neue Nachrichten von ihm wahrscheinlich Fälschungen sein müssen.«35

Es gibt, wie wir sehen werden, zahlreiche weitere Beweise, die diesen Verdacht untermauern.