10. Kapitel: Die Notwendigkeit einer umfassenden Untersuchung

Das neue Pearl Harbor - Band 1
Beunruhigende Fragen zur Bush-Regierung und zum 11. September

Teil 3: Die größeren Zusammenhänge

10. Kapitel

Die Notwendigkeit einer umfassenden Untersuchung

Ich habe Gründe dafür vorgebracht, daß unsere »Vierte Gewalt« eine gründliche Untersuchung der Art von Informationen durchführen muß, die in diesem Buch zusammengefaßt werden. Dies ist nur dann üblich, wenn die Presse den Weg vorgibt, den eine offizielle Untersuchung übernommen hat. Doch letztlich wird es die offizielle Untersuchung sein, die entscheidend ist. Beim Nachdenken darüber, welche Art von Untersuchung nun erforderlich ist, wird es hilfreich sein, die offiziellen Untersuchungen zu überprüfen, die bisher genehmigt wurden, und auch die Hindernisse, die ihnen von der Bush-Regierung in den Weg gelegt worden sind.

Die Gemeinsame Untersuchungskommission

Wie wir gesehen haben, führten die Geheimdienstausschüsse des US-Senats und des Repräsentantenhauses im Jahre 2002 eine Gemeinsame Untersuchungskommission (Joint Inquiry) durch. Wie wir ebenfalls gesehen haben, gibt es jedoch zahlreiche Gründe, den Bericht, den diese Untersuchungskommission veröffentlicht hat, als mangelhaft zu erachten. Beispielsweise gelangt die Kommission zu dem Schluß, daß US-Geheimdienstbehörden nicht nur keine spezifischen Informationen über unmittelbar bevorstehende Anschläge besaßen, sondern nicht einmal erwarteten, daß Anschläge innerhalb der Vereinigten Staaten stattfinden würden. Der Bericht legt stattdessen nahe, daß Bundesbehörden schuld daran waren. Tatsächlich wurde der Bericht von der Presse als »vernichtende Anklage« gegenüber den Geheimdienstbehörden beschrieben. Doch die genannten Probleme – wie beispielsweise unzureichende Kommunikation zwischen Behörden, das Versagen, recht offensichtliche Schlüsse zu ziehen und das Versagen, Warnungen mit ausreichender Ernsthaftigkeit zu begegnen – passen allesamt zur Inkompetenz- und Zufallstheorie.

Angesichts der in diesem Buch zusammengefaßten Beweise ist die zugrundeliegende Schwäche der Joint Inquiry, daß ihre Mitglieder offenbar von Anbeginn einfach von der Tatsache ausgingen, daß es keine vorsätzliche Tatbeteiligung gab, was durch die Tatsache illustriert wird, daß die Aussagen der verschiedenen Zeugen offensichtlich für bare Münze genommen wurden. Zum Beispiel, als NSA-Beamten aussagten, sie hätten die spezifischen Warnungen, die zwischen dem 8. und 10. September abgefangen wurden, erst nach den Anschlägen übersetzt, wurde diese Zeugenaussagen einfach als die Wahrheit akzeptiert. Als Beamte im FBI-Hauptquartier sagten, daß sie die FISA-Standards für das Erlassen einer Befugnis mißverstanden hätten, wurde diese Zeugenaussage als die Wahrheit akzeptiert, trotz Beweisen für absichtliche Sabotage.

Es gibt mehrere mögliche Erklärungen für die Unzulänglichkeit der Joint Inquiry. Eine davon ist, daß eine gründliche Untersuchung der vielen Fragen, die von Kritikern der offiziellen Darstellung erhoben wurden, einfach weitaus mehr Zeit und Ressourcen in Anspruch genommen hätte, als dieser Kommission gewährt wurden, die Berichten zufolge nur neun öffentliche Anhörungen und dreizehn nichtöffentliche Sitzungen umfaßte.

Aber es gibt ebenfalls Gründe für die Annahme, daß Einschüchterung den investigativen Eifer einiger Mitglieder gedämpft haben könnte. Thompson zitiert einen Bericht, der besagt, daß FBI-Agenten im August 2002 fast alle 37 Angehörigen des Geheimdienstausschusses des Senats und des Repräsentantenhauses zu Informationslecks mit Bezug zum 11. September befragten. Die Agenten forderten sogar, daß sich diese Senatoren und Abgeordneten einem Lügendetektortest unterzogen und Telefonaufzeichnungen und Terminkalender aushändigten. Ein Professor für Rechtswissenschaften kommentierte diese Forderung folgendermaßen: »Es schafft eine große Abschreckungswirkung auf diejenigen, die dem FBI kritisch gegenüberständen.«1 Einige Senatoren und Abgeordneten äußerten tiefe Besorgnis über die Verletzung der Gewaltenteilung, wobei Senator John McCain sagte: »Was Sie hier haben, ist eine Organisation, die Akten über Personen erstellt, die genau diese Organisation untersuchen.« Das FBI, so ein anderer Senator, »versucht, unseren Aktivitäten einen Dämpfer zu verpassen, und ich denke, sie werden erfolgreich sein.«2

Jenseits der Probleme mit der Joint Inquiry stellt sich die weitreichendere Frage, warum der Kongreß nicht unverzüglich eine vollständige Untersuchung des 11. September vornahm. Die Aufgabe einfach den Geheimdienstausschüssen zuzuweisen, implizierte, daß bereits bekannt war, daß der Erfolg der Anschläge des 11. September nichts anderes als das Ergebnis von Geheimdienstversagen war. Eine weitreichendere Untersuchung war offensichtlich nicht vorgenommen worden, weil die Kongreßführer den Aufforderungen des Weißen Hauses stattgaben, den Umfang ihrer Untersuchung einzuschränken. Sowohl Präsident Bush als auch Vizepräsident Cheney baten Berichten zufolge in persönlichen Appellen den Mehrheitsführer im Senat, Tom Daschle, darum, »daß nur die Geheimdienstausschüsse des Senats und Repräsentantenhauses die möglichen Pannen bei Bundesbehörden untersuchen, die die Terroranschläge zugelassen haben konnten, anstelle einer umfassenderen Untersuchung, die einige Abgeordnete vorgeschlagen haben.« Bush und Cheney stellten diesen Antrag, so behaupteten sie, weil eine umfassendere Untersuchung Ressourcen und Personal »vom Krieg gegen den Terrorismus« abziehen würde.3 In Anbetracht der Tatsache, daß Bush und Cheney aktuell zu den Hauptverdächtigen gezählt werden müssen, wäre es offensichtlich problematisch, wenn ihnen gestattet würde, die Ursache der Anschläge des 11. September zu bestimmen – daß es sich um »Pannen« handelten statt »Tatbeteiligung« – und somit den Umfang der Untersuchung durch die Volksvertreter zu begrenzen. Normalerweise gestatten wir den Verdächtigen in einer Untersuchung nicht, derartige Entscheidungen zu treffen.

Trotz all dieser Probleme war die Arbeit der Joint Inquiry dennoch nicht vergebens. Sie bot genug schädliche Enthüllungen, um Präsident Bush, nachdem er sich lange gegen die Schaffung eines speziellen Untersuchungsgremiums gesträubt hatte, kaum eine andere Wahl zu lassen als die Schaffung ›Der Nationalen Kommission zu Terroranschlägen auf die Vereinigten Staaten‹, die informell als ›Unabhängige 9/11-Kommission‹ bekannt ist.4

Die Unabhängige 9/11-Kommission

Obwohl es gut war, daß diese Kommission endlich aufgestellt wurde, war sie ebenfalls mit Problemen durchsetzt. Ein Problem war, daß ihr die Bush-Regierung von Anfang an Hindernisse in den Weg stellte. Ein unmittelbares Hindernis waren die äußerst geringen Geldmittel, die die Regierung bewilligte, um die Arbeit der Kommission zu finanzieren. Im Januar 2003 wurden der Kommission lediglich drei Millionen Dollar gewährt – wohingegen einer Regierungskommission zur Untersuchung des legalisierten Glücksspiels im Jahre 1996 fünf Millionen Dollar gewährt worden waren.5 Im März 2003 berichtete das Time-Magazin, die Kommission habe die Bush-Regierung um weitere elf Millionen Dollar gebeten, was jedoch abgelehnt wurde. Ein Kommissionsmitglied betonte, daß der Antrag keinesfalls übertrieben war, und merkte an, daß der Kommission zur Untersuchung der Katastrophe der Raumfähre Columbia im Gegensatz dazu 50 Millionen Dollar zur Verfügung standen. Stephen Push, ein Wortführer der Opferfamilien, sagte, daß diese Ablehnung suggerierte, die Bush-Regierung sähe dies »als eine bequeme Möglichkeit, die Kommission zum Scheitern zu bringen. Sie haben die Kommission nie gewollt und ich spüre, das Weiße Haus suchte die ganze Zeit nach einem Weg, sie zu töten, ohne ihre Finger direkt an der Mordwaffe zu haben.«6 Erst nachdem weitere Zeit vergangen war, wurde die zusätzliche Finanzierung schließlich genehmigt.

Noch ein weiteres Hindernis war, daß, obwohl das Mandat der Kommission vorgab, daß sie ihre Arbeit bis Mai 2004 abzuschließen hatte, die Bush-Regierung sehr langsam bei der Ausstellung der erforderlichen Sicherheitsfreigaben für das Personal der Kommission war. Beispielsweise hatte sogar Slade Gorton, ein ehemaliger republikanischer US-Senator mit großer Erfahrung in Geheimdienstfragen bis zum 12. März 2003 immer noch keine Sicherheitsfreigabe erhalten, weshalb der ehemalige demokratische Kongreßabgeordnete Lee Hamilton, Vizevorsitzender der Kommission, sagte: »Es ist schon erstaunlich, daß jemand wie Senator Gorton keine sofortige Freigabe erhalten kann.«7 Als Ergebnis dieser Verzögerungen hatte die Kommission zu der Zeit, als sie schließlich in der Lage war, Mitte 2003 ihre Arbeit aufzunehmen, weniger als ein Jahr für die Durchführung ihrer Arbeit zur Verfügung.

Ein weiteres Hindernis waren Schwierigkeiten, Zugang zu benötigten Dokumenten und Zeugen zu erlangen. Obwohl diese Kommission den Abschlußbericht der Joint Inquiry als Ausgangspunkt verwenden sollte, gestattete die Bush-Regierung die Freigabe des Berichts erst Ende Juli 2003. Auch beschwerte sich der Vorsitzenden der Kommission, Thomas H. Kean, kurz vor der Veröffentlichung des Berichts, daß das Justizministerium und weitere Bundesbehörden Dokumente zurückhielten – was sie offensichtlich nicht getan hätten, wenn sie vom Weißen Haus angewiesen worden wären, diese auszuhändigen. Kean beklagte außerdem, daß Bundesbehörden darauf bestanden, »Aufpasser« dabei zu haben, wenn einer ihrer Mitarbeiter als Zeuge aussagen sollte, was Kean (vernünftigerweise) als Versuch interpretierte, diese Mitarbeiter einzuschüchtern. Auch gab das Weiße Haus zu verstehen, daß der Präsident selbst keine Zeugenaussage machen würde, zumindest nicht unter Eid.

In Anbetracht der enormen Menge an Fragen zum 11. September reichten diese Hindernisse wahrscheinlich für sich alleine bereits aus, um die Kommission daran zu hindern, definitive Antworten auf die meisten Fragen zu geben, selbst wenn die Kommission die unabhängigste und aggressivste Untersuchung durchgeführt hätte, die in der verbleibenden Zeit möglich gewesen wäre. Tatsächlich sagte im Oktober 2003 ein Mitglied der Kommission, der ehemalige Senator Max Cleland, gegenüber New York Times-Reporter Philip Shenon, daß die Kommission nicht in der Lage sei, ihre Arbeit bis Mai 2004 abzuschließen und fügte hinzu: »Es ist offensichtlich, daß das Weiße Haus hier auf Zeit spielen will. … Wir sind noch immer mit einigen stellvertretenden Anwälten des Weißen Hauses in Verhandlungen, um diese Dokumente zu bekommen – es ist widerlich.« Obwohl Cleland Demokrat ist, war diese Haltung, berichtete Shenon, parteiübergreifend, wobei sich Slade Gorton ebenfalls beschwerte, daß die »mangelnde Kooperation« es der Kommission »sehr schwierig« machen würde, ihre Arbeiten fristgerecht abzuschließen.8

Die von der Bush-Regierung geschaffenen Hindernisse waren jedoch nicht das einzige Problem. Ein weiterer Grund, daran zu zweifeln, daß der Bericht der Kommissions viele Fragen beantworten würde, war, daß die Führungspersonen ihre Aufgabe als eng begrenzt ansahen: »Der Schwerpunkt der Kommission wird auf der Zukunft liegen«, sagte der stellvertretende Vorsitzende Hamilton. »Wir sind nicht daran interessiert zu versuchen, Schuld zu beurteilen, und halten dies nicht für einen Teil der Verantwortung der Kommission.«9 Mit anderen Worten näherte sich die Kommission offenbar ihrer Aufgabe, indem sie einfach die Inkompetenztheorie stillschweigend voraussetzte, so daß die Frage der offiziellen Tatbeteiligung nicht einmal untersucht würde. Hamiltons Worte schienen tatsächlich zu implizieren, daß die Kommission nicht einmal Schuld im Sinne von Inkompetenz beurteilen würde. Mit der Aussage, daß der Schwerpunkt der Kommission »auf der Zukunft liegen wird«, deutete Hamilton offensichtlich an, daß die Kommission sich selbst strikt auf die Frage beschränken würde, wie sicherzustellen sei, daß nicht erneut ein »Zusammenbruch« stattfindet.

Nun, wo wir die von Kritikern der offiziellen Darstellung erhobenen Fragen vor uns haben, zusammen mit der darin implizit enthaltenen alternativen Theorie, können wir die Absurdität eines solch begrenzten Mandats erkennen. Jede Erklärung, wie die Anschläge des 11. September stattgefunden haben könnten, setzt entweder eine Tatbeteiligung auf der höchsten Ebene der US-Regierung voraus oder einen beispiellosen systemweiten Zusammenbruch der Fähigkeit dieses Landes, sich vor einer sehr groben Anschlagsform zu schützen – und dies trotz der Tatsache, daß ein riesiger Teil des Billionen-Dollar-Budgets unserer Nation jährlich in die »Verteidigung« und die »Geheimdienste« fließt. Angesichts der scheinbar erzwungenen Wahl zwischen diesen beiden Erklärungen, wäre das Versäumnis der Kommission, Schuld zu beurteilen, eine enorme Pflichtverletzung. Wir brauchen eine Untersuchung, die versuchen wird, die Schuld dort zu suchen, wo sie hingehört. Wir brauchen außerdem eine Untersuchung, die nicht davor zurückschreckt zu fragen, ob der 11. September eher Ergebnis amtlicher Tatbeteiligung ist als lediglich massiver Inkompetenz.

Um gegenüber Hamilton und den anderen Mitgliedern gerecht zu sein, muß hinzugefügt werden, daß der Kommission ihre begrenzte Reichweite möglicherweise auferlegt wurde. Ich habe Berichte gelesen, daß Präsident Bush der Unabhängigen 9/11-Kommission nur unter der Bedingung zugestimmt hat, daß der Umfang auf die Frage begrenzt würde, wie ähnliche Zusammenbrüche in der Zukunft verhindert werden können – mit anderen Worten, nur unter der Bedingung, daß die Kommission nur dem Namen nach unabhängig wäre und nicht frei, selbst die Art und den Umfang ihrer Untersuchung zu bestimmen.

In jedem Fall und unabhängig davon, was die Fakten in bezug auf das Mandat der Kommission sein mögen, machte der Präsident es eindeutig zur Bedingung für seine Zustimmung zu einer solchen Kommission, daß er ihren Vorsitzenden einsetzen dürfe.10 Bushs erste Wahl, die viele Beobachter für unglaublich hielten, war Henry Kissinger. Es gab eine weit verbreitete Skepsis gegenüber Kissingers Fähigkeit, die Kommission auf eine unabhängige und unparteiische Weise zu leiten.11 »In der Tat«, so die New York Times, »ist es verlockend zu fragen, ob die Wahl von Herrn Kissinger nicht ein geschicktes Manöver des Weißen Hauses ist, eine Untersuchung einzudämmen, der sie sich lange widersetzt hat.«12 Die Skepsis gegenüber Kissingers Fähigkeiten zur Unabhängigkeit basierte teilweise auf Berichten über mögliche Interessenkonflikte, zu denen das Weiße Haus ihn offenbar nicht befragt hatte. Erstens bekam Kissinger riesige Beratungshonorare von Unternehmen mit hohen Investitionen in Saudi-Arabien.13 Und selbstverständlich war Saudi-Arabien, neben der Tatsache, daß Berichten zufolge zahlreiche Entführer des 11. September von dort kamen, das Land, das laut John O'Neill und anderen Geheimdienstmitarbeitern ebenfalls die fortdauernde Hauptquelle an Unterstützung für al-Qaida war. Über Kissingers Beziehung zu Unocal – der Ölgesellschaft mit Plänen, eine Pipeline durch Afghanistan zu bauen – wurde ebenso berichtet.14 Das offensichtliche Problem ist hierbei, daß die Anschläge des 11. September die Grundlage für einen Krieg in Afghanistan lieferten, wonach die Vereinigten Staaten eine Marionettenregierung installierten, die von einem ehemaligen Unocal-Mitarbeiter angeführt wurde, und entlang der vorgeschlagenen Route für die Pipeline Militärbasen platzierten. Die Tatsache, daß Präsident Bush jemanden einsetzen wollte, dem finanzielle Verbindungen sowohl zu Unocal als auch zu Saudi-Arabien nachgesagt werden, legt, um es gelinde auszudrücken, nahe, daß die Unparteilichkeit des Vorsitzenden der Kommission nicht sein Hauptanliegen war. Bush erklärte in der Tat, daß Kissinger nicht verpflichtet sei, seine Geschäftskunden offenzulegen. Der Congressional Research Service sagte jedoch etwas anderes, und statt der Offenlegung trat Kissinger lieber zurück.15

Erst nach diesem Debakel wurde Thomas Kean Vorsitzender. Kean, ehemaliger Gouverneur von New Jersey, war zum Zeitpunkt seiner Ernennung Präsident der Drew University. Weil er seine Tätigkeit als Hochschulpräsident fortsetzen sollte, hätte Kean nur begrenzte Zeit gehabt, um sich der Kommission zu widmen. Kritiker beschwerten sich ferner über mögliche Interessenkonflikte, wobei das Hauptproblem seine Mitgliedschaft im Aufsichtsrat von Amerada Hess war, einer weiteren Ölgesellschaft mit umfangreichen Investitionen in Zentralasien. Amerada Hess hatte sich darüber hinaus mit der saudi-arabischen Delta Oil verbunden – einer der Firmen des CentGas-Konsortiums – um Hess-Delta zu bilden.16 Alle weiteren Mitglieder des Gremiums standen darüber hinaus Berichten zufolge mindestens in einem möglichen Interessenkonflikt.17

Problematisch ist ebenfalls die Tatsache, daß der Präsident auch den leitenden Direktor des Gremiums, Philip Zelikow, ernannte, der engstens mit der Bush-Regierung verstrickt war. Er war kurz nach dem 11. September in Bushs Beratungsgremium für Auslandsnachrichtendienste (Foreign Intelligence Advisory Board) berufen worden. In der Regierungszeit von George Bush Senior diente er zusammen mit Condoleezza Rice im Nationalen Sicherheitsrat und arbeitete später mit ihr an einem Buch.18 Stephen Push, einer der Gründer der ›Familien des 11. September‹, äußerte sich zu dem Problem, »Kommissionsmitglieder und Mitarbeiter zu finden, die wirklich unabhängig sind.« Er gab zu verstehen, daß ihm unwohl bei der Tatsache war, »daß Philip Zelikow eine so enge Beziehung zu Rice und anderen Personen hat, die die Kommission untersucht.«19 Das Family Steering Committee for the 9/11 Independent Commission (Lenkungsausschuß der Familien für die Unabhängige 9/11-Kommission) hat Zelikow dann auch zum Rücktritt aufgefordert.20

In Anbetracht der Ausstattung der Kommission hatten Personen, die sich dieser Probleme bewußt sind, den begründeten Verdacht, daß jegliche Beweise für die eigene Tatbeteiligung der Bush-Regierung an den Ereignissen des 11. September nicht unparteiisch und gründlich untersucht würden. Mehrere gute Leute wurden in die Kommission berufen und verschiedene Fragen wurden einer Reihe von Gremien mit fähigen und engagierten Mitarbeitern zugewiesen. Berichte weisen darauf hin, daß diese Gremien unter Keans Gesamtleitung etwas über den begrenzten Umfang hinausgingen, den Hamiltons Aussage ursprünglich nahelegte. Aber offenbar nicht sehr weit: Selbst noch im Oktober des Jahres 2003 schien ein Zitat eines Mitglieds der Kommission darauf hinzuweisen, daß ihre wichtigste Aufgabe wäre, »Empfehlungen für die Zukunft zu geben.«21

Trotzdem führte die fortgesetzte Blockadepolitik des Weißen Hauses und verschiedener Behörden zu Stellungsnahmen von Kean, die nahelegten, daß er hartnäckig Beweise sammeln würde, die die Bush-Regierung und dessen verschiedene Behörden versuchten zurückzuhalten. Im gleichen Monat erließ die Kean-Kommission tatsächlich eine Vorladung unter Strafandrohung für die FAA und fügte hinzu, daß diese Vorladung »weitere Behörden in Kenntnis setzen würde, daß unsere Anfragen nach Dokumenten so ernst genommen werden müssen wie eine Vorladung.«22 Er sagte in einem Interview auch, daß er notfalls bereit wäre, eine Vorladung für das Weiße Haus selbst zu erlassen falls notwendig. In seiner überzeugendsten Aussage bis zu diesem Zeitpunkt sagte Kean:

Jedes Dokument, das mit dieser Untersuchung zu tun hat, kann nicht außerhalb unserer Reichweite sein. … Ich werde dies [eine Blockade] nicht dulden. … Wir werden alle in unserer Macht stehende Mittel nutzen, um jedes Dokument zu bekommen. … Es gibt eine Menge Theorien zum 11. September und solange es da draußen noch irgendein Dokument gibt, das sich auf irgendeine dieser Theorien bezieht, werden wir Fragen unbeantwortet lassen. Und wir können keine Fragen unbeantwortet lassen.

Angenommen, Kean meinte es wirklich ernst, ernsthaft über die verschiedenen »Theorien« zu sprechen und alle verfügbaren relevanten Dokumente zu bekommen, bestand die Möglichkeit, daß die Kommission Beweise dafür aufdecken würde, daß der 11. September eher aufgrund von Tatbeteiligung als von Inkompetenz geschah. Auf diese Möglichkeit wies auch Max Clelands Aussage hin: »Mit jedem Tag, der vergeht, erfahren wir, daß diese Regierung vor dem 11. September eine ganze Menge mehr über diese Terroristen wußte, als sie jemals zugegeben hat.«23

Aber es bestand auch die Möglichkeit, ja sogar die Wahrscheinlichkeit, daß dies nicht passieren würde. Und unabhängig von der persönlichen Beurteilung von Keans Integrität besteht weiter die Tatsache, daß er von Präsident Bush ernannt wurde. Zum Zeitpunkt, als die Kommission ausgewählt wurde, waren die Beweise, die auf eine Tatbeteiligung der Bush-Regierung hinwiesen, selbstverständlich nur sehr wenigen Menschen bekannt, so daß das Einwilligen auf Bushs Beharren hin, die Kommissionsvorsitzenden zu benennen, offenbar nicht völlig absurd schien. Doch sobald es ein weitverbreitetes Wissen dieser Beweise gibt, wird die Tatsache, daß der Vorsitzende durch Bush ernannt wurden, den Verdacht erregen, daß er – wie ursprünglich Kissinger – ausgewählt wurde, um die Untersuchung zu kontrollieren.

Dieser Verdacht könnte unangebracht sein, zumindest wenn der Verdacht darin besteht, daß Kean aus Loyalität zu seiner Partei und zum Präsidenten absichtlich Beweise für eine Tatbeteiligung verheimlichen würde. Obwohl Kean – ebenso wie der Präsident – Republikaner ist, ist er »ein moderater Republikaner, der für seine Unabhängigkeit bekannt ist«24 und sich Berichten zufolge weigerte, für den US-Senat zu kandidieren, weil er mit der Richtung, die seine Partei eingeschlagen hat, nicht einverstanden war. Möglicherweise fiel die Wahl des Präsidenten als Ersatz für Kissinger auf ihn, nicht, weil er fast so zuverlässig wäre, sondern weil die Regierung keine weitere Peinlichkeit riskieren wollte.

Trotzdem würde, weil Kean wie Zelikow durch den Präsidenten ernannt wurde, ein Bericht der Kommission, der Präsident Bush und seine Regierung von allem Fehlverhalten entlasten würde, bei denjenigen, die Fragen wie die, die in diesem Buch aufgeführt werden, kennen, den Verdacht erregen, daß sie zu einer Vertuschung beitragen, wenn dies auch nur am Scheitern läge, nicht die Art von Druck auszuüben, die nötig wäre, um wahrheitsgemäße Zeugenaussagen und Zugang zu benötigten Unterlagen zu erlangen.

Diese Art des Scheiterns wurde unter Umständen tatsächlich dadurch gezeigt, als Kean im November 2003 den Beschränkungen zustimmte, die das Weiße Haus hinsichtlich der Geheimdienstberichte für den Präsidenten forderte, die als PDBs (Presidential Daily Briefs, tägliche Geheimdienst-Kurzdarstellungen für den Präsidenten) bekannt sind. (Ein Beispiel wäre das PDB vom 6. August 2001, das das britische Geheimdienst-Memorandum enthielt, welches im 5. Kapitel erörtert wurde, das Berichten zufolge darauf hinwies, daß Terroristen planten, entführte Flugzeuge als Raketen zu benutzen, um Ziele innerhalb der Vereinigten Staaten zu treffen.) Laut der von Kean akzeptierten Vereinbarung würde dem Weißen Haus gestattet, diese Briefings zu überarbeiten, bevor sie diese an die Kommission weiterleiten. Selbst dann wurde nur einigen Mitgliedern der Kommission gestattet, sogar diese überarbeiteten Briefings einzusehen. Diese durften sich dann nicht nur lediglich Notizen zu diesen überarbeiteten Briefings machen, sondern müßten diese Notizen auch noch dem Weißen Haus vorlegen.25 Cleland beschrieb die getroffene Abmachung wie folgt:

Eine Minderheit der Kommissionsmitglieder wird in der Lage sein, eine Minderheit der [PDB-] Dokumente einzusehen, von denen das Weiße Haus sagte, sie sei sachdienlich. Und dann wird eine Minderheit der Kommissionsmitglieder ihrerseits dem Rest der Kommissionsmitglieder eine Zusammenfassung geben müssen, von dem das Weiße Haus denkt, es sei angemessen. … Aber zuerst müssen sie dem Weißen Haus berichten, was sie den anderen Kommissionsmitgliedern erzählen werden.26

Diese Vereinbarung bedeutet, fuhr Cleland fort, daß die Kommissionsmitglieder nicht in der Lage sind, »ihre Verpflichtung gegenüber dem Kongreß und dem amerikanische Volk zu erfüllen.« Während die Kommissionsmitglieder Zugang zu allen Dokumenten bekommen sollten, die sie benötigen, »pickt sich der Präsident der Vereinigten Staaten die Rosinen heraus, welche Information welcher Minderheit der Kommissionsmitglieder gezeigt werden« – eine Situation, die Cleland als »lächerlich« bezeichnete.

Diese Entscheidung führte zur ersten öffentlichen Spaltung innerhalb der Kommission. Cleland, ein Demokrat, nannte die Vereinbarung ein »schlechtes Geschäft« und fügte hinzu:

Diese unabhängige Kommission sollte unabhängig sein und sollte keine Abmachungen mit irgendjemandem treffen. … Ich glaube nicht, daß irgendeine unabhängige Kommission sich von einer Behörde oder dem Weißen Haus diktieren lassen kann, wie viele Kommissionsmitglieder was sehen. … Wir sollten nicht verhandeln. Wenn jemand verhandeln will, erlassen wir eine Zwangsvorladung.

In seiner deutlichsten Anklage sagte Cleland: »Diese Entscheidung gefährdete die Mission der 9/11-Kommission, schlicht und einfach.«27 Sein demokratischer Kollege, Timothy Roemer, lehnte diese Entscheidung ebenso ab und beschwerte sich, daß das Weiße Haus »nur zwei oder drei Absätze aus einem neunseitigen Bericht« weitergeben könnte und dadurch zuließ, alle entscheidenden Beweise zu verstecken.

Diese Entscheidung wurde auch vom ›Lenkungsausschuß der Familien für die Unabhängige 9/11-Kommission‹ als »inakzeptabel« bezeichnet, welcher erklärte: »Die Kommission sollte der amerikanischen Öffentlichkeit eine Erklärung geben, die vollständig begründet, warum diese Vereinbarung getroffen wurde, statt die CIA und ihre ausführenden Organe unter Strafandrohung vorzuladen.« Sprecherin Kristen Breitweiser fügte hinzu: »Dies ist eine unabhängige Kommission, die eigentlich transparent sein sollte.«28

Angesichts dieser Entwicklungen sollte nun jeder, auch diejenigen, die den Präsidenten und seine Regierung inbrünstig von jedem Verdacht einer Tatbeteiligung an den Ereignissen des 11. September befreit sehen wollen, die Autorisierung einer umfassenden Untersuchung unterstützen, die von jemandem, möglicherweise einem Sonderstaatsanwalt, angeführt wird, dessen Unabhängigkeit kaum bezweifelt werden kann.29 Dies sollte jeder ungeachtet der Schlußfolgerungen der Unabhängigen 9/11-Kommission bevorzugen. Das heißt, wenn die Kommission zum Schluß kommt, daß es eine Tatbeteiligung der Bush-Regierung gab oder zumindest gegeben haben könnte, würde diese Schlußfolgerung ziemlich offensichtlich die Ernennung eines Sonderstaatsanwalts erfordern. Wenn die Kommission hingegen bestreitet, daß es irgendeine Tatbeteiligung gab, möglicherweise indem sie die Frage erst gar nicht stellt, wäre eine neue Untersuchung aus dem oben genannten Grund erforderlich – nämlich, daß ein weitverbreiteter Verdacht existiert, daß die Bush-Regierung durch ihre Auswahl des Vorsitzenden und des Direktors zusammen mit ihrer Blockadepolitik verhinderte, daß die Wahrheit aufgedeckt würde.30

Jüngste Ereignisse

Nachdem das Manuskript dieses Buchs im wesentlichen fertig war, ereigneten sich mehrere Vorkommnisse, die die Notwendigkeit einer neuen Untersuchung sogar noch deutlicher machten. Diese Ereignisse betreffen verschiedene Veröffentlichungen, zwei Präsidentschaftskandidaten, ein Gerichtsverfahren und die Unabhängige 9/11-Kommission.

Veröffentlichungen: Mehrere neuere Veröffentlichungen, die wie dieses Buch Fragen aufwerfen, lassen vermuten, daß diese beunruhigenden Fragen weit davon entfernt sind zu verschwinden und auch weiterhin aufgeworfen werden, bis glaubwürdige Antworten vorliegen.

Eine dieser Veröffentlichungen war ein Guardian-Artikel des ehemaligen britischen Umweltministers Michael Meacher im September 2003. Er machte deutlich, daß das vom Projekt für das Neue Amerikanische Jahrhundert (PNAC) herausgegebene Dokument aus dem Jahre 2000 besagt, daß es schwierig würde, dessen Agenda ohne »ein neues Pearl Harbor« zu implementieren. Er meinte, daß dieses Dokument »eine viel bessere Erklärung dessen bietet, was vor, während und nach dem 11. September tatsächlich passiert ist, als die These eines globalen Kriegs gegen den Terror.« Im Hinblick auf Ereignisse vor dem 11. September schrieb er, daß »die US-Behörden wenig oder gar nichts taten, um die Ereignisse des 11. September zu verhindern«, obwohl »mindestens 11 Länder die USA vorab vor den Anschlägen des 11. September gewarnt hatten.«31 Im Hinblick auf den 11. September selbst sagte er, daß mit allen Vorwarnungen, die Amerika vorlagen, die langsame Reaktion »erstaunlich« war.
Nicht ein einziges Kampfflugzeug wurde zur Klärung von der US-Andrews Airforce Base losgeschickt, die lediglich etwa 16 km (10 Meilen) von Washington DC entfernt ist, bevor das dritte Flugzeug um 9.38 Uhr das Pentagon traf.32 Warum nicht? Es gab vor dem 11. September Standard-FAA-Abfangverfahren für entführte Flugzeuge. … Es ist eine amerikanische gesetzliche Vorschrift, daß, sobald ein Flugzeug signifikant vom Flugplan abweicht, Kampfflugzeuge zur Klärung aufsteigen.

Meacher stellte dann die entscheidende Frage:

War diese Untätigkeit einfach die Folge davon, daß Schlüsselpersonen die Anzeichen mißachteten oder nicht kannten? Oder könnten die US-Luftsicherheitsmaßnahmen am 11. September absichtlich außer Kraft gesetzt worden sein? Wenn ja, warum und auf wessen Veranlassung?

Meacher zitierte daraufhin den ehemaligen US-Bundesstaatsanwalt John Loftus mit den Worten:

Die von europäischen Geheimdiensten vor dem 11. September gelieferten Informationen waren derart umfangreich, daß es für die CIA oder das FBI nicht mehr möglich ist, sich aufgrund von Inkompetenz zu verteidigen.

Im Hinblick auf die Reaktion der USA nach dem 11. September, sagte Meacher, daß

der 11. September einen äußerst bequemen Vorwand bot, den PNAC-Plan in die Tat umzusetzen.33

Meachers Artikel rief viele Reaktionen hervor. Die Art einiger Reaktionen spiegelt die Überschrift eines Artikels von Ewen MacAskill, dem Guardian-Redakteur für internationale Politik, wider: »Fury Over Meacher Claims« (Wut über Meachers Behauptungen).34 Wie MacAskill berichtete, sagte ein Sprecher der US-Botschaft in London:

Mr. Meachers phantastische Anschuldigungen – insbesondere seine Behauptung, daß die US-Regierung wissentlich abwartete, während Terroristen etwa 3.000 Unschuldige in New York, Pennsylvania und Virginia töteten – wäre ungeheuerlich und ungeheuerlich beleidigend, wenn sie von jemand ernsthaften oder glaubwürdigen kämen.

Nach dem Aufstellen solcher »phantastischen Anschuldigungen« konnte Meacher weder als ernsthaft noch als glaubwürdig abgewiesen werden, obwohl er mehrere Jahre britischer Umweltminister war (und als solcher etwas über interne Diskussionen zur kommenden Ölknappheit gewußt hätte). Ebenso ablehnend war ein Artikel in der Londoner Sunday Times, der schrieb, Meacher sei »in die Twilight Zone getaumelt.«35

Zugleich rief Meachers Artikel eine bemerkenswerte Menge Unterstützung hervor. Ein Leserbrief aus Amerika sagte: »Es leuchtet mir ein, daß die den Vertretern meiner Regierung zugeschriebene ›Wut‹ aus ihrer Erkenntnis stammt, daß seine Ansichten nahe der Schmerzgrenze liegen.« Ein weiterer Amerikaner schrieb: »Bitte lassen Sie Mr. Meacher wissen, daß es trotz des Aufheulens der Empörung und Ablehnung über seine unverblümte Analyse viele von uns gibt, die seit langer Zeit zur gleichen Schlußfolgerung gekommen sind. Meine Dankbarkeit gilt dem Guardian, daß er den Mut hat, sie zu veröffentlichen.« Ein Verfasser aus England sagte: »Hut ab vor Mr. Meacher dafür, daß er als erster prominenter britischer Politiker sagt, was viele schon lange gewußt haben. Aber wann werden weitere hochrangige Labour-Mitglieder den Mut haben, ihn zu unterstützen?«36

Auf jeden Fall schrieb Meacher eine Woche später, möglicherweise um sowohl die Unterstützung als auch Herabwürdigung abzulehnen, die er erhalten hatte, einen zweiten Brief, der wie folgt begann:

Im Gegensatz zur vorsätzlichen Fehldarstellung meines Artikels durch einige sagte ich an keiner Stelle und habe nie gesagt, daß die US-Regierung die Anschläge des 11. September heimlich begünstigte oder sie absichtlich stattfinden ließ. Es muß kaum gesagt werden, daß ich nicht glaube, daß irgendeine Regierung sich verschwören würde, um eine solche Gräueltat herbeizuführen.37

Er hatte lediglich, behauptete er, argumentiert, daß die US-Regierung den 11. September als Vorwand zur Erfüllung ihrer bereits formulierten Agenda für Irak und in Afghanistan ausgenutzt hatte.

Allerdings kann angesichts von Meachers Frage, ob US-Sicherheitskräfte »absichtlich außer Kraft gesetzt« wurden, und seiner Ablehnung einer auf »Inkompetenz« basierenden Verteidigung, Lesern sicherlich der Gedanke vergeben werden, er hätte eine offizielle Tatbeteiligung behauptet.38 Aber selbst wenn man Meachers Aussage akzeptiert, daß sein ursprünglicher Artikel nicht dazu gedacht war, »eine Verschwörungstheorie nahezulegen«, bleibt seine zentrale Aussage bestehen – daß das Scheitern der US-Regierung, zufriedenstellende Antworten auf die aufgeworfenen Fragen zu geben, »denjenigen reichlich Munition geliefert hat, die dies tun.« Dementsprechend weist sein Artikel – zusammen mit den positiven Reaktionen – auf die zunehmende Einsicht hin, daß wir eine Untersuchung benötigen, deren Ziel es ist, diese Fragen zu beantworten.

Kurz nach der Aufregung um Meacher erschien ein Artikel auf der Titelseite des Wall Street Journal mit dem Titel »Conspiracy Theories About September 11 Get Hearing in Germany« (Verschwörungstheorien über den 11. September finden Gehör in Deutschland).39 Während dieser Artikel hervorhob, daß Bücher, die solche Theorien enthalten, auch in Frankreich, Italien und Spanien Bestseller sind, schrieb er ebenfalls, daß diese Bücher besonders gut in Deutschland angenommen worden sind, wo eine jüngste Meinungsumfrage zeigte, daß 20 Prozent der Bürger glauben, daß »die US-Regierung die Anschläge selbst angeordnet hat.« Dieser Artikel konzentrierte sich insbesondere auf ein Bestseller-Buch von Andreas von Bülow.40 Neben dem Hinweis darauf, daß von Bülow lange Zeit Mitglied des Parlaments und zuvor »einer der höchsten Beamten im westdeutschen Verteidigungsministerium« war, fügte dieser Artikel hinzu, daß sein Buch von »einem der renommiertesten Verlage des Landes« veröffentlicht wurde.

Ian Johnson, der Autor des Artikels, meinte, daß Deutschland besonders offen für Verschwörungstheorien zum 11. September mit ihren »unwahrscheinlichen und ungeheuerlichen Behauptungen« ist, weil Deutschland der amerikanischen Außenpolitik zunehmend feindlich gegenübersteht. Johnsons Artikel hat dennoch eine erhebliche Leserschaft auf die Tatsache aufmerksam gemacht, daß der Vorwurf der offiziellen amerikanischen Tatbeteiligung von einer sehr glaubwürdigen Persönlichkeit des öffentlichen Lebens in Deutschland erhoben wurde und weithin geglaubt wird.

Einen Monat nach dem Erscheinen von Meachers ursprünglichem Artikel veröffentlichte der freiberufliche Journalist Paul Donovan eine Kritik an denjenigen Journalisten, die Meacher angegriffen hatten. Donovan beschwerte sich darüber, daß viele Journalisten von der Macht verführt zu sein schienen und beklagte, obwohl die »Hauptfunktion des Journalisten Machtkontrolle sein sollte … scheinen viele … als Papageien der offiziellen Wahrheit größere Befriedigung am Arbeitsplatz zu erlangen.« Nach einer kurzen Auflistung, was er »die überwältigende Geschichte der Ereignisse des 11. September« nannte, schrieb Donovan:

Keine Gründe wurden für das Verhalten der Bush-Regierung an diesem Tag gegeben, niemand wurde zur Rechenschaft gezogen. Und doch konnte Bush ab der Tragödie, welche der 11. September war, seine Hintermänner in der Waffen- und Ölindustrie versorgen. Der Präsident war auch in der Lage, sich selbst als Führer in Kriegszeiten darzustellen. Das ist die wahre Geschichte, die Journalisten untersuchen und aufdecken sollten, statt lautstark Leute wie Meacher zu verunglimpfen, die zumindest den Mut hatten, aufzustehen und zu sagen, was viele bereits seit geraumer Zeit vermuteten.41

Im gleichen Zeitraum, in dem die Artikel von Meacher, Johnson und Donovan erscheinen, wurde ein neues Buch von Michael Moore veröffentlicht: Dude, Where's My Country? (deutscher Titel: Volle Deckung, Mr. Bush). Was auch immer man von Moore halten mag, seine Bücher ziehen eine große Leserschaft an (sein vorheriges Buch Stupid White Men war das meistverkaufte Sachbuch der Jahre 2002 und 2003). Im ersten Kapitel seines neuen Buches mit dem Titel »George von Arabien« richtet Moore sieben Fragen an Präsident Bush. Eine von ihnen fragt nach Bushs Verhalten im Klassenzimmer am 11. September, doch die meisten beschäftigen sich mit seiner Beziehung zur saudischen Königsfamilie, der bin Laden-Familie und den Taliban. Moores eigene Vermutung, was wirklich passiert ist, bringt er offenbar mit seiner dritten Frage an Präsident Bush zum Ausdruck: »Wer griff die Vereinigten Staaten am 11. September an – ein Kerl an der Dialyse aus einer Höhle in Afghanistan oder Ihre Freunde, Saudi-Arabien?«42

Moores deutlichste Aussage ist eine, die eine mögliche Antwort darauf gibt, warum das Weiße Haus die Unabhängige 9/11-Kommission behinderte und auch warum die Presse und das amerikanische Volk im allgemeinen so passiv waren. Nach der Frage, warum Bush »nicht aufhört zu verhindern, daß die Wahrheit herauskommt«, legt Moore nahe:

Vielleicht, weil George & Co. viel mehr zu verbergen haben, als warum sie am Morgen des 11. September die Kampfflugzeuge nicht schnell genug losschickten. Und vielleicht haben wir, das Volk, Angst, die ganze Wahrheit zu kennen, weil sie uns auf Wege führen könnte, die wir nicht gehen wollen.

Diese letztere Vermutung – die im Einklang mit Dan Rathers Aussage steht, daß Angst die Presse davon abgehalten hat, die schwierigen Fragen zu stellen – ist wahrscheinlich korrekt.

Es ist wirklich erschreckend zu denken, daß sich möglicherweise unsere Regierung, ungeachtet Michael Meachers späterer Aussage, »verschworen [hat], um eine solche Gräueltat herbeizuführen.« Es ist besonders erschreckend, die Auswirkungen einer solchen Verschwörung in Erwägung zu ziehen, wenn sie das FBI, die CIA, das Justizministerium und das Pentagon einschließen würde. Es mag klug scheinen, einfach »keine schlafenden Hunde zu wecken.« Doch wenn die Verdachtsmomente korrekt sind, dann schlafen diese Hunde nicht, sondern mißbrauchen die offizielle Version des 11. September für ruchlose Zwecke, sowohl in unserem Land als auch im Rest der Welt. Wenn wir ein falsches Spiel vermuten, aber aus Angst schweigen, können wir uns auch von jedem Anschein verabschieden, das »Land der Freien und die Heimat der Tapferen« zu sein – und sogar davon, eine Demokratie zu sein. Wir müssen einfach »die Wege gehen, die wir nicht gehen wollen.«

Daß einige amerikanische Pressevertreter dazu bereit sein könnten, wird durch eine Veröffentlichung am 11. September 2003 gezeigt, einem Online-Artikel der Philadelphia Daily News von William Bunch mit dem Titel »Why Don't We Have Answers to These 9/11 Questions?« (Warum haben wir keine Antworten auf diese Fragen zum 11. September?)43 Dieser Artikel wurde in der Einleitung mit der Frage erwähnt: »Warum wissen wir nach 730 Tagen so wenig darüber, was wirklich an diesem Tag passierte?« Um zu veranschaulichen, wie viel noch immer unbekannt ist, fragt Bunch 20 Fragen, von denen sich etwa die Hälfte mit den zentralen Fragen des vorliegenden Buches überlappen. Danach fragt er, warum »kein fügsames Mainstream-Medium« Antworten auf diese Fragen gefordert hat. Vielleicht war sein Artikel in den Vereinigten Staaten wie Donovans Artikel im Vereinigten Königreich ein Zeichen dafür, daß die Presse bereit ist, weniger fügsam zu werden.

Die Erklärung eines Präsidentschaftskandidaten über eine »interessante Theorie«: In einem Interview im National Public Radio am 1. Dezember 2003 wurde der Präsidentschaftskandidat der Demokraten Howard Dean gefragt: »Warum glauben Sie, daß er [Bush] diesen [9/11-]Bericht unterdrückt?« Er antwortete: »Ich weiß es nicht. Es gibt viele Theorien darüber. Die interessanteste Theorie, die ich bisher gehört habe … ist, daß er vorzeitig von den Saudis gewarnt wurde. Nun, wer weiß, was die wirkliche Situation ist?«44

Die Aufgabe, Dean zu disziplinieren und andere davor zu warnen, solche Gedanken in der Öffentlichkeit zu äußern, wurde von Charles Krauthammer übernommen. In einem Washington Post-Artikel mit dem Titel »Delusional Dean« (Wahnhafter Dean) schrieb Krauthammer, daß Deans Aussage – daß »die interessanteste« Theorie ist … daß Bush im voraus vom 11. September wußte« – einen Beweis darstellt, daß Dean von einem neuen psychiatrischen Zustand heimgesucht wird, der im Land umgeht. Krauthammer bezeichnet diese Krankheit BDS oder »Bush Derangement Syndrom« (Bush-Geistesgestörtheitssyndrom), definiert als »der akute Ausbruch von Paranoia bei sonst normalen Menschen als Reaktion auf die Politik, die Präsidentschaft – ja sogar – die bloße Existenz von George W. Bush.«

Krauthammers Artikel liefert ein Beispiel für den Standardansatz von Verteidigern der offiziellen Darstellung. Anstatt die Probleme dieser Darstellung zu behandeln, erklären sie einfach, daß alle Theorien einer offiziellen Tatbeteiligung derart offensichtlich absurd sind und daß jeder, der solche Theorien ernst nimmt, schwerwiegende psychologische Probleme haben muß. Jedes von Kritikern unterstellte Problem der offiziellen Darstellung, wie Beweise, daß die Bush-Regierung im voraus mehr Informationen zu den Anschläge hatte, als sie zugegeben hat, wird a priori zurückgewiesen. Die offizielle Darstellung wird dadurch vor Untersuchungen geschützt und andere Menschen davor gewarnt, Fragen zu stellen.

Obwohl Krauthammers Artikel offensichtlich dazu bestimmt war, geschickt humorvoll zu sein, wurde seine ernste Absicht durch den folgenden Vergleich deutlich gemacht:

Als die Abgeordnete Cynthia McKinney (D-GA) [Demokraten, Georgia] diese Vorstellung vor der Vorwahl im Jahre 2002 zuerst ansprach [daß Bush Vorwissen besaß], wurde das für derart verrückt gehalten, daß es dabei half, sie zur ehemaligen Abgeordneten McKinney zu machen. Heute bekennt sich der demokratische Spitzenkandidat für das Präsidentenamt zum Agnostizismus [zur Frage], ob der Präsident der Vereinigten Staaten in bezug auf den 11. September von den Saudis gewarnt wurde und es bleibt unbeachtet. Das Virus breitet sich aus.45

Krauthammer schrieb dies einige Tage, nachdem Deans Aussage ausgestrahlt wurde, und schien darüber beunruhigt, daß Deans Aussage nicht den gleichen Aufschrei hervorrief wie bei der Kongreßabgeordneten McKinney. Genauso wie sie in der Presse und vor dem Gericht der öffentlichen Meinung verurteilt wurde, zu »verrückt« zu sein, um im Amt zu bleiben, behauptete Krauthammer, daß die Presse und die Öffentlichkeit Deans Aussage als Beweis hätte nehmen sollen, daß auch er nicht für ein öffentliches Amt geeignet sei.

In Anspielung auf Cynthia McKinneys Niederlage im Jahre 2002 setzte Krauthammer die gängige Meinung darüber voraus, welche »Lehre« zu ziehen ist – nämlich, daß es politischer Selbstmord für jeden Kandidaten ist, selbst für einen Demokraten, die Frage zu stellen, ob der Präsident Vorwissen zu den Anschlägen des 11. September besaß. Eine Untersuchung der Umstände von McKinneys Niederlage legt jedoch nahe, daß dies nicht zwangsläufig der Fall sein muß. Es gibt mindestens drei Faktoren, die zu berücksichtigen sind.

Erstens wurden McKinneys Fragen zum 11. September von der Presse mit ihren Aussagen über die nachfolgenden Kriege verbunden mit dem Ergebnis, daß es für die meisten Menschen den Anschein hatte, sie hätte den Präsidenten nicht nur beschuldigt, spezifisches Vorwissen zu den Anschlägen gehabt zu haben, sondern daß er sie aus einem ganz bestimmten Grund ermöglicht hatte. Ein Bericht im Orlando Sentinel behauptete zum Beispiel, McKinney hätte versichert, »daß Präsident George W. Bush im voraus von den Anschlägen des 11. September wußte und nichts tat, um sie zu verhindern. Warum? Damit alle seine Kumpane bei der anschließenden militärischen Aufrüstung reich werden konnten.«46 Ein New York Times-Bericht schrieb: »Ms. McKinney legt[e] nahe, daß Präsident Bush von den Anschlägen des 11. September gewußt haben könnte, aber nichts dagegen tat, damit seine Anhänger in einem Krieg Geld verdienen konnten.«47 Wie Greg Palast und andere jedoch gezeigt haben, ergibt sich die Vorstellung, daß McKinney Bush des Zulassens der Anschläge aus diesem Grund angeklagt hätte, aus einer unzulässigen Verschmelzung einiger ihrer Aussagen. Palast liefert sogar gute Gründe für die Annahme, daß eine ähnliche Verschmelzung hinter dem Glauben steckt, daß McKinney der Bush-Regierung vorwarf, im voraus spezifisches Wissen zu den Anschlägen gehabt zu haben.48 Palast behauptet sogar, daß McKinneys tatsächliche Haltung seiner eigenen ähnlich war, laut der mehrere Warnungen ausgesprochen wurden, so daß die Tatsache, daß die Anschläge nicht rechtzeitig vorhergesehen wurden, um sie zu verhindern, auf ein massives Versagen der Geheimdienste weist, wofür die Politik des Präsidenten zumindest teilweise verantwortlich wäre.49 Jedenfalls wurde McKinney, was immer ihre tatsächliche Absicht war, der Öffentlichkeit nicht als jemand vorgestellt, der lediglich darauf hinwies, daß es eine Untersuchung geben sollte, ob die Bush-Regierung Vorwissen besaß.

Es gibt darüber hinaus noch einen zweiten Grund, warum McKinneys Wahlniederlage nicht zwangsläufig bedeutet, daß solch eine Andeutung sogar für Demokraten politischer Selbstmord sei. In Georgia dürfen die Wähler in einer Vorwahl »hinüberwechseln«, so daß registrierte Republikaner sich beispielsweise aussuchen können, ihre Stimme bei den Vorwahlen der Demokraten abzugeben. Gemäß McKinneys Darstellung des Geschehens wurde eine weitere schwarze Kandidatin, deren Positionen näher an denen der Republikanischen Partei lag, von den Republikanern aufgefordert, in den Vorwahlen gegen McKinney anzutreten, wonach die »Republikaner die Kassen ihrer Kampagne füllten und dann 48.000 von ihnen hinüberwechselten und für sie stimmten.«50 Obwohl Georgias Wahlgesetze es unmöglich machen zu wissen, wie viele solcher Wechselwähler es tatsächlich gab, wird McKinneys allgemeine Behauptung von John Sugg, Chefredakteur von Atlantas Wochenzeitung, wie folgt gestützt: »Republikaner wechselten in Scharen hinüber, um bei den demokratischen Vorwahlen mitzuwählen.«51

Eine weitere relevante Tatsache betrifft eine von der Atlanta Journal-Constitution in Auftrag gegebene Online-Umfrage vom 17. April. Die Fragestellung basierte auf der Annahme, daß McKinney dem Präsidenten vorwarf, Vorwissen der Anschläge besessen zu haben. Die Leser wurden gefragt: »Sind Sie zufrieden [mit der Aussage,] die Bush-Regierung hatte keine Vorwarnung zu den Anschlägen des 11. September?« Angesichts der Tatsache, daß die AJC eine der Zeitungen war, die den Angriff auf McKinney anführte, lag der Zweck der Umfrage offensichtlich darin zu zeigen, daß McKinneys Vorwurf wenig oder gar keine Unterstützung in der Bevölkerung besaß. Doch laut NewsMax.com – eine Website, die AJCs Feindseligkeit gegenüber McKinney teilte – antworteten lediglich 52 Prozent bejahend. Zwei Prozent der Befragten wählten die Antwort »Ich bin mir nicht sicher. [Der] Kongreß sollte [dies] untersuchen«, während die andere mögliche Antwort »Nein, ich glaube, Beamte wußten, daß sie kommen würden« von 46 Prozent der Antwortenden gewählt wurde. Daher erhielt der Bericht auch den Titel: »Umfrage-Schock: Fast die Hälfte unterstützen McKinneys 9/11-Verschwörungstheorie« Der Verfasser dieses Berichts, der kurz nach 15.30 Uhr veröffentlicht wurde, fügte hinzu: »Obwohl bis zum Nachmittag über 23.000 Atlanta Journal-Constitution-Leser geantwortet hatte, wurde die Umfrage mysteriöserweise von der Internetseite der Zeitung genommen.«52

Solche Umfragen sind selbstverständlich nicht wissenschaftlich. Aber diese Umfrage wirft eine interessante Frage auf, nämlich wie die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Umfrage in den Vereinigten Staaten ausfallen würden. Keine derartige Umfrage wurde in Auftrag gegeben – vielleicht auf der Grundlage des alten Ratschlags: »Wenn Sie die Antwort nicht wissen wollen, stellen Sie die Frage nicht.« Aber vielleicht würden wir, wenn eine solche Umfrage durchgeführt würde, feststellen, daß die öffentliche Meinung in Amerika über die Verbindung der Bush-Regierung zum 11. September näher an der öffentlichen Meinung in Deutschland ist, als angenommen. Es ist zumindest eine interessante Frage, die überprüft werden könnte.

In jedem Fall lassen diese drei Tatsachen – daß Cynthia McKinneys »Vorwurf« verzerrt wurde, daß sie möglicherweise ohne die Wechselwähler die Vorwahlen nicht verloren hätte und daß ein bemerkenswerter Prozentsatz der Menschen in der Region Atlanta offenbar bereits im April 2002 glaubte, daß »Beamte wußten, daß sie kommen würden« – vermuten, daß McKinneys Niederlage nicht zwangsläufig beweist, daß es politischer Selbstmord für jeden Politiker wäre, darauf hinzuweisen, daß die Bush-Regierung Vorwissen zu den Anschlägen hatte.

Wie dem auch sein mag: Die Tatsache, daß die Frage solchen Vorwissens von einem Präsidentschaftskandidaten erhoben wurde und dann durch einen prominenten Journalisten veröffentlicht wurde, liefert zusätzliche Hinweise, daß eine Untersuchung genau dieser Frage notwendig ist.

Ellen Marianis Strafanzeige: Ein anderes Ereignis der letzten Zeit liefert einen weiteren Hinweis – ein Rechtsstreit mit einer Behauptung, die der von Cynthia McKinneys angeblich aufgestellten nicht ganz unähnlich ist.53 Am 26. November 2003 hielt der Rechtsanwalt Philip J. Berg eine Pressekonferenz in Philadelphia ab, um zu verkünden, daß Ellen Mariani, deren Mann mit United Airlines-Flug 175 geflogen war, eine Bundesgerichtsstrafanzeige gegen Präsident Bush und mehrere Mitglieder seines Kabinetts unter dem RICO-Gesetz (Racketeer Influenced and Corrupt Organizations Act – Gesetz zur Bekämpfung und Verurteilung von kriminellen Aktivitäten von Mobstern und kriminellen Vereinigungen des Organisierten Verbrechens) eingereicht hatte.54 Diese Strafanzeige behauptet, daß George W. Bush (GWB) und weitere Beamte – darunter John Ashcroft, Dick Cheney, Condoleezza Rice, Donald Rumsfeld und George Tenet – »der ›Untätigkeit und Verhinderung‹ des Mordes am Ehemann der Klägerin, Louis Neil Mariani, aus finanziellen und politischen Gründen« schuldig sind und daß sie »infolge der genannten strafbaren Handlungen und Unterlassungen ›die Justiz behindert‹ haben.«55 In der Ausarbeitung dieser Gesamtanklage schreibt die Strafanzeige unter anderem:

Der Beklagte GWB »hatte eine Pflicht«, nicht nur dem Kläger, sondern auch dem amerikanischen Volk gegenüber, es zu schützen und gegen vermeidbare Anschläge zu verteidigen, basierend auf erheblichen Geheimdiensterkenntnissen, die dem Beklagten GWB vor »9/11« bekannt waren, die zum Tod des Ehemanns der Klägerin und Tausender weiterer unschuldiger Opfer an »9/11« führte. …

Der Beklagte GWB war nicht offen und ehrlich im Hinblick auf das Vorwissen seiner Regierung zum Umfang der »9/11«-Anschläge, und die Klägerin versucht, den Beklagten GWB zu zwingen, zu begründen, warum ihr Ehemann Louis Neil Mariani an »9/11« starb. … Die zwingende Beweislage, die in diesem Fall vorgelegt werden wird, wird durch Aufdeckung, Vorladung unter Strafandrohung durch dieses Gericht und Zeugenaussagen in der Verhandlung automatisch zu einer unbestrittenen Tatsache führen: daß der Beklagte GWB versagte, zu handeln und »9/11« zu verhindern, im Wissen, daß die Anschläge unsere Nation dazu bringen würden, sich am »International War on Terror (IWOT)« zu beteiligen, von dem die Beklagten sowohl finanziell als auch aus politischen Gründen profitieren würden. …

Die Klägerin glaubt, daß der Beklagte GWB et al. die Anschläge stattfinden ließen, um öffentliche Wut und Aufschrei zu erzwingen, um unsere Nation und unsere Soldaten und Soldatinnen aus persönlicher Bereicherung und persönlichen Plänen an einem vermeidbaren »IWOT« zu verpflichten. …

Sonderermittler Robert Wright schrieb am 9. Juni 2001 ein Memorandum und warnte seine Vorgesetzten, [und zwar] die Beklagten DOJ/FBI [das Justizministerium und das FBI], vor der Möglichkeit, daß Terroristen Flugzeuge entführen könnten, um die Vereinigten Staaten anzugreifen, und zwei (2) Monate später gestand die Beklagte Condoleezza Rice, die Nationale Sicherheitsberaterin des Beklagten GWB, ein, daß sie am 6. August 2001 … dem Beklagten GWB auf seiner Ranch in Texas eine schriftliche Kurzdarstellung vorlegte, die davor warnte, daß »OBL« [Osama bin Laden] versuchen könnte, amerikanische Flugzeuge zu entführen. Die Klägerin … [hat] ein »Recht zu wissen«, warum nicht aufgrund dieser dem Beklagte GWB zur Verfügung gestellten Berichte gehandelt wurde, um die tödlichsten Anschläge gegen unsere Nation seit denen von Pearl Harbor zu verhindern, die uns in den Zweiten Weltkrieg führten, so wie uns »9/11« nun in den nie endenden »IWOT« führt. Angesichts der Berge an Beweisen und der laufenden »Geheimhaltung« des Beklagten GWB und seinem Widerwillen, mit der »9/11-Kommission« zusammenzuarbeiten, bringt die Klägerin diese RICO-Gesetz-Zivilklage vor Gericht, um für sich und Ehemann Louis Neil Mariani Gerechtigkeit zu erlangen und um gegenüber der amerikanischen Öffentlichkeit die »Wahrheit« aufzudecken, wie die Angeklagten den großen Verrat gegenüber jedem freiheitsliebenden Amerikaner begingen, die sich aus den Verbrechen vor, während und nach »9/11« ergaben.56

Neben Kopien dieser Strafanzeige verteilte Berg auch einen offenen Brief von Ellen Mariani an den Präsidenten. In diesem Brief schreibt sie:

Stoppen Sie die Blockade der Freigabe bestimmter Beweismittel und Dokumente, die von der 9/11-Untersuchungskommission entdeckt wurden, wenn Sie nichts zu verbergen haben, um zu beweisen, daß Sie nicht versagt haben zu handeln und die Anschläge des 11. Septembers zu verhindern. Ihre Begründung für die Nichtfreigabe dieses Materials ist, daß es sich um eine Frage der »nationalen Sicherheit« handelt. … Aber … es ist Ihre persönliche Glaubwürdigkeit/Sicherheit, um die Sie besorgt sind. … 57

Wenn diese Klage zugelassen wird, würde dies bedeuten, daß Mariani und Berg die Macht zur Zwangsvorladung hätten, und dies könnte erste Antworten auf die beunruhigenden Fragen liefern, die zum 11. September aufgeworfen wurden.

Diese Klage läßt zusammen mit dem Dean-Krauthammer-Austausch und einigen aktuellen Veröffentlichungen vermuten, daß diese Fragen mit zunehmender Häufigkeit und Intensität gestellt werden. Immer mehr Bürger werden glauben, daß die offizielle Darstellung eine Lüge ist. Die einzige mit einer demokratischen Regierungsform vereinbare Lösung ist eine Untersuchung, die endlich eine glaubwürdige Darstellung dessen liefert, was am 11. September geschah. Daß dies eventuell eine neue Untersuchung sein muß, wurde durch die jüngsten Entwicklungen in bezug auf die Unabhängige 9/11-Kommission nahegelegt.

Die Unabhängige 9/11-Kommission: Trotz aller Probleme, die diese Kommission behinderten, hatten viele Menschen, darunter die Führungspersönlichkeiten des ›Lenkungsausschusses der Familien‹, lange eine gewisse Hoffnung, daß es endlich Antworten auf zumindest einige der vielen unbeantworteten Fragen geben würde. Doch diese Hoffnung wurde durch weitere Entwicklungen gedämpft. Erstens hat die zuvor diskutierte Vereinbarung der Kommission, eine Abmachung mit dem Weißen Haus auszuarbeiten, statt ihre Macht zur Vorladung zu nutzen, den Vorwurf weiter gestützt, so daß sie als »die 9/11-Vertuschungskommission« bezeichnet werden sollte.58 Zweitens verlor die Kommission mit Max Cleland ihr entschieden kritischstes Mitglied.59 Drittens wurde die Frage der Interessenkonflikte Mitte Januar durch die Enthüllung in einem New York Times-Bericht erneut aufgeworfen, der schrieb, daß die Kommission zwei ihrer eigenen Mitglieder befragt hatte, nämlich Philip Zelikow, ihren leitenden Direktor, und Jamie Gorelick (ein hochrangiger Angehöriger des Justizministeriums während der Clinton-Regierung). Diese Enthüllung warf diese Frage besonders intensiv auf, weil Zelikow und Gorelick »die einzigen beiden Beamten der Kommission sind, die einen breiten Zugang zu hochgeheimen Dokumenten des Weißen Hauses haben.« Als Kristen Breitweiser zu den Nachrichten gefragt wurde, daß Zelikow befragt wurde, sagte sie: »Er hat einen riesigen Interessenkonflikt« und fügte hinzu: »Das ist, worüber wir von Tag 1 an besorgt waren.« Sie erläuterte diese Besorgnis und sagte, sie befürchtete, daß der Kommissionsbericht »eine Schönfärberei sein wird.«60

Ein vierter Schlag für die Hoffnung, daß der Kommissionsbericht zumindest einige der Fragen beantworten wird, wird die Verweigerung des Ersuchens der Kommission nach zusätzlicher Zeit sein. Wie wir bereits gesehen haben, waren Mitglieder der Kommission lange Zeit besorgt, daß es ihnen die durch das Weiße Haus geschaffenen Hindernisse unmöglich machen würden, ihre Arbeit bis Ende Mai abzuschließen. Ende Januar hat die Kommission förmlich angefragt, ob sie ein paar Monate mehr bekommen würde, damit ihre Arbeit – in Timothy Roemers Worten – »glaubwürdig und gründlich« werden könne. Die erste Reaktion auf dieses Ersuchen war jedoch negativ. Die Kommissionsmitglieder sollten »in der Lage sein, die Frist einzuhalten«, so ein Sprecher der Regierung, denn »die Regierung hat ihnen einen beispiellosen Umfang an Zusammenarbeit geboten.«61

In einem Artikel über diese Antwort (mit dem Titel »What's Bush Hiding From 9/11 Commission?« – Was versteckt Bush vor der 9/11-Kommission?) schrieb Joe Conason, daß von Anfang an »Mr. Bush die Kommission und ihre notwendige Arbeit mit Verachtung behandelte« und kontinuierlich daran arbeitete, »die Untersuchung des wichtigsten Ereignisses seiner Präsidentschaft zu schwächen, zu beschränken und zu zensieren.« Mit Bezugnahme auf einen Bericht in Newsweek, daß die Regierung der Kommission die Wahl ließ, die Mai-Frist einzuhalten oder die Veröffentlichung des Berichts bis Dezember herauszuschieben – was selbstverständlich nach den Wahlen im November wäre – kommentierte Conason: »Mr. Bush will nicht, daß seine Wiederwahl von irgendeiner kenntnisreichen Beurteilung der Katastrophe abhängt, die die Nation und seine Präsidentschaft umgestaltete.«62

Dennoch, trotz der anhaltenden Blockadepolitik, plante die Kommission laut den jüngsten Berichten nicht, Präsident Bush, Vizepräsident Cheney oder andere Regierungsbeamte vorzuladen und von ihnen Zeugenaussagen unter Eid zu verlangen.63

Diese jüngsten Entwicklungen waren offenbar der letzte Strohhalm für zumindest einige Mitglieder des ›Lenkungsausschusses der Familien‹. Laut einem Bericht der Washington Post »hat der Umgang der Kommission mit der Frist eine Gruppe von Angehörigen der Opfer des 11. September verärgert, die argumentieren, daß das Gremium nicht aggressiv genug mehr Zeit verlangt und wichtige Dokumente und Zeugenaussagen von der Bush-Regierung einfordert.« Der Reporter zitierte daraufhin Kristen Breitweiser mit den Worten: »Wir haben genug. … Es ist wie ein Schlag ins Gesicht der Angehörigen der Opfer. Sie entehren die Toten mit ihrem unverantwortlichen Verhalten.«64 In ihrer Erklärung scheint implizit die Schlußfolgerung zu stecken, daß, falls es in den wenigen verbleibenden Monaten keine radikale Änderung der Haltung und Taktik der Unabhängigen 9/11-Kommission gibt, eine neue Untersuchung erforderlich sein wird, wenn es überhaupt eine Hoffnung geben soll, die Wahrheit aufzudecken.

Ein 9/11-Wahrheitskandidat

Ein jüngstes Ereignis, das die Notwendigkeit für eine umfassende Untersuchung untermauert, ist das Hervortreten eines Präsidentschaftskandidaten mit diesem Thema. Dieser Kandidat, der Republikaner namens John Buchanan, sagte in einer Wahlkampfrede:

Ich stehe hier als ein 9/11-Wahrheitskandidat und einige könnten mich daher als Ein-Themen-Kandidat abtun und im engeren Sinne ist das wahr. Aber wenn man bedenkt, daß der 11. September uns in finanziellen Ruin, endlosen Krieg und verfassungsrechtliches Zwielicht geführt hat, ist mein Thema die Mutter aller Themen unserer Zeit.

Buchanan sagte, daß »wir alle zum 11. September belogen wurden«, und zählte viele der im vorliegenden Buch berichteten Fakten auf. Er schloß seine Rede mit der Aufforderung an seine Zuhörer, Ellen Mariani als »eine der Helden dieser Sache« zu unterstützen und Nafeez Ahmeds Buch The War on Freedom und Paul Thompson 9/11-Timeline zu lesen.65

Buchanan ist gegenüber den Massenmedien sehr kritisch, weil sie »die große Anzahl an Lügen und Widersprüchen zum 11. September« nicht in Frage stellen und der Öffentlichkeit nicht einmal mitteilen, daß »noch offene Fragen« existieren. Die gleiche Presse wird wohl nur ungern der Öffentlichkeit von der Existenz »eines 9/11-Wahrheitskandidaten« berichten. Aber genau dessen Existenz kombiniert mit der Tatsache, daß Millionen von Amerikanern aus anderen Quellen von ihm erfahren werden, bietet noch einen weiteren Grund für die Schlußfolgerung, daß eine vollständige Untersuchung notwendig ist, die die Beweise der amtlichen Tatbeteiligung untersucht.

© David Ray Griffin
Oliver Bommer (deutsche Übersetzung)