3. Kapitel: Angebliche Nachrichten bin Ladens nach 2001

Osama bin Laden: Tot oder lebendig?

3. Kapitel

Angebliche Nachrichten bin Ladens nach 2001

Die zentrale Frage dieses Buches ist, ob es einen guten Grund gibt zu glauben, Osama bin Laden wäre noch am Leben, und insbesondere, ob die nach 2001 veröffentlichten – angeblich von bin Laden stammenden – Nachrichten tatsächlich beweisen, dass er noch lebt.

Wir haben gesehen, dass gefälschte bin Laden-Videos offensichtlich bereits im November und Anfang Dezember 2001 an die Öffentlichkeit gelangten, als bin Laden mit Sicherheit noch unter den Lebenden weilte.

Diese Tatsache ist Grund genug, gegenüber allen nach 2001 erschienenen Nachrichten misstrauisch zu sein und diese kritisch zu betrachten – und zwar zum einen bei angeblich direkt von bin Laden stammenden Botschaften, andererseits bei diversen Meldungen von Dritten, die behaupten, er wäre noch am Leben.

Ich widme mich nun einigen dieser späteren Mitteilungen einschließlich derjenigen, die allgemein als die wichtigsten betrachtet werden.

Die E-Mail von März 2002

Die BBC veröffentlichte am 28. März 2002 einen Bericht mit dem Titel „Zeitung: Email von bin Laden empfangen“, der wie folgt begann:

Eine arabische Zeitung [Al-Quds al-Arabi] mit Sitz in London erklärt, im Besitz einer Email zu sein, die angeblich von Osama bin Laden stammt. Es ist unklar, ob diese Email, die den palästinensischen Selbstmordattentaten gegen Israel sowie den Anschlägen gegen die Vereinigten Staaten am 11. September Anerkennung zollt, echt ist. Falls dem so sein sollte, wäre es der erste Beweis, dass bin Laden die US-Bombenangriffe gegen die Taliban und al-Qaida-Netzwerke in Afghanistan überlebt hätte.

In zwei Kapiteln mit den Überschriften „Mögliche Fälschung“ und „Email-Rückverfolgung“ ist folgendes zu lesen:

Seit dem Höhepunkt des Krieges in Afghanistan gab es keine nachweislich echte Nachricht von bin Laden mehr, und im März hieß es aus Washington, man wisse nicht, ob er tot oder lebendig sei.

Abdel Bari Atwan, der Chefredakteur der Zeitung, äußerte die Annahme, dass die Nachricht von bin Laden stamme. (…) Al-Quds al-Arabi nannte allerdings nicht die Email-Adresse des Absenders und auch nicht, inwieweit sie die Echtheit der Nachricht überprüft hatten.1

Obschon also der Empfänger dieser Email diese offenbar als echt ansah, war dies dennoch keine brauchbare Grundlage für Dritte, die seine Ansicht hätten bestätigen können.

Die Nachricht im Juni 2002 von al-Qaida

Ein Journalist der Associated Press veröffentlichte am 23. Juni 2002 einen Artikel, überschrieben mit „Bin Laden lebt. Er kündigt neue Angriffe und eine TV-Ansprache an, so ein al-Qaida-Sprecher“. Dieser Artikel beginnt wie folgt:

Osama bin Laden ist gesund und am Leben. Ein Mann, der sich als Sprecher des Terrornetzwerkes al-Qaida vorstellte, sagte in einem Interview, welches als Audiodatei auf zwei islamischen Internetseiten eingestellt wurde, dass bin Laden bald einen Auftritt haben werde.

Das Interview wurde, wie es hieß, erst vor kurzem aufgezeichnet, und der Mann schien offensichtlich derjenige zu sein, der er vorgab – Salaiman Abu Ghaith, »der in Kuwait geborene Sprecher bin Ladens.« Der Journalist von Associated Press zitierte ihn wörtlich:

Ich möchte den Muslimen versichern, dass sich Scheich Osama bin Laden (…) einer blühenden Gesundheit erfreut, alle Gerüchte, die über seine Erkrankung und Verletzungen in Tora Bora verbreitet wurden, entsprechen nicht der Wahrheit.2

Dieser Mann, der behauptete, Abu Ghaith zu sein, bestätigte – zusätzlich zu seinem vorgebrachten Verständnis für die Haltung der Vereinigten Staaten in dieser Angelegenheit – ebenfalls die seinerzeit aktuellsten Aussagen von US-Beamten, die vor neuen Anschlägen durch al-Qaida warnten: »Ich bestätige das, was amerikanische Regierungsbeamte gesagt haben – dass wir weitere Anschläge durchführen werden. Ja, wir werden weitere Attentate vornehmen.«

Diese Person unterstützte auch die Haltung der Bush-Administration zum 11. September und bescheinigte darüber hinaus, dass al-Qaida – wie auch auf der Internetseite des FBI, die Osama bin Laden als „meistgesuchten Terroristen“ ausweist, nachgelesen werden kann – nicht nur für die Bombenanschläge auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania im Jahre 1998 sowie den Angriff auf die USS Cole verantwortlich war, sondern auch – was die FBI-Internetseite nicht aufführt – für die Anschläge des 11. September 2001. »Allerdings«, fügte der Autor der Associated Press hinzu, »könne die Echtheit des Interviews nicht überprüft werden.«

Ein Problem mit der Erklärung des Sprechers liegt darin, dass bin Laden, falls er tatsächlich nicht in Tora Bora getötet wurde, stattdessen »gesund und munter« sei: Warum hatte er dann nicht eine Aufnahme vorgelegt, in der bin Laden mit Hinweisen auf einige aktuelle Ereignisse seine Existenz bewiesen hätte?

Sicherlich hatte der selbsternannte Wortführer bin Ladens einen solchen Nachweis für die nahe Zukunft versprochen und erklärte, bin Laden würde zeitnah im Fernsehen auftreten. Dennoch fand ein solcher Auftritt nicht statt.

Das Video von September 2002 mit „bin Ladens Stimme“

Am 9. und 10. September 2002, kurz vor dem ersten Jahrestag der Anschläge des 11. September, veröffentlichte der TV-Sender al-Jazeera Auszüge aus einem Video, das von der Stimme eines Mannes, der sich als Osama bin Laden bezeichnete, kommentiert wurde. Die Stimme lobte die 19 angeblichen Entführer. War es tatsächlich die Stimme bin Ladens?

CNN zufolge war sie das mit ziemlicher Sicherheit. Zwar wurde zu Beginn des Berichtes darauf hingewiesen, dass es »angeblich von Osama bin Laden« stamme, doch für den Rest der Geschichte wurde diese Vorsicht über Bord geworfen, so dass alle Aussagen auf dem Band pauschal bin Laden zugeschrieben wurden.

Beispielsweise heißt es in dem CNN-Bericht: »Es gibt nicht genügend Worte, um zu beschreiben, wie großartig diese Männer und ihre Taten waren, sagte bin Laden in einer Tonbotschaft.« Angesichts der Gewissheit, dass es sich bei der Stimme wirklich um die von bin Laden handelte, gelangte CNN zu dem Schluss, dass das Band »keinen Zweifel daran lässt, dass al-Qaida hinter den Terroranschlägen steckt.«

Einerseits gab CNN zu, dass »US-Behörden nicht mit Sicherheit sagen können, ob bin Laden tot oder lebendig ist.« Andererseits ergänzte unmittelbar nach dieser Erklärung der CNN-Report, dass »Quellen CNN darüber informiert haben, dass bin Laden (…) am Leben sei und sich im pakistanischen Grenzgebiet nahe der afghanischen Grenze aufhalte.«3

Ein Artikel von Brian Whitaker im Guardian legte eine weitaus größere journalistische Vorsicht an den Tag. Abgesehen von Mohammed Atta als »angeblichem Entführer« wandte sich Whitaker der »bin Laden zugeschriebenen Stimme« zu und ergänzte, dass »nichts darauf hindeutet, dass die bin Laden nachgesagte Tonbandaufzeichnung nach Beginn des Afghanistan-Krieges gemacht worden ist.«4

Auch die BBC war recht umsichtig. Sie stimmte mit anderen Nachrichtensendern darin überein, dass »die [Tonband-]Stimme so ähnlich klingt wie frühere Aufzeichnungen des al-Qaida-Führers.« Doch dann heißt es weiter, dass das Tonband »nicht die Eigenschaften irgendeines Videos von bin Laden aufweist, von Archivaufnahmen einmal abgesehen« und dass »das Schicksal bin Ladens (…) immer noch ungeklärt ist.«5

Zwischenzeitlich machten BBC und Guardian deutlich, dass dieses Tonband keinen stichhaltigen Beweise dafür enthält, ob bin Laden noch lebt.

Der Satelliten-Erfassungsbericht von Oktober 2002

Am 6. Oktober 2002 erschien im Guardian ein Artikel mit der Überschrift „Spionagesatellit beweist: bin Laden lebt!“ von Jason Burke aus Jalalabad:

Osama bin Laden lebt und trifft sich regelmäßig mit Mullah Omar, dem flüchtigen Anführer der Taliban, wie ein von amerikanischen Spionagesatelliten abgehörtes Telefonat zeigt. In diesem vor weniger als einem Monat mitgeschnittenen Gespräch diskutieren Omar und ein hochrangiger Berater über die US-geführte Fahndung, um sie aufzuspüren. Die beiden Männer, die ein mobiles Thuraya-Satellitentelefon benutzten, sprachen einige Minuten über ihre Taktik. Omar wandte sich dann an eine dritte Person, die, wie eine Stimmenanalyse ergeben hatte, einige Meter von ihm entfernt war. Nachdem sie einige Worte gewechselt hatten, sagte Omar, dass »der Scheich seine Salaams [Grüße] sendet.« Hohe Taliban-Führer bezeichnen bin Laden gewöhnlich als »den Scheich.« Stimmenanalysen bestätigen anscheinend die Identität bin Ladens. »Es sieht so aus, dass er zumindest vor kurzem noch lebendig war«, sagte ein hochrangiger afghanischer Geheimdienstmitarbeiter. »Manche Leute möchten daran glauben, dass er tot ist, aber das ist nur Wunschdenken.«6

Der Artikel vermittelt zwar den Eindruck, als würde er eine solide Grundlage für die Annahme liefern, Osama bin Laden hätte im September 2002 noch gelebt, allerdings beinhaltete er keinerlei bestätigte Beweise. Doch was war die Grundlage für Burkes Behauptung, das Gespräch mit Omar sei von einem US-Satelliten abgehört worden? Hatte er dieses Gespräch selbst mitgehört oder der Einfachheit halber die Worte eines US-Geheimdienstoffiziers übernommen? In der Tat lieferte Burke selbst einen Grund für die Vermutung, dass bin Laden nicht wirklich entdeckt worden sein konnte:

Diese Enthüllung platzt mitten in die ständig zunehmenden Spekulationen hinein, ob bin Laden tot ist. In den von al-Qaida veröffentlichten Videos wirkte er hager und kränklich, er schien nicht in der Lage zu sein, seinen linken Arm zu bewegen. Seit Anfang des Jahres gibt es keine öffentliche Erklärung von ihm. Einige Experten sagen, das Fehlen jeglicher Kommunikation könnte bedeuten, dass er tot ist.

Mit den »zunehmenden Spekulationen darüber, ob bin Laden tot ist« spielte Burke Anfang Oktober 2002 (als er darüber berichtete) vor allem auf die Welle von Nachrichten – von den großen Medienanstalten wie CBS, CNN, Time Magazine und der New York Times bis hin zu Persönlichkeiten wie Dale Watson und Oliver North – an, die allesamt zum Inhalt hatten, dass bin Laden nicht mehr am Leben sei. Könnte jemand aus US-Geheimdienstkreisen beschlossen haben, dass es nunmehr Zeit sei für eine derartige Enthüllung „von oben“, um derartige Berichte abzuschwächen?

Doch selbst wenn das Gespräch wirklich abgehört worden sein sollte, wurde den Lesern hier dennoch nicht mitgeteilt, wer nun die Stimmenanalyse vorgenommen hatte, um belegen zu können, dass es sich bei dem „Scheich“ wirklich um bin Laden handelte. Burke führte als Quelle einfach einen ungenannten »hohen Beamten des afghanischen Geheimdienstes« an. Und falls man hier wirklich bin Ladens Stimme hören konnte, woher hätte man dann wissen sollen, ob es sich vielleicht nicht um eine Aufzeichnung im Dezember des Vorjahres oder früher gehandelt hat?

Burke verwies de facto selbst auf eine mögliche Täuschung seitens Omar: »[Einige] Experten gehen davon aus, dass Omar seine Überwacher in die Irre geführt haben könnte, weil er wusste, dass er von amerikanischer Seite überwacht wurde.«7 Daher ist die »Enthüllung«, die Burke aus Afghanistan präsentiert hat, kein hinreichendes Indiz für einen noch lebenden bin Laden.

Interessant ist an dieser Stelle, dass am 7. Oktober 2002 – einen Tag nach der Veröffentlichung von Burkes Artikel – der afghanische Präsident Hamid Karzai sich gegenüber CNN äußerte, er glaube, dass bin Laden tot sei.8 In jedem Fall tauchte etwa sechs Wochen später ein Tonband von bin Laden auf, welches vom bekanntesten amerikanischen Geheimdienst, der CIA, als echt eingestuft wurde.

Das bin-Laden-Tonband von November 2002

Al-Jazeera veröffentlichte am 12. November 2002 ein Tonband mit der angeblichen Stimme von Osama bin Laden, die einige der letzten Angriffe auf Ziele in der westlichen Welt erwähnte. Ein britischer Journalist formulierte vorsichtig, dass dieses Tonband auf den ersten Blick scheinbar »den ersten konkreten Beweis dafür liefert, dass bin Laden noch am Leben ist.«9

James Risen, Reporter bei der New York Times, behauptete weniger vorsichtig, hier würde tatsächlich ein solcher Nachweis vorliegen und schrieb am 19. November:

US-amerikanische Geheimdienstmitarbeiter kamen zu dem Schluss, dass eine vor kurzem aufgenommene und von einer arabischen TV-Anstalt in der letzten Woche gesendete Tonbandaufnahme echt ist, es handelt sich dabei um die Stimme von Osama bin Laden. Damit verstummten offenbar schlagartig die seit Monaten andauernden regierungsinternen Debatten darüber, ob der schwer zu fassende Terroristenführer noch am Leben ist. Ein Vertreter der US-Geheimdienste ließ heute verlauten, eine mehrtägige »umfassende Analyse« des Tonbandes habe die Geheimdienstexperten davon überzeugt, dass es sich bei der Stimme auf dem Band »mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit« um die von Mr. bin Laden handelt.10

Die Schlussfolgerung, dass das Tonband »mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit« authentisch ist, spiegelt sich in der Tatsache wider, dass, wie Mitarbeiter des Geheimdienstes erläuterten, sich beim Vergleich der Tonbandstimme mit früheren Audioaufnahmen bin Ladens »keine hundertprozentige Übereinstimmung« ergebe, sie dem aber »sehr nahekomme.«

Risen untermauerte seine Behauptung, die Stimme gehöre mit ziemlicher Sicherheit zu bin Laden, mit Zitaten weiterer Personen, die ebenfalls davon überzeugt waren. Einer von ihnen, der Sprecher des Weißen Hauses, Scott McClellan, sagte: »Die Geheimdienstexperten glauben, dass das Band echt ist.«

Weiterhin zitierte Risen einen ungenannten Geheimdienstmitarbeiter mit folgenden Worten: »Zum gegenwärtigen Zeitpunkt gibt es keinerlei Beweise noch irgendwelche Anhaltspunkte für die Annahme, das Band könnte gefälscht oder verändert worden sein.«

Daraufhin gab Risen, basierend auf den Zusicherungen der amerikanischen Geheimdienstexperten, die Stimme sei »mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit« echt, seine eigene Stellungnahme ab:

Diese eindeutige Aussage über das Tonband zeigt deutlich, dass unter den US-Geheimdienstorganisationen, die noch vor kurzem geteilter Meinung darüber waren, ob der saudi-arabische Exilant im vergangenen Jahr den Krieg in Afghanistan überlebt hatte, nun Konsens darüber besteht, dass er sich noch auf freiem Fuß befindet.

Des Weiteren erwähnte er Richard Shelby, den stellvertretenden Vorsitzenden des Geheimdienstausschusses des Senats, bin Ladens Botschaft versuche »der Welt zu sagen: Ich bin am Leben.« Risens Kommentar dazu:

Dieses Band liefert den ersten konkreten Hinweis seit Dezem-ber des letzten Jahres, als Mr. bin Ladens Funkverkehr abgehört wurde, wie er den al-Qaida-Kämpfern in Tora Bora in Afghanistan Befehle erteilte.

Mit dem Hinweis, dass mehrere Antiterrorexperten und sogar Präsident Bush aufgrund des langen Schweigens von Osama bin Laden zu dem Schluss gekommen waren, dass er tot sein könnte, sprach Risen abschließend von der »Wiederauferstehung des saudischen Exilanten.«11

Zwei Autoren des Time Magazine ließen sich offensichtlich ebenfalls von US-Geheimdienstlern davon überzeugen, dass das Band »mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit beweist, dass bin Laden noch lebt.«12

In Anbetracht dieser Artikel, die ausschließlich auf US-geheimdienstinternen Quellen basieren, könnte man davon ausgehen, dass das Tonband vom 12. November 2002 nahezu schlüssig bewiesen hat, dass bin Laden noch am Leben war.

Dessen ungeachtet veröffentlichte der Londoner Guardian noch vor Monatsende einen Artikel mit einer Überschrift, die auf ein radikal anderes Ergebnis hindeutet: »Schweizer Wissenschaftler zu 95 % sicher, dass die Aufnahme von bin Laden eine Fälschung ist.« Diese Schweizer Wissenschaftler, so der Journalist Brian Whitaker, arbeiten als »Forscher am Dalle Molle-Institut für perzeptive künstliche Intelligenz in Lausanne«, geleitet von dem Spezialisten für Stimmenerkennung, Hervé Bourlard, der »ausführlich mit dem Internationalen Institut für digitale Wissenschaften in Berkeley, Kalifornien, zusammengearbeitet hat.«13

Associated Press berichtete ebenfalls über das Untersuchungsergebnis von Bourlards Institut: »Schweizer Institut: bin Laden-Tonband ist eine Fälschung.« Der Artikel weist darauf hin, dass Bourlard diese Schlussfolgerung in einem Beitrag des französischen Fernsehens präsentiert hatte.14

Es kann jedoch sein, dass der Guardian-Artikel mit den angegebenen »95 % Sicherheit« Bourlards Aussage übertrieben interpretiert haben könnte; die Studie des Instituts erlaube es einem nicht, »bestimmte (statistisch signifikante) Schlussfolgerungen zu ziehen.«15

Weiterhin sagte Bourlard in einem Interview: »Das Beste, was wir sagen können, ist, dass alles sehr zweifelhaft ist.« Auf die Frage, für welche Möglichkeit er sich entscheiden würde, antwortete er, dass die Stimme auf dem Band nicht die von bin Laden sei.16

Zusammengefasst erklärten also US-Geheimdienstmitarbeiter, dass es sich bei der Tonbandstimme »ziemlich sicher« um die Stimme von bin Laden handelt, während der Schweizer Stimmenexperte, der unabhängig und völlig uneigennützig gehandelt hat, zu dem Schluss gelangt, dass sie es wahrscheinlich nicht ist.

Das Tonband von Februar 2003

Zu der Zeit, als die Vereinigten Staaten den Angriff auf den Irak (der am 20. März 2003 stattfand) vorbereiteten, wurde am 11. Februar von al-Jazeera ein weiteres, angeblich bin Laden zugeschriebenes Tonband ausgestrahlt. Darin wurden die Muslime aufgefordert, »jeden US-geführten Angriff auf den Irak zu bekämpfen.«17

Dieses Tonband erlangte eine recht große Bekanntheit, weil es an diesem Tag – noch bevor al-Jazeera angekündigt hatte, im Besitz des Bandes zu sein – von Außenminister Colin Powell vor einem Senatsausschuss erwähnt wurde.18 Powell sagte, er hätte eine Abschrift gelesen und unterstellte (fälschlich), bin Laden hätte in dieser Nachricht gesagt, er wäre »eine Allianz mit dem Irak« eingegangen. Damit unterstützte Powell die Auffassung der Bush-Administration, Saddam Hussein und bin Laden würden zusammenarbeiten.

CNN stellte allerdings richtig, dass das Band keine Grundlage für Powells Unterstellung sei: »Während die Nachricht die Iraker zum Kampf aufruft, so ergreift sie dennoch nicht Partei für Saddam Hussein. Stattdessen bezeichnet sie die Mitglieder der Baath-Partei als Ungläubige.« Das Weiße Haus bezeichnete das Band dennoch als Beweis für »eine wachsende Allianz des Terrors.«20

Im Hinblick auf die Authentizität des Bandes (welche Powell und das Weiße Haus vorausgesetzt hatten) kommentierte CNN: »Wie US-Beamte mitteilten, stamme das Band von bin Laden und man werde eine technische Analyse durchführen.«21

Einige Tage später informierte ein ungenannter Beamter die Presse, eine von Geheimdienstexperten vorgenommene Untersuchung habe ergeben, »dass es sich mit Sicherheit um bin Ladens Stimme handelt.«22

Es gibt keinen internen Grund für die Annahme, das Band könnte gefälscht worden sein. Der Sprecher bezog sich auf Dinge, von denen man erwarten würde, dass bin Laden sie zu dieser Zeit geäußert hätte. Er zitierte mehrfach aus dem Koran und berief sich sowohl auf Gott als auch auf den Propheten Mohammed.23

Doch selbst wenn aufgrund einer technischen Analyse der Stimme auf dem Band – von dem Ansprechen bestimmter Merkmale einmal abgesehen – eine perfekte Übereinstimmung mit der durch zweifellos authentische Aufnahmen bekannten Stimme Osama bin Ladens festgestellt werden konnte, wäre das dennoch kein Beweis dafür, dass bin Laden noch lebte, als das Band produziert wurde.

Robert Baer, langjähriger CIA-Mitarbeiter, wies, wie bereits vorher zitiert, darauf hin, dass »Stimmen manipuliert werden können.«

Die Technologie für solche Manipulationen bezeichnet man als „voice morphing“. In der Diskussion über die wahrscheinliche Fälschung des Videos vom 9. November 2001 wurde die Möglichkeit des Morphings bereits erwähnt. Die Videobearbeitung ist neben der Bildbearbeitung die bekannteste Form der digitalen Veränderung. Filme wie Forrest Gump aus dem Jahre 1994, in der die Titelfigur, gespielt von Tom Hanks, Präsident Kennedy die Hand schüttelt, rückten die Videobearbeitung ins öffentliche Bewusstsein der Menschen. Dank dieser Sensibilisierung für Video- und Fotomanipulationen wissen die meisten Menschen, dass das, was man sieht, nicht den Tatsachen entsprechen muss. Im Jahre 2000 waren die technischen Möglichkeiten für die Manipulation von menschlichen Stimmen ausgereift genug, um Menschen Worte in den Mund zu legen, die sie tatsächlich nie gesagt hatten.

Dies illustrierte William Arkin in einem Artikel der Washington Post aus dem Jahre 1999 mit dem Titel „Warum man nicht alles glauben sollte, was man hört und sieht“ eindrucksvoll, indem er über eine Demonstration berichtete, bei der die Stimme von General Carl Steiner, ehemaliger Kommandeur der US Special Operations Command verwendet wurde. Diese Stimme sagte:

»Meine Herren! Wir haben Sie zusammengerufen, um Sie darüber zu informieren, dass wir dabei sind, die Regierung der Vereinigten Staaten zu stürzen.« Arkin berichtete auch über eine ähnliche Demonstration mit der Stimme von Colin Powell und schrieb:24

Die digitale Sprach-, Video- und Fotobearbeitung ist erwachsen geworden und kann nunmehr in psychologischen Operationen – PSYOPS, wie es das Militär nennt – eingesetzt werden. Hollywood verwendet die digitale Videobearbeitung für spezielle Effekte. Für verdeckte Operationen des US-Militärs oder der Geheimdienste ist es die Waffe der Zukunft. (…) Einer immer größer werdenden Gruppe von technologisch versierten Experten im Informationskrieg offenbart sich hier die Verschmelzung von Phantasie und Wirklichkeit. Die Option, realistische Audio- und Videosequenzen zu generieren, so argumentieren sie, mache den Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg bei militärischen Operationen oder gar einem Staatsstreich aus.25

Die Folgen der digitalen Sprachbearbeitung, insbesondere für unser gegenwärtiges Thema, wurden von Arkin ebenfalls angesprochen. Er schrieb, dass »das Manipulieren von Fotos und Videos bereits tiefgreifende Fragen der Authentizität in der journalistischen Welt aufgeworfen hat« und wies besonders darauf hin, dass das Aufkommen der Verfremdung und künstlichen Erzeugung von Stimmen die Hürden für eine Echtheitsbestimmung enorm erhöht hat.

Dazu zitierte Arkin einen Experten für Informationskriegsführung, der angesichts der Tatsache, dass man aufgrund der digitalen Manipulation von Fotos und Videos nicht mehr ohne weiteres glauben kann, was man sieht, postuliert, dass die Entwicklung der digitalen Sprachbearbeitung eine neue Komponente beinhaltet: »Hören ist es auch nicht mehr.«

Doch diese Erkenntnis aus dem Jahre 1999 als eine mögliche Antwort auf die verschiedenen »Nachrichten von bin Laden« scheint der weltweite Journalismus noch nicht verinnerlicht zu haben.
Die Quintessenz dieser Erkenntnis kommt im vorliegenden Fall besonders dahingehend zum Tragen, dass die Stimme auf dem Tonband von Februar 2003 – selbst wenn unparteiische und unabhängige Experten eine Übereinstimmung mit der Originalstimme bin Ladens festgestellt hätten – für sich allein genommen kein Beweis sein kann, dass Osama bin Laden zu diesem Zeitpunkt noch gelebt hat.

Auch der passende Erscheinungszeitpunkt des Bandes lässt Skepsis an dessen Echtheit aufkommen, schließlich hatte es Colin Powell und der Regierung anscheinend gute Argumente für einen Angriff gegen den Irak geliefert.

Bin Ladens „Oktober-Überraschungsvideo“ von 2004

Wie wir gesehen haben, hatte Verteidigungsminister Rumsfeld im Jahre 2004 zweimal – zunächst am 11. September, dann am 29. September – erwähnt, dass bin Laden seit 2001 nicht mehr auf Video präsent war und man daher nicht mit Sicherheit sagen könne, so Rumsfeld, ob er noch am Leben sei.

Einen Monat später tauchte ein Video auf, in welchem sich der bin Laden-Darsteller direkt an die Bevölkerung der Vereinigten Staaten wandte. Al-Jazeera strahlte dieses Video am 29. Oktober 2004 aus, nur vier Tage vor den US-Präsidentschaftswahlen am 2. November. Associated Press schrieb, dieses Video liefere »den Beweis dafür, dass bin Laden noch am Leben ist.«

Mit der Überschrift „Bin Laden übernimmt in seiner Ansprache an das Volk der USA die Verantwortung für die Angriffe des 11. September“ sollte der AP-Artikel auf den besonderen Zweck des Videos hinweisen. Seltsamerweise hieß es in dem Artikel, bin Laden hätte in diesem Video »zum ersten Mal« zugegeben, für die Anschläge am 11. September verantwortlich zu sein, statt darauf hinzuweisen, dass schon der bin Laden des Novembervideos von 2001 erwähnt hatte, die Zerstörung der Zwillingstürme hätte sogar seine optimistischsten Erwartungen übertroffen.26

Obwohl weder dem FBI noch dem Justizministerium, so der Bericht, »keine unmittelbare Untersuchung des Videos vorlag« und darüber hinaus ein weitgehend identischer Bericht von CBS besagte, es gäbe »hier keine unmittelbare Möglichkeit, die Echtheit des Videos [von 2004] zu überprüfen«,27 wurde es von beiden Nachrichtenagenturen als zweifellos authentisch betrachtet. Doch keine von ihnen hatte auch nur ansatzweise die Frage aufgeworfen, ob die Person auf dem Band auch tatsächlich Osama bin Laden war.

Dennoch gibt es gute Gründe, misstrauisch zu sein. Ich will mehrere davon darlegen.

Eine unplausible Behauptung: Ein Grund, die Echtheit des Bandes zu bezweifeln, ist die Behauptung des bin Laden-Schauspielers, er hätte bereits 1982 das erste Mal über einen Angriff auf die Zwillingstürme nachgedacht, »als die USA es Israel ermöglichten, mit Unterstützung der 6. Amerikanischen Flotte in den Libanon einzumarschieren.« Der Sprecher fuhr fort:

Ich erinnere mich noch an die bewegenden Szenen – Blut, abgerissene Gliedmaßen, tote Frauen und Kinder; zerstörte Häuser überall, Hochhäuser wurden mitsamt ihrer Bewohner zertrümmert. (…) Als ich die zerstörten Türme im Libanon sah, kam ich auf die Idee, die Unterdrücker genauso zu bestrafen und Türme in den USA zu zerstören, um sie das schmecken zu lassen, was wir erleiden mussten und sie dadurch vom Töten unserer Kinder und Frauen abzuhalten.28

Ist es wirklich glaubhaft, bin Laden hätte die Zerstörung der Zwillingstürme bereits 1982 geplant? Falls ja, so sollte er nicht nur als der weltweit größte Terrorist bekannt sein, sondern auch als der größte Zauderer.

Könnte bin Laden jünger geworden sein? Ein weitaus größeres Problem besteht darin, dass der bin Laden des 2004er Bekenntnisvideos im Vergleich mit dem bin Laden des Bekenntnisvideos vom 9. November 2001 jünger und gesünder geworden zu sein scheint. Bahukutumbi Raman, ein ehemaliger indischer Regierungsbeamter, wies auf diese Diskrepanz hin und fragte:

Ist es [das Video] echt? Wie kommt es, dass Osama bin Laden offenbar jünger und gesünder geworden ist, wenn er doch, wie alle Menschen, älter und schwächer werden sollte, besonders, wenn er gnadenlos gejagt wird, wie uns das tagein, tagaus von Bush erzählt wird?29

Eine rationale, nichtreligiöse Rede: Raman bemerkte ebenso, dass der bin Laden des neuen Videos auch in anderer Hinsicht auffallend anders war:

Das letzte Video zeigt OBL nicht als einen gefürchteten Dschihad-Terroristen, der, mit Gewehren und der Wildnis des afghanischen Geländes als Hintergrund, blutrünstige Drohungen gegen das amerikanische Volk schleudert, sondern als Mudschaheddin-Staatsmann, der in einem TV-Studio-ähnlichen Ambiente hinter einem Pult stehend gut durchdachte Argumente an das amerikanische Volk richtet (…) wie ein Mann, der – sich bester Gesundheit erfreuend und im Vollbesitz seiner Fähigkeiten – in der Lage ist, die Welt um sich herum zu beherrschen und völlig sorgenfrei ist.30

Unter diesem Gesichtspunkt ist das Fehlen eines religiösen Bezuges in der Nachricht von 2004 ein besonders auffälliges Merkmal, verglichen mit früheren und zweifellos authentischen Botschaften von bin Laden. Das Video vom 7. Oktober 2001 begann beispielsweise mit folgenden Worten:

Gepriesen sei Gott und ihn bitten wir um Hilfe und Vergebung. Wir suchen Zuflucht beim Herrn vor dem Bösen in uns und unseren Sünden. Derjenige, der von Gott geleitet wird, ist auf dem rechten Weg, doch derjenige, den Gott in die Irre gehen lässt, wird keinen Helfer finden, der ihn auf den rechten Weg führt. Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer Gott, und Mohammed ist sein Diener und Gesandter.31

In dieser Rede, die lediglich 725 Wörter beinhaltet, erwähnte bin Laden Gott (Allah) insgesamt 20 Mal und Mohammed dreimal. Die Botschaft vom 3. November 2001 mit einem Umfang von 2333 Wörtern begann analog dazu auf dieselbe Art und Weise, auch hier wurde Gott 35 Mal und Mohammed achtmal genannt. Im Gegensatz dazu kam Gott in der Nachricht von 2004 mit insgesamt 2240 Wörtern nur noch zwölfmal zur Sprache und die einzige Erwähnung Mohammeds betraf Mohammed Atta, den angebliche Anführer der Flugzeugentführer am 11. September.

Darüber hinaus ist nicht nur der Tenor der Nachricht von 2004 weitaus weniger religiös als in den zweifellos echten Botschaften, dies trifft auch auf die Aussagen über die Urheberschaft zu.

Bin Ladens Botschaft vom 7. Oktober 2001 beginnt folgendermaßen: »Der allmächtige Gott hat die Vereinigten Staaten getroffen. (…) Er zerstörte seine großartigsten Gebäude.« Obwohl menschliches Handeln die Ursache dafür war, konnte es nur deshalb erfolgreich sein, weil »der allmächtige Gott (…) ihnen die Erlaubnis gab, die Vereinigten Staaten zu zerstören.«33

In seiner Botschaft vom 3. November 2001 sagte bin Laden: »Im Wesentlichen handelt es sich hier um einen religiös motivierten Krieg – einerseits zwischen Atheisten und Ungläubigen und andererseits denen, die glauben, dass es keinen Gott gibt außer Allah.« Bin Laden merkte auch an, dass, wenn Menschen geholfen wurde oder aber ihnen Schaden zugefügt wurde, es immer »etwas war, was Gott bereits [für sie] vorherbestimmt hatte.«34

Im Gegensatz dazu war die Rede von 2004, in welcher der bin Laden-Darsteller über »den Krieg, seine Ursachen und Folgen« sprach, eine rein weltliche, rationale Analyse unter Berücksichtigung ausschließlich menschlicher Akteure: Bush, al-Qaida und das amerikanische Volk.

Dieser so rational auftretende bin Laden sagte Folgendes: »Es ist nach einer Katastrophe am Wichtigsten – und so handeln vernünftige Menschen – die Ursache zu ergründen, um eine Wiederholung zu vermeiden.« Er wandte sich sogar an das amerikanische Volk: »Eure Sicherheit liegt in euren Händen.« Wäre für einen frommen wahabitischen Muslim eine derartige Erklärung nicht Blasphemie? Dieser bin Laden-Doppelgänger ist eindeutig ein Betrüger – und ein schlechter dazu.

Die offensichtliche Skepsis des FBI: Der nächste Grund, das 2004er Video für eine Fälschung zu halten, ist die Tatsache, dass das FBI offenbar dessen Echtheit bezweifelt. Obschon der bin Laden-Schauspieler die Planung der Angriffe vom 11. September zugegeben hatte, erklärte im Jahre 2006 ein Sprecher des FBI, dass keine stichhaltigen Beweise für bin Ladens Verantwortung für die Terroranschläge vorlägen. Hätte das FBI das Video als authentisch erachtet, wäre es als handfester Beweis für die Mittäterschaft bin Ladens an den Anschlägen genannt worden, und auf der Webseite der meistgesuchten Terroristen des FBI wäre der 11. September als einer der Terroranschläge bin Ladens erwähnt worden.

Die Nichtverwendung der englischen Sprache: Ein weiterer signifikanter Grund für die Annahme, dass der Mann in dem Video nicht der echte bin Laden ist, begründet sich darin, dass, obwohl er sich direkt an das amerikanische Volk wendet, er dies nicht auf Englisch macht, obwohl bin Laden diese Sprache offenkundig beherrschte.

Ungefähr zwei Wochen nach dem 11. September erklärte General Hamid Gul, der ehemalige Leiter des pakistanischen Geheimdienstes, während eines Interviews gegenüber Arnaud de Borchgrave, einem Auslandsberichterstatter für United Press International:

Ich kenne bin Laden und seine Gefährten. Ich war bei ihnen in Europa und hier im Nahen Osten. Sie haben die besten Universitäten absolviert, sind äußerst intelligent, weisen beeindruckende Abschlüsse vor und sprechen darüber hinaus ein tadelloses Englisch.35

Zwar bezog sich Guls Erklärung auf »bin Laden und seine Gefährten«, dennoch gibt es keinen Grund, daran zu zweifeln, dass bin Laden selbst gut Englisch sprechen konnte.

Bin Ladens Sprachgewandtheit im Englischen sollte nicht überraschen, begann er doch im Jahre 1968, als er elf Jahre alt war, am renommiertesten Gymnasium von Dschidda, welches er acht Jahre lang besuchte, Englisch zu lernen, danach folgte ein Universitätsstudium.36 »Viele seiner Lehrer kamen aus England«, schrieb bin Ladens erste Frau, »daher sprach Osama ein sehr gutes Englisch.«37

Wenn bin Laden daher über tadellose oder zumindest recht gute Englischkenntnisse verfügte, warum hätte er sie dann nicht benutzen sollen, als er sich direkt an das amerikanische Volk wandte?

Offensichtlich produziert, um Bush zur Wiederwahl zu verhelfen: Schließlich gibt es, einmal abgesehen von den bisherigen Gründen, dieses Geständnisvideo für eine Fälschung zu halten, einen weiteren Grund: In der gleichen Weise, als das Bekenntnisvideo von 2001 zu einem der Bush-Regierung genehmen Zeitpunkt erschien, tauchte auch dieses Video kurz vor den Präsidentschaftswahlen im Jahre 2004 auf. Es wird daher bisweilen auch als das „Oktober-Überraschungsvideo“ bezeichnet.

Obwohl der angebliche bin Laden dieses Videos offenkundig versuchte, Bush zu diskreditieren und seine Chancen auf eine Wiederwahl zu verringern, waren, wie der Name „Oktober-Überraschungsvideo“ vermuten lässt, die Auswirkungen auf die amerikanische Wählerschaft recht vorhersehbar – denn hätte bin Laden gewollt, dass Bush verlieren würde, wäre dies für viele Amerikaner ein guter Grund gewesen, ihn deshalb erst recht zu wählen.

Auf jeden Fall war es allgemein anerkannt, dass jede Erwähnung der terroristischen Bedrohung durch bin Laden hilfreich für Bush – aufgrund seines Rufes, »den Terrorismus mit allen Mitteln zu bekämpfen« – sein würde.

Der Veröffentlichungszeitpunkt dieses Videos ließ sogar den ehemaligen Hauptnachrichten-Moderator Walter Cronkite vermuten, dass »Karl Rove, der politische Direktor des Weißen Hauses – ein sehr cleverer Mann übrigens – die Herstellung des Videos arrangiert haben könnte.« Cronkite war allerdings von der Echtheit des Videos ausgegangen und hatte lediglich die Möglichkeit formuliert, dass Rove »wahrscheinlich bin Laden mit dieser Sache hereingelegt hatte.«38

In Anbetracht der Vielzahl von Gründen, die einen daran zweifeln lassen, dass der bärtige Mann in dem Video wirklich bin Laden ist, wäre es eher reine Spekulation, dass Rove die Herstellung eines gefälschten Videos veranlasst hätte.

Ein Kommentar Roves allerdings, den er nachweislich am Erscheinungstag des Videos abgegeben hatte, untermauert die Spekulationen, dass er dahinterstecken könnte.

Robert Draper zitierte Rove in seinem Buch über Bushs Präsidentschaft – nach der Erwähnung des Videos durch einen Stabsmitarbeiter – mit folgenden Worten: »Es macht den Eindruck, als ob es uns überhaupt keinen Schaden zufügt.«39

Der Journalist Ron Suskind vertritt die Auffassung, dass CIA-Analysten unter sich zu dem Schluss gekommen seien, dass »bin Ladens Botschaft eindeutig hergestellt worden ist, um die Wiederwahl des Präsidenten sicherzustellen.«

Eine von dem stellvertretenden Direktor John McLaughlin mit den Worten »Da hat bin Laden dem Präsidenten heute sicherlich einen großen Gefallen getan« begonnene Diskussion über das Video wurde laut Suskind »von CIA-Beamten mit einem zustimmenden Nicken quittiert.«40

Falls der Zweck der Veröffentlichung dieses Videos eine Hilfestellung für Bush war, dann war es darüber hinaus sehr erfolgreich. Bereits zwei Tage nach der Veröffentlichung erschien im Telegraph ein Artikel, in dem es unter anderem hieß:

Präsident Bush hat einen Vorsprung von sechs Punkten vor John Kerry in der ersten Umfrage erreicht, eingeschlossen eine Stichprobenumfrage, nachdem am Freitagabend das neue Video von Osama bin Laden ausgestrahlt worden war.

In der gestern – nur drei Tage vor den Präsidentschaftswahlen – erschienenen Newsweek-Umfrage schnitt Mr. Bush mit 50 % und Mr. Kerry mit 44 % ab. Eine ähnliche, eine Woche früher durchgeführte Umfrage ergab für den Präsidenten 48 % und für seinen demokratischen Herausforderer 46 %.

Sollte der Trend durch weitere Umfragen bestätigt werden, müsste Bush sich bei seinem größten Feind dafür bedanken, dass er ihm dabei geholfen hat, sich weitere vier Jahre im Weißen Haus zu sichern. Nach dem Erscheinen des Videos flammte eine letzte hitzige Debatte darüber auf, welcher Kandidat den Terrorismus am besten besiegen kann.41

Berichten zufolge waren sowohl Bush als auch Kerry davon überzeugt, dass das Video zum Wahlsieg Bushs beigetragen hatte.42 In Anbetracht des Erscheinungszeitpunktes und der Wirkung des Videos auf die Öffentlichkeit wird es zu Recht das „Oktober-Überraschungsvideo“ von 2004 genannt.

Fassen wir zusammen: Die offensichtlichsten Gründe, die Echtheit des Videos vom Oktober 2004 anzuzweifeln, sind das Aussehen des bin Laden-Darstellers, die nichtreligiöse Sprache und weltliche Analyse sowie der Umstand, dass er sich nicht in englischer Sprache an das amerikanische Volk gewandt hatte und in der Tatsache, dass das Band, das kurz vor der Präsidentschaftswahl auftauchte, vermutlich hergestellt worden war, um den Wahlsieg Bushs sicherzustellen.

Demgegenüber bietet das Video vom Oktober 2004 keine glaubhaften Anhaltspunkte dafür, dass Osama bin Laden noch am Leben war. Stattdessen belegt es relativ offensichtlich, dass jemand versucht hatte, uns davon zu überzeugen, er sei noch am Leben.

Das Tonband vom 17. Dezember 2004

Arabische Webseiten veröffentlichten am 17. Dezember 2004 ein angeblich von Osama bin Laden stammendes Tonband. Darin warf der Sprecher der saudischen Königsfamilie vor, Marionetten einer zionistischen Kreuzfahrer-Allianz zu sein und lobte den Angriff vom 6. Dezember auf das US-Konsulat in Saudi-Arabien.43

Dieses Band wurde weitgehend als authentisch anerkannt. Hingegen wies der PBS-Korrespondent Spencer Michaels während der Sendung Newshour mit Jim Lehrer richtigerweise darauf hin, dass diese neue Nachricht »angeblich von bin Laden« stamme. In der Sendung war auch Colin Powell zu sehen, der sagte, dass die Kommentatoren »unseren Geheimdiensten Zeit geben sollten, um (…) sicherzustellen, dass es sich wirklich um bin Laden handelt.« Doch dann diskutierte Michaels mit Jim Lehrer sowie den Studiogästen über die neue Nachricht, als gäbe es keine die Echtheit betreffenden Fragen.

Sie gingen davon aus, dass das Band wirklich von bin Laden war und sprachen während der Sendung darüber, welche Möglichkeiten es gab, ihn aufzuspüren. Michael Scheuer, der ehemalige Chef der bin Laden-Einheit des CIA, wurde von Lehrer gefragt: »Wo ist dieser Kerl Osama bin Laden? Warum kann ihn niemand finden?« Scheuer antwortete:

Nun, er hält sich sicherlich irgendwo im Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan auf. (…) Er befindet sich inmitten eines Kulturkreises, der es vielleicht mehr als alles andere schätzt, seinen Gästen Schutz zu gewähren.

Das war Scheuers Erklärung dafür, warum man bin Laden noch nicht gefunden hatte. Daniel Benjamin, ein ehemaliges Mitglied des Nationalen Sicherheitsrates der Clinton-Regierung, pflichtete dem bei und fügte hinzu, dass bin Laden »eine ganze Reihe von Frühwarnsystemen in den verschiedenen Dörfern installiert hat, die ihn vor eventuellen Gefahren warnen.« Die Möglichkeit, dass bin Laden tot sein könnte, wurde schlicht und einfach nicht erwähnt.

Die Möglichkeit des Ablebens von bin Laden wurde in dieser Sendung nur indirekt angesprochen, indem aktuelle Aufnahmen von Pakistans Präsident Pervez Musharraf – der bereits Ende 2001 und Anfang 2002 seine Überzeugung geäußert hatte, Osama bin Laden sei tot – gezeigt wurden: »Ich weiß, dass er lebt, aber ich weiß nicht, wo er ist.« Die offenkundige Tatsache, dass dies einen Sinneswandel Musharrafs bedeutete, wurde nicht diskutiert.44

Peter Bergen, der Anfang 2002 in einer CNN-Sendung vermutete, dass bin Laden wegen seiner Niereninsuffizienz Dialyse benötigen würde, erwähnte weder die Möglichkeit, bin Laden könnte tot sein noch stellte er anderweitig die Echtheit des neuen Tonbandes in Frage.

Er nahm stattdessen an, dass bin Ladens schnelle Reaktion auf das Attentat am 6. Dezember bedeuten könnte, dass er sich an einem sicheren Ort aufhalte.

Im Hinblick auf die Frage, warum bin Laden bisher nicht aufgespürt werden konnte, erklärte Bergen, dass bin Laden sowie dessen Stellvertreter Ayman al-Zawahri seit dem 11. September fast 30 Nachrichten herausgegeben hatten:

Die anhand der Bänder resultierende Beweiskette ist der einzige Weg, um bin Laden zu finden. (…) Es ist außergewöhnlich, dass man aufgrund dieser Beweise seine Spur nicht zurückverfolgen kann. Schließlich erscheint relativ häufig ein neues Band, im Schnitt alle sechs Wochen, aber es sieht danach aus, als wären die amerikanischen Geheimdienste oder andere Geheimdienste nicht in der Lage, die Quelle dieser Bänder zu ermitteln.45

Die Möglichkeit, dass die Quelle der »bin Laden-Bänder« nicht Osama bin Laden selbst war, so dass die Ermittlung des Urhebers anhand der Beweiskette nicht zu ihm führen kann, wurde nicht angesprochen.

Zu Beginn der CNN-Sendung wurde mitgeteilt, dass CIA-Beamten »in hohem Maße darauf vertrauen«, dass die Stimme auf dem Tonband die von Osama bin Laden sei.46

Zwei Jahre später jedoch berichtete BBC in einer Zusammenfassung der angeblichen bin Laden-Bänder, dass die Identität der Stimme auf dem Tonband vom Dezember 2004 »nicht bestätigt werden kann.«47

Das Tonband vom 27. Dezember 2004

Am 27. Dezember 2004, etwa einen Monat vor dem geplanten Urnengang am 30. Januar 2005 im Irak, erschien eine Tonbandaufnahme, in der angeblich Osama bin Laden das irakische Volk dazu aufforderte, die Wahl zu boykottieren.48 Obschon die Schlagzeilen der Nachrichten dies als signifikanten Aspekt des Tonband hervorhoben,49 ist es rückblickend eher wahrscheinlich, dass das wichtigste Merkmal darin bestand, dass sich der Sprecher auf Abu Musab al-Zarqawi, dem Emir (Befehlshaber) von al-Qaida im Irak bezog.

Die Bedeutung dieses Umstandes ergibt sich aus der Tatsache, dass Dexter Filkins, ein Reporter der New York Times, elf Monate zuvor – im Februar 2004 – über die Existenz eines Schreibens von al-Zarqawi an die afghanischen al-Qaida-Führer berichtet hatte.50 Das Tonband vom 27. Dezember 2004 kann daher als Reaktion auf dieses Schreiben von Osama bin Laden selbst betrachtet werden, sozusagen als Respektbezeugung gegenüber al-Zarqawi, dem Führer der irakischen al Qaida-Gruppe.

Diese Verbindung aber ist ein Grund, die Authentizität dieses Bandes mit Skepsis zu betrachten. Denn zum Erscheinungszeitpunkt des Filkins-Artikels bereitete die Bush-Regierung in Zusammenarbeit mit dem Pentagon eine Propagandakampagne vor, um al-Zarqawi als zentrales al-Qaida-Mitglied und damit als wichtigen Akteur innerhalb des irakischen Widerstands gegen die US-Besatzung darzustellen.

Ein Bestandteil dieser Propagandamaßnahme war das Zuspielen des sogenannten al-Zarqawi-Briefes an Filkins. Die Tatsache, dass dieses Schreiben wahrscheinlich vom Militärgeheimdienst der Vereinigten Staaten gefälscht wurde, ist Grund genug für die Vermutung, dass die Tonbandaufnahme vom 27. Dezember 2004, in welcher die nach bin Laden klingende Stimme al-Zarqawi als Anführer der al-Qaida im Irak bezeichnete, ebenfalls eine Fälschung darstellt.

Dennoch akzeptierte die Presse das Tonband allgemein als authentisch. Beispielsweise erschien in der Tageszeitung Christian Science Monitor unter dem Titel „Eindeutige Allianz zwischen bin Laden und al-Zarqawi im Irak“ ein Artikel, der mit folgenden Worten begann: »Die Verbindung zwischen Osama bin Laden und Abu Musab al-Zarqawi wurde mit der aktuellen aufgezeichneten Rede von Mr. bin Laden am Dienstag manifestiert.« Der Artikel bezeichnete den Sprecher einfach konsequent als »bin Laden« und ließ die Möglichkeit, dass das Band eine Fälschung sein könnte, außer acht.51

Ein Bericht der Agence France-Presse war vorsichtiger formuliert. Neben der Nennung bin Ladens in Anführungszeichen („Bin Laden“ fordert Boykott der Wahl im Irak) ging es in der Regel um »die bin Laden zugeschriebene Stimme«, »den Mann, der vorgibt, bin Laden zu sein« oder einfach »die Stimme.«

Der Artikel wies ebenfalls darauf hin, dass die »Echtheit des Bandes nicht bestätigt werden konnte.« Allerdings begann auch dieser Bericht mit der Meldung, dass »al-Qaida-Chef Osama bin Laden Abu Musab al-Zarqawi (…) als Führer seines Terrornetzwerks im Irak anerkannt hat«, was die Interpretation vermittelt, das Band könnte echt sein.52

Eine Nachricht der Associated Press war ähnlich vorsichtig. Darin hieß es, dass die Nachricht »von Terrorfürst Osama bin Laden stammen soll«, weiterhin war die Rede von der »Stimme auf dem Band« oder dem »Mann, der auf dem Band spricht«; außerdem gäbe es »keine Möglichkeit, um die Identität des Sprechers unabhängig zu bestätigen.«

Dann hieß es in dem Artikel: »Adam Ereli, ein Sprecher des Außenministeriums, sagte in Washington, dass bislang nicht ermittelt werden konnte, ob der Sprecher Mr. bin Laden ist.«53 Diese Begebenheit macht deutlich, dass es keine Grundlage für eine Urheberschaft bin Ladens für dieses Band gibt.

Kurz gesagt: Trotz des überwiegenden Vertrauens, welches die Presse in die Echtheit des Bandes legt, kann dieses Tondokument nicht als guter Beweis dafür dienen, dass Osama bin Laden Ende 2004 noch gelebt hat.

Das Tonband vom 19. Januar 2006

Nach einem Jahr des Schweigens hörte man im Jahre 2006 erstmals wieder etwas von »Osama bin Laden.« Auf einem Tonband warnte er am 19. Januar vor weiteren geplanten Angriffen auf Amerika. Er sprach von Umfrageergebnissen, nach denen das amerikanische Volk »Muslime nicht auf muslimischem Land bekämpfen wolle« und bot »einen langfristigen Waffenstillstand auf gerechter Grundlage« an.

Verschiedene Regierungsbeamte gingen davon aus, dass dieses Angebot zweifellos direkt von Osama bin Laden stamme und wiesen es zurück.

J.D. Crouch, Bushs stellvertretender Berater für nationale Sicherheit, fügte hinzu, dass die Nachricht daran erinnere, dass al-Qaida weitere Anschläge gegen die Vereinigten Staaten plane und aufzeige, »warum wir die Jagd nach der al-Qaida-Führungselite mit allen Mitteln fortführen.«54

Schon der Titel „Bin Laden wieder aufgetaucht“ lässt ahnen, dass ein Artikel in der New York Times keine Zweifel an der Echtheit des Tonbandes hat. Darin heißt unter anderem:

Nach mehr als einem Jahr bricht Osama bin Laden sein Schweigen und warnte die Amerikaner in einem heute veröffentlichten Tonband, dass al-Qaida weitere Angriffe auf die Vereinigten Staaten plane, allerdings bot er eine »lange Waffenruhe« unter unbestimmten Bedingungen an. Das Band wurde von dem arabischen Satelliten-TV-Sender al-Jazeera ausgestrahlt, dessen Authentizität heute Nachmittag von der Central Intelligence Agency überprüft wurde.

US-Beamte räumen die Möglichkeit ein, die Ausstrahlung des Bandes könnte initiiert worden sein, um seinen Anhängern zu versichern, dass Mr. bin Laden am Leben und gesund ist, nachdem einige Tage zuvor aufgrund der Bombardierung eines Hauses durch US-Truppen in einem pakistanischen Dorf hochrangige al-Qaida-Führer getötet worden sein sollen.

Der Autor dieses Artikels, scheinbar darauf bedacht, den Times-Lesern zu versichern, bin Laden sei in der Tat immer noch »gesund und am Leben«, fuhr fort: »Fox News interviewte Vizepräsident Dick Cheney bezüglich des Bandes. Er sagte, dass Mr. bin Laden, von dem einige glauben, dass er tot ist, wahrscheinlich lebt.«

Der Reporter fügte dann hinzu: »Fast alle Video- und Audiobänder, die in der Vergangenheit Mr. bin Laden zugeschrieben wurden, stellten sich als authentisch heraus.«55

Dieser Reporter stellte nicht klar, ob zu diesen »authentischen« Bändern

• auch das Video vom 9. November 2001 gehört, in welchem sich Botschaft sowie Erscheinung des bin Laden-Schauspielers stark von den – kurz davor und danach veröffentlichten – zweifellos authentischen Videos von bin Laden unterscheiden;

• das Tonband von November 2002 zählt, welches die Schweizer Stimmenexperten als wahrscheinliche Fälschung entlarvt haben;

• auch das Video zu den Präsidentschaftswahlen im Jahre 2004, in dem der Osama bin Laden verkörpende Schauspieler eine nichtreligiöse, rein weltliche Kausalanalyse postulierte, nach der die Ereignisse von vornherein durch menschliche Akteure verursacht wurden und nicht von Gott bestimmt waren, gezählt wird.

Ein Bericht der CNN begann hingegen etwas vorsichtiger: »Ein CIA-Bediensteter geht davon aus, dass eine Tonbandnachricht, in der die Vereinigten Staaten massiv bedroht werden, von al-Qaida-Chef Osama bin Laden stammt.« Er fügte hinzu, dass die CIA-Experten es mit einem »Tonband von minderwertiger Qualität zu tun haben.« Die Schlussfolgerung wurde mit den Worten »Falls sich die Stimmenanalyse der CIA als korrekt erweist (…)« eingeleitet.56

War das Band wirklich von Osama bin Laden? Bruce Lawrence, Professor für Geschichte an der Duke University in North Carolina, äußerte sich in einer Sendung der ABC News dahingehend, dass dies nicht der Fall war; seine Analyse über das »gefälschte« Video vom 9. November 2001 wurde bereits im vorherigen Kapitel erwähnt.

Zum einen stellte Lawrence fest, dass diese Nachricht nicht die für bin Laden typischen Verweise auf den Koran enthält. Lawrence nannte aber auch Beweise, dass bin Laden bereits tot war57 – eine Alternative, die von der New York Times beziehungsweise CNN nicht einmal erwähnt wurde, obwohl beide Medienunternehmen diese in den Vorjahren offen diskutiert hatten.

Das Tonband vom 23. April 2006

Nach dem Terroranschlag in Mumbai (Indien) im November 2008 gelangte am 23. April 2006 erneut ein »bin Laden-Tonband« in die Nachrichten, weil die auf diesem Band einmal mehr nach bin Laden klingende Stimme den »Krieg der Kreuzfahrer, Zionisten und Hindus gegen die Muslime« anprangerte.

»Amerikanische Geheimdienstbeamte sind sich alles andere als sicher«, so ein Artikel in der New York Times vom 6. Dezember 2008, »dass Lashkar[-e-Taiba] für die [Mumbai-]Anschläge verantwortlich ist.«

Weiter heißt es in dem Artikel, dass »Osama bin Laden am 23. April 2006 eine offene Allianz mit Gruppen wie Lashkar und ihren Zielen verkündet hat.« Der Beweis für diese Behauptung soll eine Aussage auf dem Tonband vom 23. April sein, die von einem »Krieg der Kreuzfahrer, Zionisten und Hindus gegen die Muslime« spricht.

Dieser Times-Bericht ließ keine Fragen über die Echtheit der Tonbandaufnahme zu, stattdessen hieß es lediglich: »Mr. bin Laden hat die islamischen Gotteskriegern dazu aufgerufen, wegen Kaschmir den Dschihad gegen Indien fortzusetzen.«58

Zurück zum 24. April 2006: Kurz nachdem das Tonband erschienen war, bewies die New York Times dieselbe Gutgläubigkeit wie zuvor und schrieb: »In einem am Sonntag veröffentlichten Tonband prangert Osama bin Laden den 'zionistischen Krieg der Kreuzfahrer gegen den Islam an'.«59

Der Autor des Times-Artikels schnitt die Frage der Echtheit zumindest kurz an: »Das Tonband wird von amerikanischen Geheimdienstbeamten sowie Terrorismusexperten als authentisch angesehen.« Er gab sogar zu, dass »es keine Möglichkeit gibt, die absolute Echtheit des Bandes zu bestätigen.«

Allerdings schränkte er ein, dass »Terrorismusexperten es zum Teil für glaubwürdig halten, weil es nahezu dem ideologischen und taktischen Profil von Mr. bin Laden entspricht.«60 Der Reporter hält dies offenbar für einen ausreichenden Beweis – und übersieht dabei die Möglichkeit, dass jemand, der vielleicht das Band gefälscht hat, eventuell ein Skript dazu geschrieben hat, welches »Osama bin Ladens ideologisches und taktisches Profil« widerspiegelt. Auch während des restlichen Artikels fällt auf, dass er trotz seines Unvermögens, das Wörtchen »absolut« zu benutzen, unbeirrt daran festhält, dass das Band echt sei, dabei bezieht er sich, den Sprecher betreffend, immer wieder auf »Mr. bin Laden.«

Der Tenor in Artikeln anderer Reporter war ähnlich oder sogar noch oberflächlicher. Die meisten zitierten lediglich Scott McClellan, den Pressesprecher des Weißen Hauses, der während einer Pressekonferenz – zu diesem Tonband befragt, antwortete: »Mir wurde soeben von den Geheimdiensten mitgeteilt, dass sie von der Echtheit ausgehen.«61

Ein gemeinsamer Bericht von Reuters und der Australian Broadcasting Corporation News bewies etwas mehr Einfühlungsvermögen, indem von dem »Sprecher« des Tonbandes gesagt wurde, man würde es bin Laden »zuordnen.« Doch zum Ende hin wird der Sprecher nur noch als »bin Laden« bezeichnet, den Lesern wird erzählt, er sei »seit 2001 auf der Flucht, nachdem die US-Truppen in Afghanistan einmarschiert sind, um die Taliban-Regierung abzusetzen.«62

Das Tonband vom 30. Juni 2006

Abu Musab al-Zarqawi wurde angeblich am 7. Juni 2006 getötet. Drei Wochen später, am 30. Juni, bezeichnete eine Tonbandnachricht, angeblich wieder von bin Laden, al-Zarqawi als »einen unserer größten Ritter.« Der Sprecher forderte darüber hinaus Präsident Bush auf, al-Zarqawis Leichnam seiner Familie zu übergeben und erklärte:

So Gott will, werden wir euch und eure Verbündeten weiterhin überall bekämpfen – im Irak, in Afghanistan, Somalia und Sudan, bis wir eure Geldquellen haben versiegen lassen, bis wir eure Männer getötet haben und euch geschlagen nach Hause schicken, so wie wir euch bereits Gott sei Dank zuvor schon in Somalia geschlagen haben.

CNN meldete, die CIA habe die Stimme auf dem Tonband als die von bin Laden analysiert.63 Doch selbst wenn das stimmen sollte, könnte das Band dennoch, wie wir oben gesehen haben, eine Fälschung sein.

Und angesichts der zuvor erläuterten Eigenschaften, die Zweifel an der Echtheit des angeblichen al-Zarqawi-Briefes an al-Qaida aus dem Jahre 2004 sowie an der Tonbandaufnahme von Dezember 2004 – in welcher die nach bin Laden klingende Stimme al-Zarqawi als »Emir« der al-Qaida im Irak bezeichnet, aufkommen lassen – gibt es weiterhin gute Gründe, die Echtheit des angeblichen Tributs bin Ladens an al-Zarqawi auf dem Band von 2006 zu bezweifeln.

Das Video vom 14. Juli 2007

Am 14. Juli 2007 erschien ein 40-minütiges Video, in dem Osama bin Laden während einer 50 Sekunden langen Sequenz den Märtyrertod pries. Einige der Schlagzeilen über dieses Video – unter anderem »Bin Laden erscheint in neuem al-Qaida-Video«, »Neue Nachricht: Osama bin Laden ruft zum islamischen Märtyrertod auf« und »Wahrscheinlich neue Nachricht von Osama bin Laden«64 – erweckten den Eindruck, es enthalte aktuelle Aufnahmen von bin Laden.

Allerdings stellte sich heraus, dass zwei von den drei Auftritten bin Ladens auf dem Band bereits älteren Datums waren, somit konnte es keinen Beweis dafür liefern, dass er im Jahre 2007 noch am Leben war.

Das Video vom 6. September 2007

Am 6. September 2007 erschien – fünf Tage vor dem sechsten Jahrestag des 11. September – ein weiteres Video »von bin Laden.«65 War schon die Echtheit der Videoaufnahmen aus den Jahren 2001 und 2004 recht fragwürdig, da in ihnen der bin Laden-Darsteller offenbar den natürlichen Alterungsprozess rückgängig gemacht hatte, so ist die Authentizität dieses Videos noch weitaus suspekter. Brian Ross, ein investigativ arbeitender Journalist, äußerte sich dazu in einem Blog der ABC News, welcher den Titel »Neues Video von bin Laden – die Nummer Eins der al-Qaida noch am Leben« trug und kurz vor der Ausstrahlung des Videos erschienen war:

Die Internetseite des Dschihad kündigte das Video mit einem Banner an; zu sehen war ein Standbild des jetzt 50jährigen bin Ladens. Er sah fit aus und hatte einen tiefschwarzen Vollbart anstelle eines grauen Bartes.66

Gegenüber Charles Gibson, einem ABC-Moderator, betonte Ross in einer ähnlichen Sendung: »Bei seinem [bin Ladens] letzten Auftritt im Oktober 2004 trug er einen sehr grauen Bart.«67

Allerdings begann der Blog folgendermaßen: »ABC News wurde von geheimdienstlichen Quellen darüber informiert, dass sie davon ausgehen, dass die Videobotschaft von Osama bin Laden echt ist.« Ross unterschlug den Hinweis, dass die scheinbare Umkehrung des Alterungsprozesses auf eine Fälschung hindeutet. Er verließ sich vielmehr auf die Kompetenz des ehemaligen US-Antiterror-Koordinators Richard Clarke:

Es sieht seltsam aus, so, als hätte er einen falschen Bart. (…) Wenn wir uns das Video von vor drei Jahren ansehen, dann sieht man, dass sein Bart weiß war. Das hier sieht nach einem falschen Bart aus, der irgendwie angeklebt wurde.68

Anstatt davon auszugehen, dass es sich um einen falschen bin Laden handelte, behauptete ABC stattdessen einfach, es handle sich um den echten bin Laden mit einem falschen Bart. Vor allem in Anbetracht der Aussage Clarkes, bin Laden hätte »bei dieser Gelegenheit bewiesen, dass er noch lebt«, war dies eine Überraschung.

Denn hätte bin Laden erwartet, dass man sein Video als authentisch ansieht, warum sollte er dann einen offensichtlich falschen Bart anlegen? Clarke argumentierte, der falsche Bart könnte bedeuten, dass sich bin Laden im südostasiatischen Raum aufhalte (beispielsweise auf den Philippinen oder Indonesien), wo er sich mit einem Bart von der Masse abheben würde, »weil die meisten Muslime dort keine Bärte tragen.«69

Doch angenommen, bin Laden hätte sich tatsächlich den Bart abrasiert, warum hätte er dann für eine Videoaufzeichnung einen künstlichen Bart tragen sollen? Sollen wir etwa glauben, dass bin Ladens Anhänger, sollte er sich wahrhaftig in Südostasien aufhalten, nicht in der Lage wären, einen realistisch aussehenden Bart aufzutreiben?

Einige Reporter vermuteten, bin Laden hätte lediglich seinen Bart gefärbt. Der Associated Press-Bericht erwähnte mit keinem Wort die fragwürdigen Merkmale des bin Laden-Schauspielers, die berechtigte Zweifel an der Echtheit des Videos begründeten; somit avancierte der Bericht zum Beweis dafür, dass bin Laden noch unter den Lebenden weilt:

Sein gestutzter Bart ist deutlich kürzer als in seinem letzten Video von 2004 und jetzt vollständig schwarz – offensichtlich gefärbt, denn in den früheren Videos war er überwiegend grau. (…) Aber sein Auftritt zerstreut die Gerüchte, er könnte gestorben sein.70

Es ist allgemein anerkannt, dass der echte bin Laden als gläubiger wahabitischer Muslim niemals freiwillig seinen Bart gefärbt hätte.71 In dem Interview von 2008, welches zu Beginn dieses Kapitels angesprochen wurde, kommentierte der ehemalige CIA-Agent Robert Baer die Meldung über bin Ladens neues Video wie folgt: »Selbstverständlich ist er tot« und fuhr, als Anspielung auf das Video, fort: »Wo sind die DVDs? Bin Laden würde sein Haar nicht färben.«72

Damit wollte Baer ausdrücken, dass der Sprecher in dem Video von September 2007 nicht bin Laden gewesen sein kann, weil der echte bin Laden seinen Bart hätte schwarz färben müssen, was er definitiv nicht getan hätte.

Die NBC-Produzenten Robert Windrem und Victor Limjoco diskutierten diesen Sachverhalt in einer Sendung und fragten: »Wurde bin Ladens letztes Video gefälscht?« Sie begannen recht offen:

Nachdem die Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit von al-Qaida ihr erstes Video von Osama bin Laden seit nunmehr drei Jahren veröffentlicht hatte, konzentrierten sich die Medien zum größten Teil auf den Bart von bin Laden. Er war entweder gefärbt oder schien sogar angeklebt zu sein.

Bin Laden wurde verspottet,73 es entstanden zahlreiche Theorien, um das zu erklären. Aber jetzt debattieren Videoexperten offen darüber, ob al-Qaida das Video komplett gefälscht haben könnte.74

Der Ausgangspunkt für diese Debatte, so ihre Erklärung, ergab sich aus dem seltsamen Verlauf des Videos:

Die Gesamtlänge des Videos beträgt 25 Minuten, doch nur dreieinhalb Minuten davon sind bewegte Bilder, den Rest füllt lediglich ein Standbild. Die Hinweise auf aktuelle politische Ereignisse im Irak, in Großbritannien und Frankreich fallen in die Laufzeit des Standbildes, so dass der Verdacht naheliegt, dass es sich um kein echtes neues Video handelt, sondern um ein gefälschtes, als neu getarntes Video.

Dann wandten sich Windrem und Limjoco an Dr. Neal Krawetz, Computerexperte und führender Vertreter dieser Ansicht, der darauf hinweist, dass dieses Video und das „Oktober-Überraschungsvideo“ aus dem Jahre 2004 in fast allen Punkten identisch sind:

Bin Laden ist hier zu sehen mit derselben Kleidung, im selben Studio mit demselben Aufbau und demselben Schreibtisch, und das drei Jahre später. Sogar der Papierstapel, von dem er abliest, ist derselbe. Wenn Sie das Video von 2004 mit dem von 2007 überlagern, werden Sie feststellen, dass sein Gesicht seit drei Jahren unverändert ist, nur sein Bart ist dunkler geworden.

Krawetz schlussfolgerte daraus, dass beide Videos am selben Tag produziert wurden. Doch weder Krawetz noch die NBC-Produzenten gelangten zu der Erkenntnis, dass der Mann in diesem Video nicht Osama bin Laden war. Die Sendung gab Krawetz‘ Worte folgendermaßen wieder:

Ein Argument war, dass bin Laden, während er über aktuelle Ereignisse spricht, ausschließlich als Standbild zu sehen ist. Ich glaube nicht, dass man aus diesem Video den Schluss ziehen kann, dass er vielleicht bereits tot ist und das Video daher eine Fälschung sein müsste.

In Anbetracht einer möglichen Fälschung des Videos von 2007 wurde seitens NBC nicht nachgefragt, ob es sich in dem Video tatsächlich um Osama bin Laden handelt, es wurde lediglich erörtert, ob ein älteres Video erneut veröffentlicht wurde. Auf diese Frage antworteten Windrem und Limjoco:

Ein hochrangiger US-Geheimdienstbeamter teilte NBC News mit, dass die Vereinigten Staaten davon ausgehen, dass das Video neu ist. Er erklärte nicht die Gründe der Geheimdienstexperten für eine derartige Annahme. Ein noch höhergestellter Beamter wischte den Einwand, der Bart könnte eine Fälschung sein, einfach beiseite, ohne eine Diskussion über die Ursachen für einen plötzlich schwarzen Bart zuzulasssen.75

Diese Aussage zeigt deutlich, dass sich die NBC-Produzenten gegenüber den Behauptungen der Geheimdienstbeamten skeptisch verhielten.

Obschon sie nicht nach einer Fälschung fragten – was weitaus radikaler gewesen wäre – und damit der Sprecher nur ein Hochstapler wäre, war ihr Verdacht, dass das Video zum größten Teil alt war und zur gleichen Zeit entstand wie das Video vom 29. Oktober 2004, relevant für diese noch radikalere Frage. Denn sollte sich das Video aus dem Jahre 2004 als Fälschung entpuppen, dann würde daraus resultieren, dass es sich bei dem aktuellen Video ebenfalls um eine Fälschung handelt.

Und, wie oben schon ausgeführt, gibt es signifikante Anhaltspunkte für die Annahme, dass der Sprecher des Oktobervideos von 2004 nicht Osama bin Laden war.

Das Video mit dem schwarzbärtigen bin Laden-Schauspieler ist jedenfalls kein Beweis dafür, das bin Laden im Jahre 2007 gelebt hat. Wenn überhaupt, beweist es das Gegenteil. Hier offenbart sich, dass jemand ein altes Video verfremdet und verfälscht hat, um es als neues Video von bin Laden erscheinen zu lassen.

Würde man die Medien dennoch zwei Monate später mit einer weiteren Botschaft bin Ladens konfrontieren, so würden sie dies größtenteils ebenfalls als eine neue Botschaft von ihm interpretieren.

Das Tonband von November 2007

Am 29. November 2007 veröffentlichte al-Jazeera Auszüge eines Tonbandes mit dem Titel „Botschaft an die Völker Europas“. Der Sprecher, einmal mehr angeblich Osama bin Laden, ermunterte die Europäer dazu, deren Regierungen aufzufordern, die USA nicht mehr bei dem ungerechten Krieg in Afghanistan unterstützen. Er erklärte, warum dieser Krieg ungerecht sei:

Die Ereignisse von Manhattan waren eine Vergeltung für die Aggression der amerikanisch-israelischen Allianz gegen unser Volk in Palästina und im Libanon, und ich bin der einzige, der dafür verantwortlich ist. Das afghanische Volk sowie die afghanische Regierung wussten nichts davon. Amerika ist das bekannt.76

Die Kommentare der Nachrichtensender unterschieden sich signifikant bezüglich der möglichen Echtheit des Bandes. Die BBC handelte umsichtig, der Bericht über dieses Band trug den Titel „Bin Ladens Botschaft“ in Anführungszeichen und behandelte das Band als »bin Laden zugeschrieben.« Und anstatt der Formulierung »bin Laden sagte« war in dem BBC-Bericht lediglich nur von »dem Sprecher« oder »der Stimme“ die Rede.77

Am anderen Ende des Spektrums bei der Behandlung dieses Themas titelte Associated Press lapidar: „Bin Laden fordert die europäischen Streitkräfte zum Abzug aus Afghanistan auf.“ Der Artikel nannte bin Laden durchweg als Urheber für die Aussagen auf dem Mitschnitt und verwendete Formulierungen wie »bin Laden sagte« sowie »bin Laden forderte.« Die Frage der Authentizität des Bandes wurde nicht einmal erwähnt.78

Die meisten anderen Berichte lagen irgendwo zwischen diesen beiden Extremen. Reuters beispielsweise sprach nach einer Schlagzeile und zwei Absätzen mit den »Forderungen bin Ladens« nun von einem »Sprecher in der Aufnahme, der wie bin Laden klingt.«

Reuters zitierte weiterhin einen Mitarbeiter einer US-Antiterroreinheit, dass die Stimme auf dem Tonband »die von bin Laden zu sein scheint.« Nach diesen beiden vorsichtig formulierten Aussagen änderte sich der Tenor des Berichts dahingehend, was »bin Laden sagte«, so zum Beispiel: »Bin Laden sagte, die Taliban hätten keine Kenntnis von den Plänen bezüglich der Angriffe von 2001 gehabt.«79

Zusammengefasst wurde dieses Tonband in den entsprechenden Berichten dazu entweder als echt angesehen oder es wurde angenommen, dass es sich bei der Stimme um bin Laden handle und das Band somit als echt angesehen werden könne (trotz der Tatsache, dass mit Hilfe der digitalen Bearbeitung Experten bin Ladens Stimme so manipuliert haben könnten, um ihn alles Gewünschte sagen zu lassen).

Ebenfalls nannte keiner der Berichte den Lesern die Beweise, dass bin Laden schon vor langer Zeit verstorben ist und dass bislang keine einzige der Botschaften von ihm definitiv als authentisch identifiziert wurden beziehungsweise dass einige von ihnen offenbar sehr deutliche Fälschungen waren.

Die Frage, ob dieses Tonband gegenwärtig als echt eingestuft werden sollte, ist ein weiterer Grund – von den eben genannten Punkten abgesehen – für eine negative Antwort.

Auf dem der Öffentlichkeit bereits am 19. November 2007 vorgestellten Tonband gestand der Sprecher mit bin Ladens Stimme seine Verantwortung für den 11. September. Dennoch hat das FBI den 11. September bisher nicht in die Liste der terroristischen Attentate aufgenommen, für die bin Laden weltweit gesucht wird.

Das Band erschien knapp ein Jahr vor der Umfrage, die Robert Baer unter CIA-Beamten durchgeführt hatte und die zu dem Ergebnis kam, dass nicht einer von ihnen mit Sicherheit sagen konnte, ob bin Laden noch am Leben war.

Offenbar waren also weder FBI- noch CIA-Ermittler davon überzeugt, dass Osama bin Laden selbst dieses Band aufgenommen hatte.

Die bin Laden-Tonbänder von 2008

Auch im Jahre 2008 erschienen weitere angeblich von Osama bin Laden stammende Tonbänder. Auf einem Tonband drohte der Sprecher am 19. März 2008 den Staaten der Europäischen Union wegen des Nachdrucks einer antiislamischen Mohammed-Karikatur, die ursprünglich im Jahre 2006 in Dänemark publiziert worden war.80

Am kommenden Tag, dem 20. März, tauchte ein neues Tonband auf. Darin hieß es, der Irak sei »die perfekte Basis, um den Dschihad vorzubereiten und Palästina zu befreien«, diesmal forderte die Stimme bin Ladens die Bevölkerung im Nahen Osten dazu auf, Gaza zu befreien und ihre »Mudschaheddin-Brüder im Irak« zu unterstützen.81

Am 16. Mai 2008 wurde Israel zum 60. Jahrestag der Staats-gründung von einem Sprecher mit bin Ladens Stimme auf einem Tonband kritisiert, verbunden mit dem Schwur, Israel weiterhin zu bekämpfen.82

Zwei Tage später – am 18. Mai – erschien ein weiteres Tonband, in dem ein bin Laden-Sprecher an die muslimischen Kämpfer appellierte, dass die einzige Möglichkeit, Palästina zu befreien, darin liege, die arabischen Regierungen, welche Israel beschützen, zu stürzen. Das Bekämpfen muslimischer Herrscher sei zulässig, fügte er hinzu, falls sie nicht nach dem islamischen Recht regieren.83

In allen Fällen hieß es in der Berichterstattung, dass die Bänder unabhängig voneinander nicht als echt eingestuft werden konnten. Darüber hinaus sieht es danach aus, dass sogar Vizepräsident Dick Cheney nicht von deren Echtheit überzeugt war. Ende 2008 wurde Cheney von einem Reporter gefragt, ob Osama bin Laden noch am Leben sei. Cheney antwortete: »Ich weiß es nicht, aber ich denke, er lebt noch.«84

Das bin Laden-Tonband vom 14. Januar 2009

Nachdem es in den letzten sieben Monaten des Jahres 2008 um Osama bin Laden ruhig geworden war, veröffentlichte „er“ – knapp eine Woche vor der Amtseinführung von Barack Obama – am 14. Januar 2009 eine erneute Erklärung. Dabei handelte es sich um ein Tonband von 22-minütiger Dauer, versehen mit dem Titel „Ein Aufruf zum Dschihad, um die Aggression gegen Gaza zu stoppen. Die Botschaft von Scheich Osama bin Laden an die muslimische Umma.“85 Der Sprecher argumentierte, der Angriff Israels auf Gaza sei ein Anlass, den künftigen Präsidenten vor eine Herausforderung zu stellen.

Die angebliche Stimme bin Ladens stellte fest, dass der gewählte Präsident Barack Obama ein »schweres Erbe« von Präsident Bush angetreten habe – zwei Kriege sowie der kurz bevorstehende Zusammenbruch der Wirtschaft – und bezweifelte, ob Amerika »in der Lage ist, uns noch weiterhin jahrelang zu bekämpfen.«86

Aber war diese Stimme wirklich die von Osama bin Laden? Die BBC, vorsichtig geworden, kündigte eine »neue, angeblich Osama bin Laden zugesprochene Audiomitteilung« an und sprach durchgehend von »dem Sprecher« und »der Nachricht«, ohne ein einziges Mal Osama bin Laden die Urheberschaft zuzuschreiben: »Sollte man sie verifizieren, wäre es seit Mai 2008 das erste Tonband von dem saudischen Kämpfer.«

Die BBC zitierte außerdem ihren Sicherheitskorrespondenten: »Die Stimme ist die gleiche.« Aber es wurde seitens der BBC nie behauptet, dass eine Überprüfung stattgefunden hätte.87

Doch die US-Presse verhielt sich, wie üblich, weniger vorsichtig. In einem Artikel der Associated Press hieß es zu Beginn, man nehme von dem Tonband an, dass es eine Botschaft von Osama bin Laden enthalte.

Der Rest des Artikels hingegen war so formuliert, als ginge man davon aus, dass die Aussagen auf dem Band definitiv von bin Laden stammen und dass »dieses Tonband bin Ladens erste Äußerungen seit Mai waren.«

Im Gegensatz zur BBC unterschlug AP den Hinweis, dass dies nur dann zutreffen würde, falls man das Band verifiziert hätte.88 Ein weiterer Artikel in der New York Times hatte ebenfalls dieses Band zum Thema, als gäbe es keinen Zweifel an dessen Authentizität.

Unter dem Titel „Tonbandnachricht von bin Laden: Er fordert Heiligen Krieg wegen Gaza-Streifen“ hieß es im ersten Absatz des Berichtes: »Osama bin Laden forderte die Muslime zum Heiligen Krieg gegen Israel auf. (…) Ein Tonband, welches am Mittwoch auf islamistischen Webseiten veröffentlicht wurde, ist seine erste öffentliche Erklärung seit Mai.«

Die Autoren wiesen im weiteren Verlauf des Artikels darauf hin, dass »die Echtheit des bin Laden-Tonbandes nicht sofort überprüft werden konnte, aber (…)«, so ergänzten sie, als hätten sie diese Überprüfung selbst vorgenommen, »es weist viele Merkmale von Botschaften auf, die von al-Qaida stammen. Das Band wurde von as-Sahab erstellt, der Medienabteilung von al-Qaida, und die Stimme gleicht sehr anderen Aufzeichnungen von Mr. bin Laden.«

Doch einige Absätze weiter unten schrieben diese Journalisten unpassenderweise: »Das Tonband, sollte dessen Echtheit bestätigt werden, wäre die erste öffentliche Erklärung von Mr. bin Laden seit Mai.« Weiter oben hatten sie jedoch den Eindruck erweckt, als hätte diese Analyse bereits stattgefunden und zitierten eine Aussage von dem Band: »Mr. bin Laden sagte (…).«89

Brian Ross von ABC News war ebenfalls dazu bereit, sich über die Beweise hinwegzusetzen und instrumentalisierte das Band zum Beweis dafür, dass die Gerüchte über Osama bin Ladens Tod falsch seien. »Das Band belegt«, so Ross, »dass bin Laden ziemlich kurzatmig zu sein scheint« und verwies auf den ehemaligen CIA-Agenten John Kiriakou, der dieses Tonband als »den ersten hand-festen Beweis ansieht, dass bin Laden gesundheitliche Probleme hat.« Was aber ist mit den vorher besprochenen Beweisen aus dem Jahre 2002, dass bin Laden an einer ernsthaften Nierenerkrankung litt?

Ross schrieb: »Es gab 2002 Gerüchte und Berichte, nach denen bin Laden ernsthafte Nierenprobleme hatte, doch diese Diagnose wurde von US-Regierungsbeamten nie bestätigt.«90

Wie wir im ersten Kapitel gesehen haben, bestanden diese »Gerüchte und Berichte« aus professionellen Stellungnahmen der Terrorexperten Peter Bergen und Dr. Sanjay Gupta, basierend auf dem Video nach dem 9. November, welches am 27. Dezember 2001 veröffentlicht worden war. Danach litt bin Laden an akutem Nierenversagen, so dass er ein Dialysegerät benötigt hätte, um überleben zu können.

Hinzu kommen die Zeugenaussagen eines Journalisten des Le Figaro sowie von Pakistans Präsident Musharraf, dass bin Laden ein mobiles Dialysegerät bestellt hatte. Im Hinblick auf die Aussage, dass im Jahre 2002 »US-Regierungsbeamte nie die Diagnose bin Ladens bestätigt hatten«, muss gefragt werden, welche andere mögliche Beweisführung sich Ross vorstellt, ohne bin Laden gefangen zu nehmen und ihn einer körperlichen Untersuchung zu unterziehen?

Auf jeden Fall befasst sich Ross mit der Frage, ob die keuchende Stimme auf dem Tonband wirklich die von Osama bin Laden war: »Ein hochrangiger US-Beamter teilte ABC News mit, dass es keinen Grund gibt, die Echtheit des Bandes anzuzweifeln.« Unter Zuhilfenahme dieser anonymen Quelle erklärte Ross, dass das neue Tonband »allen Spekulationen, bin Laden könnte tot sein, ein Ende bereitet« und beantwortete somit diese Frage.

Dann bestätigte Ross, als wolle er seine Leichtgläubigkeit in die Welt hinausposaunen, die Echtheit des offensichtlich problematischen letzten Videos von bin Laden und kommentierte: »Das letzte Mal, als bin Laden im September 2007 vor die Kamera getreten war, hatte er offenbar seine Haare und seinen Bart tiefschwarz gefärbt.«91

Um dieses Kapitel kurz zusammenzufassen: Daniel Benjamin, ehemaliges Mitglied des Nationalen Sicherheitsrates, sagte Ende 2007: »Der einzige Beweis für bin Ladens Existenz, den die US-Geheimdienste haben, sind seine eigenen Videos.«92

Angesichts des Umstandes, dass kein einziges dieser Videos auf jeden Fall als authentisch angesehen werden kann, sieht es danach aus, als hätten die USA keinerlei Beweise dafür, dass Osama bin Laden noch am Leben ist.