5. Kapitel: Das passende Timing von vielen dieser Nachrichten

Osama bin Laden: Tot oder lebendig?

5. Kapitel

Das passende Timing von vielen dieser Nachrichten

Ein Grund für die Annahme, dass es sich bei allen nach 2001 erschienenen Nachrichten von bin Laden um Fälschungen handelt, liegt in den sehr deutlichen Hinweisen auf Osama bin Ladens Tod im Dezember 2001. Ein weiterer Grund anzunehmen, dass diese Bänder eher von Mitarbeitern der US-Regierung beziehungsweise deren Verbündeten produziert worden sind denn von ihren Feinden, ist der oftmals für die Bush-Regierung sehr günstige Zeitpunkt, an dem diese und andere vermeintliche Mitteilungen von al-Qaida aufgetaucht sind, beispielsweise, weil dadurch die Beliebtheit des Präsidenten stieg. Die folgende Zusammenfassung soll die Regelmäßigkeit hervorheben, mit der diese zweckdienlichen Nachrichten erschienen sind:

(1) Das auf den 9. November 2001 datierte und am 13. Dezember 2001 veröffentlichte Bekenntnisvideo bin Ladens: Zu einem Zeitpunkt, an welchem es den Regierungen unter Bush und Blair immer noch nicht gelungen war, bin Ladens Täterschaft für die Anschläge des 11. September zu beweisen, warb die Bush-Regierung in einer groß angelegten Medienkampagne nach einem Bericht in der Washington Post »um Unterstützung der internationalen Öffentlichkeit, vor allem in der islamischen Welt, für den Feldzug gegen den Terror.«1

Eine weitere möglicherweise relevante Tatsache ist, dass bin Laden offensichtlich am 13. Dezember 2001 gestorben war und man eventuellen Todesmeldungen zuvorkommen wollte.

(2) Am 10. September 2002 erfuhr die Welt von der Existenz eines neuen »bin Laden-Videos«, in welchem der Sprecher die neunzehn Männer preiste, von denen behauptet wird, sie hätten die für die Anschläge vom 11. September verwendeten Flugzeuge entführt. Abgesehen von dem rechtzeitigen Erscheinen des Videos kurz vor dem ersten Jahrestag der Angriffe, als sich die öffentliche Aufmerksamkeit wieder auf dieses Ereignis richtete, »fragten sich viele Menschen in der arabischen und muslimischen Welt, ob bin Laden überhaupt [an den Anschlägen vom 11. September] beteiligt gewesen war.«2

Der Öffentlichkeit wurde berichtet, dass »al-Qaida [in dem Video] formell die Verantwortung für die Anschläge vom 11. September übernimmt«3 und dass es »keinen Zweifel daran offen lässt, dass al-Qaida hinter den Terroranschlägen steckt.«4

(3) Am 27. Oktober 2002 wurde in einem aus Afghanistan kommenden Bericht behauptet, US-Spionagesatelliten hätten ein Telefonat zwischen Osama bin Laden und Mullah Omar abgehört. Unter dem Titel „Bin Laden lebt noch“ erschien diese Nachricht zu einem Zeitpunkt »zunehmender Spekulationen darüber, dass bin Laden tot ist.« Ein namentlich nicht genannter hochrangiger Offizier des afghanischen Geheimdienstes wurde folgendermaßen zitiert: »Das heißt, dass Osama bin Laden vor kurzem noch lebte. Manche Leute möchten daran glauben, dass er tot ist, aber das ist nur Wunschdenken.«5

(4) Etwas mehr als einen Monat später tauchte am 12. November 2002 ein Tonband auf, auf dem sich ein Sprecher mit bin Ladens Stimme auf einige der jüngsten Anschläge bezog. Nach einem Artikel in der New York Times »verstummten offenbar schlagartig die seit Monaten andauernden regierungsinternen Debatten darüber, ob der schwer zu fassende Terroristenführer noch am Leben ist.«6 Wie wir im ersten Kapitel gesehen haben, verstummten zu dieser Zeit weitgehend die Diskussionen in der Presse darüber, ob bin Laden möglicherweise tot sein könnte.

(5) Am 11. Februar 2003, als sich die USA auf den Angriff gegen den Irak vorbereiteten, erschien wiederum ein Tonband, hier ermutigte die Stimme bin Ladens die Iraker dazu, »jeden US-gestützten Angriff auf den Irak zu bekämpfen«,7 und zwar genau an dem Tag, als Außenminister Colin Powell auf dem Capitol Hill für die Bush-Regierung um Zustimmung für den Angriff warb. Dieses Band war die Rechtfertigung für Powell und das Weiße Haus für die Behauptung, es gäbe eine Allianz zwischen bin Laden und dem Irak, was eine Invasion des Iraks als eine gerechtfertigte Reaktion auf den 11. September erscheinen ließ.

(6) Am 29. Oktober 2004, nur vier Tage vor den US-Präsidentschaftswahlen, wurde ein weiteres „Geständnisvideo“ publiziert. Die Mitteilung des bin Laden-Doppelgängers wurde laut CIA-Experten »eindeutig zu dem Zweck hergestellt, die Wiederwahl des Präsidenten zu ermöglichen.«8 Und das tat sie auch.

(7) Das Tonband vom 27. Dezember 2004, welches mit der Stimme bin Ladens Abu Musab al-Zarqawi als »Emir« (Führer) der al-Qaida im Irak darstellte, platzte in den Mittelpunkt eines US-geführten Propagandafeldzuges mit dem Ziel, die amerikanische Bevölkerung davon zu überzeugen, al-Zarqawi würde mit al-Qaida in Verbindung stehen und wäre daher eine Leitfigur des irakischen Widerstandes gegen die Besetzung des Iraks durch das US-Militär. Dieses Band sollte offensichtlich als Antwort bin Ladens auf den angeblich von al-Zarqawi verfassten Brief (der sich später als Fälschung herausstellen sollte) an die afghanische al-Qaida-Führung verstanden werden.

(8) Nun kommen einige Bänder, die noch nicht besprochen wurden. Am 30. Januar 2006 zeigte al-Jazeera ein Video mit dem augenscheinlichen Vertreter Osama bin Ladens, Ayman al-Zawahri. Nachdem er Bush als »Versager« und »Schlächter« beschimpft hatte, drohte der al-Zawahri-Darsteller mit weiteren Anschlägen auf die Vereinigten Staaten.9 Eine Studie aus dem Jahre 2004 hatte ergeben, dass derartige Drohungen die Beliebtheit des Präsidenten durchweg steigerten.10 Und dieses Video erschien einen Tag vor der Rede von Präsident Bush zur Lage der Nation.

(9) Am 23. Mai 2006 wurde ein Tonband veröffentlicht, hier bezog sich die bin Laden-Stimme auf die Verurteilung von Zacarias Moussaoui, des so genannten zwanzigsten Entführers, im selben Monat und nahm diese zum Anlass, sich zu der Verantwortung für die Anschläge am 11. September zu bekennen: »Ich bin eins mit den 19 Brüdern und habe Bruder Zacarias niemals für diese Mission berufen.«11

Der Veröffentlichungszeitpunkt dieses Audiobandes war hochsignifikant, denn er lag kurz nach der Veröffentlichung einer von Zogby (ein US-amerikanisches Meinungsforschungsinstitut) durchgeführten Umfrage, aus der resultierte, dass 45 Prozent der US-Bevölkerung der Meinung waren, dass die Anschläge des 11. September erneut untersucht werden sollten, und 42 Prozent glaubten, die US-Regierung sowie die 9/11-Kommission hätten »entscheidende Beweise, die der offiziellen Version der Anschläge des 11. September widersprechen«, unterschlagen.12 Dieser Zeitablauf kann auch Zufall gewesen sein, dennoch kam es im folgenden Jahr erneut zur gleichen Reihenfolge (siehe den nächsten Punkt).

(10) Der 6. September 2007 bescherte das Video mit einer schwarzbärtigen bin Laden-Gestalt, die sowohl den Kapitalismus als auch Präsident Bush kritisierte – nur fünf Tage vor dem sechsten Jahrestag des 11. September eine willkommene Gelegenheit für Bush, an »die gefährliche Welt zu erinnern, in der wir leben« und daran zu erinnern, wie wichtig es ist, »dass wir uns mit aller Entschlossenheit selbst schützen, al-Qaida in ihre Schranken verweisen und junge Demokratien unterstützen.«16 Vielleicht war aber der Umstand noch entscheidender, dass zeitgleich mit diesem Video die Ergebnisse einer neuen Zogby-Umfrage präsentiert wurden, wonach 51 Prozent der Amerikaner forderten, der Kongress solle die Rollen von Bush und Cheney im Zusammenhang mit dem 11. September untersuchen.17

Zusammengefasst legen die Termine, zu denen die Botschaften platziert wurden, den Schluss nahe, dass diese von Protagonisten der Bush-Regierung fabriziert wurden und nicht von ihren Feinden. Nach dem Warum gefragt, antwortete vor kurzem Robert Baer: »Ich glaube, da gibt es eine riesige Industrie von Auftragnehmern, Firmen und Experten, die auf einen lebenden bin Laden angewiesen sind, denn sie fressen alle aus einem Trog.«18