Einleitung

Osama bin Laden: Tot oder lebendig?

Einleitung

Der ehemalige CIA-Mitarbeiter Robert Baer, der Autor des Buches See No Evil (welches Stephen Gaghan zum Politthriller Syrania1 inspirierte) wurde am 2. Oktober 2008 in der Sendung Fresh Air des National Public Radio interviewt. Während des Interviews meinte Baer beiläufig, dass Osama bin Laden tot sei. Als der Moderator Terry Gross nachfragte, antwortete Baer: »Selbstverständlich ist er tot« und fuhr fort:

Er hat sich nicht mehr in der Öffentlichkeit gezeigt. Ich habe in den letzten Monaten unter den CIA-Beamten, die auf seine Spur angesetzt waren, eine Umfrage durchgeführt und war erstaunt, dass kein Einziger sich sicher war, ob bin Laden noch am Leben oder bereits tot war.
Mit anderen Worten, sie haben keine Ahnung. Ich meine, der Mann ist wie vom Erdboden verschluckt. Während meiner Dienstzeit bei der CIA ist etwas derartiges noch nicht vorgekommen. 2

Im folgenden Monat, am 10. November 2008, behauptete das National Terror Alert Response Center (Nationales Zentrum für Terrorbekämpfung), Osama bin Laden plane angeblich einen neuen Angriff gegen die Vereinigten Staaten, der »die Angriffe vom 11. September 2001 bei weitem übertreffen wird.«3

Diese alarmierende Nachricht stammte aus einem Artikel einer arabischsprachigen Zeitung aus London; angeblich stamme diese Information von einem jemenitischen Beamten, von dem, obwohl »nicht namentlich genannt«, behauptet wurde, »al-Qaida sehr nahe zu stehen.«

In dem Artikel wurde darüber hinaus behauptet, Osama bin Laden hätte »nur sechs Monate zuvor eine Nachricht an alle Dschihad-Zellen in der arabischen Welt gerichtet.«4 Der Artikel war im übrigen so formuliert, dass er keine wie auch immer gearteten Zweifel an der bestehenden Existenz Osama bin Ladens aufkommen ließ.

Am nächsten Tag, dem 11. November 2008, berichtete die Washington Post:

Der designierte Präsident Barack Obama (…) hat die Absicht, auch die neu gewählte US-Regierung zur Jagd auf Osama bin Laden zu verpflichten. (…) »Dies ist unser Feind«, äußerte sich ein Berater zu Osama bin Laden, »und er sollte unser Hauptziel sein.« (…) Obamas Interimsmannschaft für nationale Sicherheit (…) hat ihre diplomatische Annäherung an Pakistan – US-Geheimdienste glauben, dass sich bin Laden dort versteckt hält – noch nicht formuliert.5

Der Bericht der Post erwähnt nicht, dass einige US-Geheimdienstbeamte glauben, dass sich bin Laden nirgends versteckt – eben weil er tot ist. Die Ansicht, dass bin Laden tot ist, wird darüber hinaus nicht nur von Robert Baer und einigen seiner Freunde bei der CIA geteilt.

Im März 2009 veröffentlichte Angelo Codevilla, ein ehemaliger Beamter des Auswärtigen Dienstes, der heute an der Universität Boston Internationale Beziehungen lehrt und Chefredakteur des American Spectator ist, einen Artikel in dieser Zeitschrift mit der Überschrift „Osama bin Elvis“. Diese Überschrift erklärte er folgendermaßen: »Sieben Jahre nach den letzten verifizierbaren Lebenszeichen von Osama bin Laden gibt es eher Beweise für Elvis‘ Existenz als für seine.«6

Denn falls er tot ist, wäre zwangsläufig die Jagd auf ihn offensichtlich sinnlos. Für eine rationale Politik wird daher die Obama-Administration zunächst feststellen müssen, ob bin Laden tot oder lebendig ist.

Für beide Möglichkeiten existieren Beweise. Der primäre Beweis für den Tod bin Ladens sind Berichte über sein Ableben in Tora Bora Ende 2001 – zusammen mit der Tatsache, dass ab diesem Zeitpunkt die Spionageexperten, die bis dato bin Ladens Kommunikation umfassend abgehört hatten, keine einzige Nachricht mehr von ihm abfangen konnten. Der zentrale Beweis dafür, dass bin Laden noch lebt, ist in den angeblich von ihm stammenden Tonband- und Videonachrichten zu sehen. Doch wenn bin Laden bereits Ende 2001 verstorben ist, müssen diese Nachrichten zwangsläufig Fälschungen sein. Sollten hingegen einige von ihnen doch authentisch sein, sind die Berichte über seinen Tod unwahr.

Die Frage ist, ob die Gründe für die Annahme, dass wenigstens einige der Botschaften echt sind, stichhaltig genug erscheinen, um die Beweise für den Tod bin Ladens aufzuwiegen. Im ersten Kapitel dieses Buches analysiere ich die Beweise für seinen frühen Tod und untersuche in den weiteren Kapiteln die Authentizität der „Osama bin Laden-Videos“ und der anderen angeblich von ihm stammenden Mitteilungen.