Einleitung

Das neue Pearl Harbor - Band 1
Beunruhigende Fragen zur Bush-Regierung und zum 11. September

Einleitung

Die Anschläge des 11. September sind oft mit dem Angriff auf Pearl Harbor verglichen worden. Der Investigativ-Journalist James Bamford hat zum Beispiel über das Verhalten Präsident Bushs »mitten in einem modernen Pearl Harbor« geschrieben.1 CBS News berichtete, daß der Präsident höchstpersönlich vor dem Zubettgehen am 11. September in sein Tagebuch schrieb: »Das Pearl Harbor des 21. Jahrhunderts fand heute statt.«2

Dieser Vergleich ist oft um des Argumentes willen gemacht worden, daß die amerikanische Antwort auf den 11. September ähnlich sein sollte wie die auf Pearl Harbor. Kurz nach der Ansprache des Präsidenten an die Nation schrieb Henry Kissinger einen Online-Artikel, in dem er sagte: »Die Regierung sollte den Auftrag für eine systematische Reaktion bekommen, von der man hofft, daß sie in der Art des Angriffs auf Pearl Harbor enden wird – mit der Zerstörung des Systems, das dafür verantwortlich ist.«3 Ein Leitartikel im Time-Magazin, der direkt nach den Anschlägen erschien, drängte: »Laßt uns einmal keine alberne Rhetorik über ›Heilung‹ haben. … Ein Tag kann nicht in Schande bestehen, ohne Wut zu nähren. Laßt uns Wut haben. Was wir brauchen, ist eine vereinigte, vereinigende Pearl Harbor-artige geballte amerikanische Wut.«4

Einige der Vergleiche haben darauf hingewiesen, daß die Anschläge des 11. September in der Tat nach einer Reaktion riefen, die den Einsatz amerikanischer Militärmacht erforderte, ähnlich wie bei Pearl Harbor. Der australische Journalist John Pilger zitierte eine Vorhersage aus dem Jahre 2000 von Personen, die kurz darauf Spitzenmitglieder der Bush-Regierung wurden: die Veränderungen, die sie ersehnten, wären schwierig, es sei denn »ein neues Pearl Harbor« fände statt,5 und schrieb: »Die Anschläge des 11. September 2001 lieferten das neue Pearl Harbor.«6 Ein Mitglied des Instituts für Strategische Studien der US-Armee berichtete, daß nach dem 11. September »die öffentliche Unterstützung für ein militärisches Vorgehen auf einer ähnlichen Ebene liegt wie die Reaktion der Öffentlichkeit nach dem Angriff auf Pearl Harbor.«7

Vergleiche des 11. September mit Pearl Harbor scheinen nicht ungerechtfertigt. Die Ereignisse des 11. September, so sind sich fast alle einig, waren die wichtigsten Ereignisse der letzten Zeit – sowohl für Amerika als auch für den Rest der Welt. Die Angriffe dieses Tages lieferten die Grundlage für eine erhebliche Einschränkung der bürgerlichen Freiheiten in den Vereinigten Staaten (wie Pearl Harbor zur Beschränkung der bürgerlichen Freiheiten japanischer Amerikaner führte).8 Diese Angriffe waren auch die Grundlage eines durch die Vereinigten Staaten geführten weltweiten »Kriegs gegen den Terror«, mit den Kriegen in Afghanistan und im Irak, die die beiden wichtigsten Begebenheiten bisher sind.
Der »Krieg gegen den Terror« der Bush-Regierung wird zudem weithin als Vorwand für einen aggressiveren Imperialismus angesehen. Phyllis Bennis zum Beispiel sagt, daß der 11. September zu einer »Außenpolitik geführt hat, die dem Rest der Welt durch das unbestrittene Recht eines Imperiums auferlegt wurde.«9 Sicherlich haben manche Historiker seit einiger Zeit darauf hingewiesen, daß sich amerikanische Führer lange ein Imperium gewünscht haben, das die gesamte Welt umspannt.10 Aber die meisten Kritiker der US-Außenpolitik glauben, daß der Imperialismus der Bush-Junior-Regierung, vor allem seit dem 11. September, sehr viel deutlicher, weitreichender und arroganter geworden ist.11 Richard Falk hat es sogar als »das Projekt der globalen Vorherrschaft« bezeichnet.12 Zwar gab es einen Überfluss an gutem Willen gegenüber Amerika nach dem 11. September und eine weit verbreitete Bereitschaft, in ihre Behauptung einzuwilligen, daß die Angriffe ihnen ein Mandat gaben, einen weltweiten Krieg gegen den Terror zu führen, aber dieser gute Wille war schnell erschöpft. Die amerikanische Außenpolitik wird jetzt in der ganzen Welt umfassender und strenger kritisiert als jemals zuvor, sogar mehr als während des Vietnamkriegs. Die amerikanische Antwort auf jegliche Kritik ist jedoch immer der 11. September. Als Europäer die Absicht der Bush-Regierung kritisierten, gegen den Irak in den Krieg zu ziehen, erklärten zum Beispiel mehrere amerikanische Meinungsmacher, die den Krieg unterstützten, den Unterschied in der Wahrnehmung damit, daß die Europäer nicht die Anschläge des 11. September erlitten hätten.

Das Versagen der Presse

Angesichts der Rolle des 11. September hin zu einem viel expliziteren und aggressiveren Imperialismus meinten einige Beobachter, daß Historiker später auf ihn als den eigentlichen Beginn des 21. Jahrhundert blicken werden.13 Dennoch, trotz der nahezu universellen Übereinkunft, daß der 11. September von solch transzendenter Wichtigkeit war, gab es kaum öffentliche Untersuchungen dieses Ereignisses an sich. Am ersten Jahrestag der Anschläge des 11. September schrieb die New York Times: »Ein Jahr später weiß die Öffentlichkeit weniger über die Umstände von 2801 Toten mitten in Manhattan am hellichten Tag, als man im Jahre 1912 innerhalb weniger Wochen über die Titanic wußte.«14 Das war zum Teil deshalb der Fall, weil die Bush-Regierung sich der Forderung nach einer Sonderkommission mit dem Argument widersetzte, daß eine Untersuchung vom notwendigen »Krieg gegen den Terrorismus« ablenken würde. Aber der Mangel an Informationen der Öffentlichkeit über den 11. September ist zum großen Teil auch auf die Tatsache zurückzuführen, daß die Times und der Rest der Mainstream-Presse investigative Berichte, die das mangelnde Wissen der Öffentlichkeit hätten überwinden können, nicht genehmigte. Ein weiteres Jahr später blieb die Situation nahezu dieselbe. Am 11. September 2003 fragte ein Autor der Philadelphia Daily News: »Warum wissen wir nach 730 Tagen so wenig darüber, was wirklich an diesem Tag passierte?«15

Die amerikanische Presse hat insbesondere keine eingehende Untersuchung der Frage geboten, ob die offizielle Darstellung der Geschehnisse mit den vorliegenden Beweisen zusammenpaßt oder anderweitig plausibel ist.16 Viele Zeitungs- und Fernseh-Berichte haben sicherlich einige beunruhigende Fragen zur offiziellen Darstellung gestellt, die zeigen, daß es Teile der Geschichte gibt, die keinen Sinn zu ergeben scheinen oder die bestimmten Tatsachen widersprechen. Aber die Presse hat keine Spitzenkräfte der Regierung mit diesen scheinbaren Unwahrscheinlichkeiten und Widersprüchen konfrontiert.
Die Massenmedien haben außerdem der Öffentlichkeit keine Gesamtdarstellungen geboten, die alle ihnen bekannten beunruhigenden Fragen darlegen. Es gab viele sehr wichtige Berichte durch eine Reihe von Journalisten, darunter den international bekannten und preisgekrönten Journalisten Gregory Palast und Kanadas preisgekrönten Barrie Zwicker (siehe Anmerkungen 16 und 18). Aber solche Berichte wurden, selbst wenn sie gesehen wurden, weitgehend vom kollektiven Bewußtsein vergessen und blieben einzelne Produkte brillanter und mutiger Berichterstattung. Sie durften bisher nicht ein aussagekräftiges Gesamtbild bilden. Schließlich haben die Massenmedien, trotz der deutlichen Kritik an der offiziellen Darstellung, die von vielen ansonsten glaubwürdigen Personen präsentiert wurde, der Öffentlichkeit nicht ihre Ansichten mitgeteilt.

Kritik an der offiziellen Darstellung ist sicherlich aufrührerisch, denn die offizielle Darstellung abzulehnen, impliziert, daß US-Spitzenpolitiker, darunter der Präsident, eine massive Lüge aufgebaut haben. Und wenn sie eine falsche Darstellung konstruierten, hätten sie dies – so würden die meisten Menschen annehmen – getan, um ihre eigene Tatbeteiligung zu vertuschen. Und das ist tatsächlich die Schlußfolgerung der meisten Kritiker der offiziellen Darstellung. Dies wäre sicherlich eine aufrührerische Anschuldigung. Aber wie können wir behaupten, eine freie Presse – eine Vierte Gewalt – zu haben, wenn sie dabei versagt, schwerwiegende Vorwürfe gegen einen amtierenden Präsidenten zu untersuchen mit der Begründung, sie wären zu aufrührerisch? Die Anschuldigungen gegen Präsident Nixon im Watergate-Skandal waren aufrührerisch. Die Anschuldigungen gegen Präsident Reagan in der Iran-Contra-Affäre waren aufrührerisch. Die verschiedenen Anschuldigungen gegen Präsident Clinton waren aufrührerisch. In all diesen Fällen jedoch berichtete die Presse über diese Angelegenheiten (wenn auch in den ersten beiden Fällen etwas verspätet). Es sind gerade solche Situationen, in denen wir eine unabhängige Presse am meisten brauchen.

Doch die Presse hat es versäumt, ihre Arbeit in Bezug auf den 11. September zu tun, obwohl die Folgen, wenn die offizielle Darstellung des 11. September sich als falsch erweisen würde, gewaltig wären – viel mehr noch als bei einem der früheren Skandale. Die offizielle Darstellung des 11. September wurde als Rechtfertigung für die Kriege in Afghanistan und Irak benutzt, die zum Tod nicht nur von Tausenden von Kombattanten geführt haben, sondern auch von weit mehr unschuldigen Zivilisten, als am 11. September getötet wurden. Diese Darstellung diente als Rechtfertigung für Dutzende weiterer Operationen auf der ganzen Welt, von denen die meisten dem amerikanischen Volk weitgehend unbekannt sind. Sie wurde benutzt, um den USA-PATRIOT-Act zu rechtfertigen, der die bürgerlichen Freiheiten der Amerikaner einschränkte. Und sie wurde benutzt, um die unbegrenzte Inhaftierung von unzähligen Menschen in Guantanamo und anderswo zu rechtfertigen. Und doch war die Presse weniger aggressiv beim Infragestellen von Präsident Bush zum 11. September als beim Infragestellen von Präsident Clinton über seine Beziehung zu Monica Lewinsky, im Vergleich eine recht triviale Angelegenheit.

Einige Insider haben in diesem Zusammenhang das Versagen der amerikanischen Medien eingestanden. Beispielsweise wurde Rena Golden, Vize-Präsidentin und Hauptgeschäftsführerin von CNN International, im August 2002 zitiert, daß sich die amerikanische Presse zum 11. September und beim Krieg in Afghanistan einer Selbstzensur unterworfen hat. »Jeder, der behauptet, daß die US-Medien sich nicht selbst zensieren«, fügte Golden hinzu, »macht Scherze. Und dies ist nicht nur eine CNN-Angelegenheit – jeder Journalist, der in irgendeiner Weise am 11. September beteiligt war, ist mitverantwortlich.«17 Dazu, warum dies so gewesen ist, sagte CBS-Moderator Dan Rather:

Es gab eine Zeit in Südafrika, als Leute flammende Autoreifen um den Hals der Menschen legten, wenn sie anderer Meinung waren. Und in gewisser Weise gibt es die Angst, daß du hier auch so Halskette bekommst, daß man dir einen flammenden Reifen um den Hals legt, aus Mangel an Patriotismus. Jetzt ist es diese Angst, die Journalisten davon abhält, die härtesten der harten Fragen zu stellen.18

Rathers Geständnis erklärt sicherlich zumindest einen Teil der Zurückhaltung der Presse, die offizielle Darstellung zu hinterfragen, zumal Journalisten, die als unpatriotisch wahrgenommen werden, in Gefahr geraten, gefeuert zu werden.

Einer der wichtigsten Kritiker der offiziellen Darstellung, Thierry Meyssan, meint, daß die Amerikaner jegliche Kritik an der offiziellen Darstellung nicht nur als unpatriotisch, sondern sogar als ein Sakrileg ansehen. Am 12. September, so erinnert uns Meyssan, kündigte Präsident Bush seine Absicht an, »einen monumentalen Kampf des Guten gegen das Böse zu führen.«19 Am 13. September erklärte er, daß der nächste Tag ein nationaler Tag des Gebets und der Erinnerung an die Opfer der Terroranschläge sein würde. Und am 14. September hielt der Präsident selbst, umgeben von Billy Graham, einem Kardinal, einem Rabbi und einem Imam, sowie vier früheren Präsidenten und vielen Mitgliedern des Kongresses, eine Predigt. In dieser Predigt sagte er:

Unsere Verantwortung gegenüber der Geschichte ist bereits klar: auf diese Angriffe zu antworten und die Welt vom Bösen zu befreien. Gegen uns wurde Krieg geführt durch Tarnung, Täuschung und Mord. Diese Nation ist friedlich, aber erbittert, wenn sie zum Zorn gebracht wird. … In jeder Generation hat die Welt Feinde der menschlichen Freiheit produziert. Sie haben Amerika angegriffen, weil wir die Heimat der Freiheit und ihr Verteidiger sind. Und die Verpflichtung unserer Väter ist jetzt der Ruf unserer Zeit. … Wir bitten den allmächtigen Gott, über unsere Nation zu wachen und uns Geduld und Entschlossenheit bei allem zu gewähren, was kommen wird. … Und Er möge immer unser Land leiten. Gott segne Amerika.20

Mit diesem nie dagewesenen Ereignis, bei dem der Präsident der Vereinigten Staaten eine Kriegserklärung von einer Kathedrale aus erklärte, konstatiert Meyssan, »weihte die amerikanische Regierung … ihre Version der Ereignisse. Von da an wurde jedes Infragestellen der offiziellen Wahrheit als ein Sakrileg angesehen.«21

Der 11. September und die Linke

Wenn unangenehme Fragen zur offiziellen Darstellung als unpatriotisch und auch frevelhaft angesehen werden, so ist es nicht verwunderlich, daß, wie sowohl Rena Golden als auch Dan Rather zugeben, die Massenmedien in Amerika diese Fragen nicht aufgeworfen haben. Es ist ebenso nicht verwunderlich, daß rechte und sogar gemäßigte Kommentatoren in politische Angelegenheiten keine ernsthaften Fragen gegen die offizielle Darstellung aufgebracht haben. Es ist auch nicht verwunderlich, daß einige von ihnen – einschließlich Jean Bethke Elshtain, Professorin für soziale und politische Ethik – erklärt haben, daß der Vorwurf der offiziellen Tatbeteiligung jenseits der Grenzen der vernünftigen Debatte liegt, so daß alle Argumente dafür einfach ignoriert werden können. Elshtain nennt den Hinweis, daß amerikanische Spitzenkräfte, darunter der Präsident, an den Angriffen mitschuldig wären, »absurd« und fügte hinzu: »Diese Art von aufrührerischem Wahnsinn existiert außerhalb der Grenze der politischen Debatte« und »verdient daher nicht einmal Gehör.«22 Aus dieser Perspektive ist es nicht notwendig, die Beweise von Kritikern der offiziellen Darstellung zu überprüfen, auch wenn einige dieser Kritiker intellektuelle Kollegen an benachbarten Universitäten sind – wie z. B. zwei renommierte kanadische Wissenschaftler, der Wirtschaftswissenschaftler Michel Chossudovsky und der Sozialphilosoph John McMurtry.23 Obwohl Elshtain darauf hinweist, daß, »wenn wir unsere Beschreibungen der Ereignisse falsch verstehen, unsere Analysen und unsere Ethik dann ebenfalls falsch sein werden«,24 meint sie damit offenbar, daß es unnötig ist, in Erwägung zu ziehen, daß die offizielle Beschreibung der Ereignisse am 11. September falsch sein könnte. Obwohl diese Haltung bedauernswert ist, vor allem wenn sie innerhalb der intellektuellen Gemeinde ausgedrückt wird, ist sie nicht überraschend.

Überraschend ist jedoch, daß amerikanische linke Kritiker der US-Politik, die nur selten darüber besorgt sind, unpatriotisch oder frevelhaft genannt zu werden, die Möglichkeit der offiziellen Tatbeteiligung zum größten Teil nicht erforscht haben, zumindest nicht im öffentlichen Diskurs.25

Diese Kritiker waren sicherlich äußerst kritisch gegenüber der Art, wie die Bush-Regierung auf den 11. September reagierte. Sie haben insbesondere darauf hingewiesen, daß diese Regierung den 11. September als Vorwand genutzt hat, um Maßnahmen zu erlassen und Operationen durchzuführen, die wenig oder gar keine Beziehung zur Bestrafung der Täter der Anschläge oder der Verhinderung weiterer solcher Angriffe in der Zukunft hatten. Sie haben sogar darauf hingewiesen, daß die meisten dieser Maßnahmen und Operationen bereits vor den Anschlägen auf der Agenda der Bush-Regierung waren, so daß der 11.September nicht die Ursache war, sondern lediglich der Vorwand für ihre Verabschiedung. Diese Kritiker wissen auch, daß die Vereinigten Staaten viele Male in der Vergangenheit einen »Vorfall« als Vorwand für den Krieg fabriziert haben – am offenkundigsten für die Kriege gegen Mexiko, Kuba und Vietnam.26 Aber wenige dieser Kritiker haben ernsthaft diskutiert, zumindest in der Öffentlichkeit, ob dies auch beim 11. September der Fall ist, obwohl ein Aufzeigen dieser Tatsache, wenn sie wahr wäre, sicherlich der effektivste Weg wäre, die Politik der Bush-Regierung zu untergraben, der sie sich so stark widersetzen. Indem sie einer »Verschwörungstheorie« abschwören, akzeptieren sie, zumindest implizit, eine »Zufallstheorie«, wonach die Anschläge des 11. September – aus Sicht der Regierung – einfach ein Geschenk des Himmels waren, die einfach passierten, um die Durchführung ihrer Agenda zu erlauben.

Ein Beispiel kommt von Rahul Mahajan, einem brillanten und scharfen Kritiker des US-Imperialismus. Er analysiert die Motive des US-Imperialismus seit dem 11. September angesichts des Dokuments, das, wie schon angedeutet, die Notwendigkeit eines »neuen Pearl Harbor erwähnt«, nämlich Rebuilding America's Defenses, das vom »Project for the New American Century« (Projekt für das Neue Amerikanische Jahrhundert) erarbeitet wurde. Drei der wichtigsten Themen dieses Dokuments, so betont Mahajan, sind die Notwendigkeit, weltweit mehr Militärbasen aufzubauen, von denen aus Macht ausgeübt werden kann, die Notwendigkeit, »Regimewechsel« in Ländern herbeiführen, die amerikanischen Interessen gegenüber unfreundlich eingestellt sind, sowie die Notwendigkeit wesentlich erhöhter militärischen Ausgaben, insbesondere für die »Raketenabwehr« – die explizit nicht als Abschreckung verstanden wird, sondern als »eine Voraussetzung für die Aufrechterhaltung der amerikanischen Vorherrschaft«, indem sie verhindert, daß andere Länder uns abschrecken. Mahajan weist dann darauf hin, daß »die Angriffe des 11. September eine natürliche Möglichkeit waren, das Militärbudget zu erhöhen« und daß die anderen in diesem Dokument enthaltenen Ideen – in Verbindung mit der bekannten Voreingenommenheit von Bush und Cheney in Zusammenhang mit Öl – die wichtigsten Motive ihrer imperialen Strategie nach dem 11. September lieferte. Mahajan bemerkt auch, daß das Dokument feststellt, daß die gewünschte Umwandlung des Militärs vermutlich politisch unmöglich wäre »außer bei einem katastrophalen und katalytischen Ereignis – wie einem neuen Pearl Harbor«. Mahajan fügte sogar hinzu, daß »innerhalb eines Jahres sie [die Autoren des Dokuments] ihr Pearl Harbor bekamen und somit die Chance, ihre imperialen Phantasien in die Realität umzusetzen.« Nachdem er all dies aufgeführt hat, entscheidet sich Mahajan aber für Zufall anstelle einer Verschwörung: »Verschwörungstheoretiker werden sich zweifellos freuen, aber dies ist, wie so viele Ereignisse in der Geschichte der US-Außenpolitik, einfach ein weiteres Beispiel für Pasteurs berühmtes Axiom: ›Das Glück ist mit dem vorbereiteten Geist.‹«27

Mahajan könnte natürlich richtig liegen. Aber er liefert uns keinen Grund, das zu glauben. Er zeigt insbesondere nicht, daß er die Beweise derjenigen untersucht hat, die argumentieren, daß die Anschläge nur durch die Tatbeteiligung der US-Regierung erfolgreich sein konnten.

Wie dieses Buch entstand

Ob es nun stimmt oder nicht, daß Mahajan die Beweise ohne Prüfung zurückgewiesen hat, so traf es sicherlich auf mich zu. Bis zum Frühjahr 2003 hatte ich mir keinen der Beweise angesehen. Ich war mir vage bewußt, daß es zumindest Leute im Internet gab, die Beweise gegen die offizielle Darstellung des 11. September darboten und eine alternative Darstellung, laut der US-Beamte verstrickt waren, nahelegten. Aber ich habe mir nicht die Zeit genommen zu versuchen, ihre Internetseiten zu finden. Ich untersuchte die Geschichte des amerikanischen Expansionismus und Imperialismus seit dem 11. September sehr intensiv, so daß ich wußte, daß die US-Regierung mehrere Male »Zwischenfälle« als Vorwand, in den Krieg zu ziehen, inszeniert hatte. Doch obwohl mir in den Sinn kam, daß der 11. September ebenfalls arrangiert worden sein könnte, habe ich diese Möglichkeit nicht sonderlich ernst genommen. Es schien mir einfach jenseits der Vorstellungskraft, daß die Bush-Regierung – selbst diese Bush-Regierung – eine solch abscheuliche Sache tun würde. Ich nahm an, daß diejenigen, die etwas anderes behaupten, »Verschwörungstheoretiker« im negativen Sinne, in dem der Begriff normalerweise angewandt wird, sein müßten – was so etwas wie »Spinner« bedeutet. Ich wußte, daß es wichtig wäre, sollten sie Recht haben. Aber ich war derart zuversichtlich, daß sie falsch liegen müßten – daß ihre Schriften lediglich aus verrückten Theorien bestünden, die auf wilden Schlußfolgerungen aus zweifelhaften Beweise basierten – daß ich keine Motivation hatte, Zeit und Energie für das Aufstöbern dieser Schriften aufzuwenden. Ich sympathisiere daher uneingeschränkt mit der Tatsache, daß die meisten Menschen die Beweise nicht untersucht haben. Das Leben ist kurz und die Liste der Verschwörungstheorien ist lang, und wir alle müssen Urteilsvermögen walten lassen, welche Dinge es wert sind, Zeit für sie aufzuwenden. Ich nahm an, daß Verschwörungstheorien zum 11. September unter der Schwelle einer möglichen Glaubwürdigkeit lagen.

Aber dann schickte mir eine Kollegin eine E-Mail, die einige der einschlägigen Internetseiten zur Verfügung stellte. Da ich diese Professorin als eine vernünftige Person kannte, sah ich mir einen Teil des Materials im Internet an, vor allem eine riesige Zeitleiste mit dem Titel »Wurde der 11. September zugelassen?« von einem unabhängigen Forscher namens Paul Thompson.28 Ich war überrascht und sogar erstaunt zu sehen – obwohl Thompson sich strikt auf offizielle Medien-Quellen beschränkte (29) – wie viele Beweismittel er gefunden hatte, die auf den Schluß hindeuten, daß die Bush-Regierung tatsächlich die Anschläge des 11. September vorsätzlich zuließ. Etwa zur gleichen Zeit las ich zufällig Gore Vidals Buch Dreaming War: Blood for Oil and the Cheney-Bush Junta, das mich zum umfangreichsten Buch über den 11. September brachte, The War on Freedom: How and Why America Was Attacked September 11, 2001 von Nafeez Ahmed, einem unabhängigen Forscher in England.30 Ahmeds Buch bietet eine organisierte, ausführlich dokumentierte Argumentation, die die akzeptierte Ansicht direkt herausfordert, laut der der 11. September aus einem »Zusammenbruch« innerhalb und zwischen unseren Geheimdiensten resultierte.31 Ahmed legte wie auch Thompson nahe, daß die Angriffe durch Tatbeteiligung in den höchsten Kreisen zustande kommen mußten, nicht nur durch Inkompetenz in den unteren Reihen. Ich erkannte, daß Ahmeds und Thompsons Material zusammen einen starken Anscheinsbeweis für diese Behauptung lieferte, der sicherlich stichhaltig genug war, um »eine umfangreiche Untersuchung durch die amerikanische Presse, den US-Kongress (32) und die unabhängige 9/11-Kommission« zu verdienen, die alle bisher auf Grundlage der Annahme handelten, daß der 11. September das Ergebnis von Geheimdienstversagen und Kommunikationsstörungen war.

Ich erkannte jedoch ebenfalls, daß die Arbeit von Thompson und Ahmed nicht geeignet war, sehr viele Amerikaner zu erreichen. Während Thompsons Zeitleisten äußerst hilfreich für Forscher waren, die Zeit und Geduld hatten, sich durch sie hindurch zu arbeiten, waren sie für normale Bürger nicht leicht lesbar, teils, weil sie nur online verfügbar waren und teils, weil die Beweise – entsprechend der Bezeichnung »Zeitleiste« – chronologisch statt thematisch geordnet waren.34 Obwohl die Beweise in Ahmeds Buch thematisch geordnet waren, war es ziemlich lang und enthielt weit mehr Material als nötig, um die grundlegende These zu stützen. Ein Großteil des zusätzlichen Materials befand sich zudem in den ersten Kapiteln, so daß man sich durch mehrere Kapitel durcharbeiten mußte, bevor man zu den Beweisen kam, die direkt der offiziellen Darstellung widersprachen. Damit die wichtigen Informationen, die von Ahmed und Thompson bereitgestellt wurden, viele Menschen erreichen konnten, darunter vielbeschäftigte Mitglieder des Kongresses und der Presse, war etwas anderes notwendig.

Ich beschloß daher, einen Artikel zu schreiben, der die wichtigsten Beweise zusammenfaßt und interessierte Leser auch auf die Studien von Thompson, Ahmed und anderen hinweist, die eine revisionistische Darstellung des 11. September präsentieren. Aber dieser Artikel wuchs zu einem buchlangen Manuskript an, weil ich bald herausfand, daß es, selbst wenn ich mich auf die wichtigsten Beweise zu begrenzen versuchte, innerhalb der Grenzen eines Artikels unmöglich war, eine verständliche Darstellung zu präsentieren, die den Beweisen gerecht würde, die diese Forscher zur Verfügung stellen.

Nachdem ich mit dem Schreiben begonnen hatte, erfuhr ich außerdem von der Arbeit des bereits erwähnten französischen Forschers, Thierry Meyssan, insbesondere von seiner Hypothese, daß das Luftfahrzeug, das ins Pentagon einschlug, keine Boeing 757 – wie Flug 77 – gewesen sein konnte, sondern ein Marsch-Flugkörper sein mußte. Als ich das erste Mal von dieser revisionistischen These erfuhr, nahm ich – wie wahrscheinlich die meisten Leute, die jetzt meine Darstellung lesen – an, sie sei völlig absurd. Sicherlich ist der Unterschied zwischen einer gigantischen 757 und einer relativ kleinen Rakete so groß, daß das Pentagon, wenn es lediglich von einer Rakete getroffen wurde, niemanden davon überzeugen könnte, daß es von einer Boeing 757 getroffen worden war! Haben wir nicht aus Presseberichten erfahren, daß das Loch in der Pentagon-Seite ca. 60 Meter breit und fünf Stockwerke hoch war? Hatten wir nicht von einem der Passagiere von Flug 77 – der TV-Kommentatorin Barbara Olson – erfahren, daß es auf Washington zusteuerte? Und hatten es nicht Augenzeugen identifiziert? Nahezu alle, auch die meisten Kritiker der offiziellen Darstellung des 11. September akzeptierten die Vorstellung, daß das Pentagon von Flug 77 getroffen wurde. Wie konnten sie alle falsch liegen? Trotz allem merkte ich, nachdem ich die Bücher Meyssans bekommen hatte und sie durchlas, daß seine Behauptung, so absurd wie sie auf den ersten Blick wirken mag, ziemlich aussichtsreich ist. Ich wurde schließlich tatsächlich davon überzeugt, daß die offizielle Darstellung in Bezug auf den Pentagon-Einschlag – vorausgesetzt, daß Meyssans Beschreibung der Beweise akkurat war – ganz offensichtlich falsch zu sein scheint. Oder daß sie zumindest den ersten Platz für diese Ehre erhält. Die Tatsache, daß die offizielle Darstellung des Anschlags auf das Pentagon weithin akzeptiert wird, liefert daher ein besonders gutes Beispiel dafür, daß der größte Teil der Öffentlichkeit einfach nicht die entsprechenden Beweise gesehen hat. Das vorliegende Buch soll dazu dienen, alle wichtigen Beweisstränge zusammenzuführen.

Kein Buch hat dies bisher getan. Ahmeds Buch, sicherlich das umfassendste, enthält nicht viel der Beweise in Thompsons »Timeline« und Meyssans Büchern. Und Meyssans Bücher enthalten zwar wichtige Beweise, die an anderer Stelle nicht zu finden sind, verfügen aber nicht über die meisten der von Ahmed und Thompson zur Verfügung gestellten Informationen. Das gleiche gilt für das wichtigste andere englischsprachige Buch zum Thema: Michel Chossudovskys War and Globalisation: The Truth Behind September 11. Wie der Untertitel andeutet, konzentriert es sich auf den Hintergrund des 11. September und behandelt die Anschläge selbst nur kurz. Im vorliegenden Buch habe ich zusammengetragen, was mir als das wichtigste Beweismaterial erschien, das ich in diesen (35) und einigen anderen Quellen gefunden habe.36

Der Inhalt des Buches

Ich erkenne fünf wichtige Arten von Beweisen, die gegen die offizielle Darstellung vorgebracht wurden. Die erste Art beinhaltet Widersprüche und Unwahrscheinlichkeiten in der offiziellen Darstellung der Geschehnisse des 11. September selbst und wird in den vier Kapiteln von Teil I besprochen. Die vier anderen Arten von Beweisen werden in Teil II erörtert. All diese Beweise sind in Bezug auf eine Reihe von »beunruhigenden Fragen« organisiert,37 die genau deshalb beunruhigend sind, weil sie darauf schließen lassen, daß die offizielle Darstellung, wie der Titel der englischen Übersetzung von Meyssans ersten Buch sie nennt, eine »große Lüge« ist.38 Sie sind auch beunruhigend, weil sie auf die revisionistische These schließen lassen, daß die Anschläge des 11. September, die Präsident Bush zu Recht böse genannt hat, unter Beteiligung von einigen Mitgliedern der Bush-Regierung selbst ausgeführt wurden.

In der Zusammenfassung frage ich, ob die beste Erklärung der präsentierten Beweise in den vorherigen Kapiteln tatsächlich, wie die Revisionisten vermuten, eine offizielle Beteiligung an den Anschlägen des 11. September ist. Ich erörtere dann die Konsequenzen für die Art der Untersuchung, die jetzt benötigt wird.

Mögliche Bedeutungen von »Offizieller Tatbeteiligung«

Obwohl die revisionistischen Schriften, auf die sich dieses Buch bezieht, Anklage wegen offizieller Tatbeteiligung an den Anschlägen des 11. September erhebt, fehlt in ihnen eine sorgfältige Erörterung, was ihre Autoren unter »offizieller Tatbeteiligung« verstehen. Es gibt mindestens acht verschiedene Ansichten darüber, was offizielle Mitschuld an den Anschlägen des 11. September bedeuten könnte. Damit meine Leser selbst entscheiden können, indem sie die Beweise untersuchen, welche Art von offizieller Mitschuld die Beweise, falls gegeben, untermauern, liste ich diese acht möglichen Ansichten hier in aufsteigender Reihenfolge ihrer Schwere auf – also der Schwere der Anklage gegen die Bush-Regierung, die sich aus der Ansicht ergibt.

1. Konstruktion einer falschen Darstellung: Eine mögliche Ansicht ist, daß US-Beamte zwar keine Rolle bei der Ermöglichung der Angriffe gespielt haben und diese noch nicht einmal erwartet haben, aber dennoch eine falsche Darstellung des wirklichen Geschehens konstruierten – sei es, um die nationale Sicherheit zu schützen, um mögliche peinliche Fakten zu vertuschen, um die Angriffe ausnutzen, um ihre Agenda auszuführen oder aus irgendeinem anderen Grund. Obwohl dies die am wenigsten schwere Anklage wäre, wäre sie schwerwiegend genug für ein Amtsenthebungsverfahren – vor allem, wenn der Präsident zum 11. September gelogen hätte, um persönlichen Gewinn oder eine zuvor festgelegte Agenda zu erreichen, wie etwa Afghanistan und den Irak anzugreifen.

2. Etwas wurde von Geheimdiensten erwartet: Eine zweite mögliche Ansicht ist, daß es zwar im Voraus keine spezifischen Informationen zu den Angriffe gab, aber einige US-Geheimdienste – wie das FBI, die CIA und einige der militärischen Nachrichtendienste – erwarteten, daß eine Art von Angriffen geschehen würde. Obwohl sie keine Rolle bei der Planung der Anschläge gespielt haben, haben sie diese möglicherweise erleichtert, in dem Sinne, daß sie absichtlich keine Schritte unternahmen, um sie zu verhindern. Nachdem sie dies ohne Wissen des Weißen Hauses getan hatten, überredeten sie die Regierung nach dem 11. September nicht nur, ihre Schuld durch eine falsche Darstellung zu vertuschen, sondern auch zur Durchführung der Agenda, für die die Anschläge Unterstützung gewinnen sollten.

3. Konkrete Ereignisse wurden von Geheimdiensten erwartet: Eine dritte mögliche Ansicht ist, daß Geheimdienste (aber nicht das Weiße Haus) konkrete Informationen zum Zeitablauf und den Zielen der Anschläge hatten.

4. Geheimdienste an der Planung beteiligt: Eine vierte mögliche Ansicht ist, daß Geheimdienste (aber nicht das Weiße Haus) sich aktiv an der Planung der Anschläge beteiligten.

5. Pentagon an der Planung beteiligt: Eine fünfte mögliche Ansicht ist, daß das Pentagon (aber nicht das Weiße Haus) sich aktiv an der Planung der Anschläge beteiligte.

6. Etwas wurde vom Weißen Haus erwartet: Eine sechste mögliche Ansicht ist, daß das Weiße Haus zwar im Voraus keine konkrete Kenntnis der Angriffe hatte, es aber irgendeine Art von Angriffen erwartete und mithalf, sie zu begünstigen, zumindest in dem Sinne, daß nicht befohlen wurde, sie zu verhindern.39 Diese Ansicht bietet die Möglichkeit, daß das Weiße Haus von der Zahl der Toten und der Zerstörung durch die Angriffe, die tatsächlich durchgeführt wurden, geschockt wurde.

7. Konkretes Vorwissen des Weißen Hauses: Eine siebte mögliche Ansicht ist, daß das Weiße Haus konkretes Vorwissen der Ziele und des Zeitpunkts der Angriffe hatte.

8. Das Weiße Haus war an der Planung beteiligt: Eine achte mögliche Ansicht ist, daß das Weiße Haus zu denen gehörte, die die Anschläge planten.

Wie diese Möglichkeiten zeigen, kann eine Anklage, daß der 11. September eine »Tatbeteiligung« oder »Verschwörung« auf Seiten der US-Beamten beinhaltet, auf viele Weisen verstanden werden, von denen einige keine aktive Beteiligung an der Planung beinhalten und von denen die meisten keine Beteiligung des Präsidenten an der Planung beinhalten. Ein Grund, warum diese Unterscheidungen wichtig sind, ist, daß die Diskussion über die Vorstellung der offiziellen Tatbeteiligung – ob eine solche Mitschuld behauptet oder abgelehnt wird - differenzierter geführt werden muß, als es oft der Fall ist. Zum Beispiel ist das, was Jean Bethke Elshtain als »absurd« zurückweist, die »Anklage, daß amerikanische Spitzenkräfte bis hin zum Präsidenten der Vereinigten Staaten, die Angriffe durchführten, um ihre Popularität zu stärken.«40 Mit diesem Wortlaut setzt sie nicht nur die Anklage der offiziellen Tatbeteiligung mit der achten der oben aufgeführten Ansichten, also der stärksten Ansicht gleich, sondern verbindet diese Anklage auch noch mit der Unterstellung eines bestimmten Motivs der angeblich beteiligten amerikanischen Spitzenkräfte – nämlich dem der Stärkung ihrer eigenen Beliebtheit. Indem sie diese sehr spezifische Anklage als absurd ablehnt, geht sie offenbar davon aus, daß die ganze Vorstellung der offiziellen Tatbeteiligung beerdigt wurde. Aber es gibt zahlreiche weitere Möglichkeiten.

Zum Beispiel weist Michael Parenti, einer der wenigen bekannten linken Denker, der in irgendeiner Form auf eine offizielle Tatbeteiligung hingewiesen hat, ebenso wie Mahajan darauf hin, daß die Angriffe so gelegen kamen, daß sie diesen Verdacht hervorrufen: »Die September-Terroranschläge lieferten einen solch nützlichen Vorwand für den Reaktionismus im Heimatland und die imperialistische Expansion im Ausland, was viele Menschen veranlaßte zu vermuten, daß die US-Regierung selbst bei diesem Ereignis die Hand im Spiel hatte.« Parenti scheint zunächst diesen Verdacht genauso umfassend wie Mahajan abzutun: »Ich finde es schwer zu glauben, daß das Weiße Haus oder die CIA aktiv an einer Verschwörung teilnahm, um das World Trade Center und einen Teil des Pentagons zu zerstören und um so eine große Zahl von Amerikanern zu töten, um einen Kriegsgrund gegen Afghanistan zu schaffen.«41

Parenti hört damit aber nicht auf. Unter Berufung auf einen Artikel von Patrick Martin, der sich auf einige Fakten bezieht, die eine offizielle Tatbeteiligung nahelegen, befürwortet Parenti Martins Schlußfolgerung: obwohl die US-Regierung nicht die Einzelheiten der Angriffe plante oder damit rechnete, daß Tausende von Menschen getötet werden, »erwartete sie, daß etwas passieren würde und schaute in die andere Richtung.«42 Parenti beschreibt damit die zweite oder eher noch die sechste der möglichen Ansichten.

Auf jeden Fall habe ich wie bereits gesagt herausgefunden, daß die Revisionisten einen starken Anscheinsbeweis geliefert haben – zumindest für eine gewisse Version der Anschuldigung der offiziellen Tatbeteiligung. Sagen zu können, daß sie einen überzeugenden Beweis geliefert haben, würde ein Urteil benötigen, daß die vorgebrachten Beweismittel zuverlässig sind. Und obwohl ich nur Beweise wiederholt habe, die mir glaubwürdig erschienen, habe ich die Richtigkeit dieser Beweise nicht unabhängig überprüft. Wie der Leser sehen wird, ist diese Beweislage so umfangreich und so beschaffen, daß kein Individuum – vor allem mit stark begrenzter Zeit und Ressourcen – ihre Richtigkeit überprüfen könnte. Aus diesem Grund behaupte ich nur, daß diese Revisionisten einen starken Anscheinsbeweis für die offizielle Tatbeteiligung erbrachten, stark genug, um Untersuchungen durch diejenigen zu verdienen, die die notwendigen Ressourcen dafür haben – die Presse und der US-Kongress. Wenn ein wesentlicher Teil der hier zusammengefaßten Beweise richtig ist, würde die Schlußfolgerung, daß die Anschläge des 11. September nur aufgrund offizieller Tatbeteiligung gelangen, praktisch unausweichlich.

Ich sollte vielleicht betonen, daß, angesichts der Art der Argumentation, nicht alle Beweise notwendigerweise überzeugen müssen. Einige Argumente sind, wie wir sagen, »nur so stark wie das schwächste Glied.« Dies sind deduktive Argumente, bei denen jeder Schritt in der Argumentation von der Wahrheit des vorherigen Schrittes abhängt. Wenn sich eine einzige Voraussetzung als falsch erweist, scheitert das ganze Argument. Dagegen ist das Argument für die amtliche Tatbeteiligung des 11. September ein kumulatives Argument. Diese Art der Argumentation umfaßt ein allgemeines Argument, das aus mehreren einzelnen voneinander unabhängigen Argumenten besteht. Somit bietet jedes einzelne Argument Unterstützung für alle anderen. Anstelle einer Kette ist ein kumulatives Argument eher wie ein Kabel, das aus vielen Strängen besteht, die alle zusammen das Kabel stärken. Wenn es viele Stränge gibt, kann das Kabel noch eine Menge Gewicht tragen, selbst wenn sich einige von ihnen auflösen. Wie der Leser sehen wird, werden viele Stränge in der Argumentation für die offizielle Tatbeteiligung am 11. September in diesem Buch zusammengefaßt. Wenn die behaupteten Beweise, auf denen einige dieser Stränge beruhen, sich als unsolide erweisen, unterminiert dies nicht unbedingt das gesamte Argument. Das kumulative Argument würde dann einfach durch weniger Stränge gestützt. Und einige der Stränge sind derart, daß ein oder zwei von ihnen bei entsprechender Beweislage ausreichen, den ganzen Fall zu tragen.43

»Verschwörungstheorien«

Bevor ich mich den Beweisen zuwende, sollten wir eine kurze Pause einlegen, um das zu bedenken, worauf bereits angespielt wurde, nämlich daß anscheinend weithin angenommen wird, daß solch ein Fall a priori mit dem Hinweis darauf abgelehnt werden kann, es handele sich um eine »Verschwörungstheorie«. Tatsächlich scheint es fast eine Bedingung für die Zulassung zum öffentlichen Diskurs zu sein zu verkünden, daß man Verschwörungstheorien ablehnt. Was ist die Logik hinter diesem Gedanken? Es kann nicht sein, daß wir buchstäblich die Vorstellung komplett ablehnen, daß Verschwörungen auftreten. Wir alle akzeptieren Verschwörungstheorien aller Art. Wir akzeptieren eine Verschwörungstheorie, wenn wir glauben, daß zwei oder mehr Menschen sich verschworen haben, um ein geheimes Ziel zu erreichen, wie z. B. eine Bank auszurauben, Kunden zu betrügen oder Preise abzusprechen. Wir wären daher ehrlicher, wenn wir dem Beispiel von Michael Moore folgten: »Nun, ich glaube nicht an Verschwörungstheorien, ausgenommen an diejenigen, die wahr sind.«44

Um diesen Punkt ein wenig zu verfeinern, können wir sagen, daß wir all jene Verschwörungstheorien akzeptieren, von denen wir glauben, sie seien wahr, während wir all diejenigen ablehnen, die wir für falsch halten. Wir können daher Menschen nicht in diejenige aufteilen, die Verschwörungstheorien akzeptieren, und diejenige, die sie ablehnen. Diese Trennung zwischen den Menschen betrifft lediglich die Frage, welche Verschwörungstheorien sie akzeptieren und welche sie ablehnen.45

Wenn man diese Analyse auf die Anschläge des 11. September anwendet, heißt das: Es ist falsch anzunehmen, daß diejenigen, die behaupten, die Angriffe geschahen aufgrund offizieller Tatbeteiligung, »Verschwörungstheoretiker« sind, während alle, die die offizielle Darstellung akzeptieren, keine sind. Die Menschen unterscheiden sich in dieser Frage nur im Hinblick darauf, welche Verschwörungstheorie sie für wahr oder zumindest sehr wahrscheinlich halten. Nach der offiziellen Darstellung sind die Anschläge des 11. September das Ergebnis einer Verschwörung unter Muslimen, mit Osama bin Laden als Hauptverschwörer. Revisionisten lehnen diese Theorie, zumindest als eine ausreichend Darstellung dessen, was passiert ist, ab, und behaupten, daß die Anschläge ohne die Postulierung einer Verschwörung von Beamten der US-Regierung nicht ausreichend erklärt werden können, zumindest indem sie den Erfolg der Angriffe zuließen. Dementsprechend liegt die Wahl einfach zwischen (einer Version) der allgemein akzeptierten Verschwörungstheorie und (einer Version) der alternativen Verschwörungstheorie.

Welche dieser konkurrierenden Theorien wir akzeptieren, hängt – oder sollte zumindest - davon abhängen, von welcher wir glauben, daß sie besser durch die relevanten Fakten unterstützt wird. Diejenigen, die der revisionistischen Theorie anhängen, sind zu der Überzeugung gelangt, daß es deutliche Beweise nicht nur für die Falschheit der allgemein akzeptierten Verschwörungstheorie gibt, die wir »die offiziellen Darstellung« nennen, sondern auch für die Wahrheit der alternativen Theorie. Ich komme nun zu den Beweisen.

Anmerkung zur zweiten Auflage

Diese Auflage unterscheidet sich von der ersten in folgender Weise: (1) Triviale Fehler wurden korrigiert und einige kleinere Änderungen im gesamten Text und in den Anmerkungen 4 und 9 des ersten Kapitels und der Anmerkung 28 des zweiten Kapitels vorgenommen. (2) Ein Nachwort wurde hinzugefügt und außerdem Anmerkungen, die an wenigen Stellen im Text eingefügt wurden, die auf die weitere Besprechung eines Themas im Nachwort hinweisen.

© David Ray Griffin
Oliver Bommer (deutsche Übersetzung)