Vorwort

Das neue Pearl Harbor – Band 1
Beunruhigende Fragen zur Bush-Regierung und zum 11. September

Vorwort

David Ray Griffin hat ein außergewöhnliches Buch geschrieben. Wenn es auch nur zu 30 Prozent unvoreingenommen sorgfältig gelesen wird, wird es fast sicher die Art ändern, wie wir die Funktionsweise der konstitutionellen Demokratie in den Vereinigten Staaten auf den höchsten Regierungsebenen verstehen. Als solches ist es ein beunruhigendes Buch und zeigt eine tiefe Krise der politischen Legitimation für den mächtigsten souveränen Staat der Weltgeschichte – ein Land, das darüber hinaus den ersten Krieg ohne Grenzen begann, ohne klare Kennzeichen für Sieg oder Niederlage. Wenn Das Neue Pearl Harbor die Art von öffentlicher und medialer Aufmerksamkeit erhält, die es reichlich verdient, sollte es die allgemeine öffentliche Debatte verändern und einen positiven Einfluß darauf ausüben, wie sich die Zukunft entwickelt. Es ist in der Tat selten, daß ein Buch solch ein Potenzial hat, geschichtsträchtig zu werden.

Was Das Neue Pearl Harbor derart besonders macht, ist, daß es das heikelste und kontroverseste Gebiet – die weite Landschaft des offiziellen Verhaltens in Bezug auf die Tragödie des 11. September – im besten Geiste der akademischen Distanziertheit verbunden mit einer beispielhaften Darstellung der stärksten wissenschaftlichen Tugend erforscht: eine Bereitschaft, eine Untersuchung den Weg der Beweise und der Vernunft folgen zu lassen, wohin sie auch führen mögen. Und es führt hier zu explosiven Orten, wo ernsthafte Zweifel an der Integrität und der Weltsicht unserer Führung in jenen Teilen der Regierung erhoben werden, die die größte Kontrolle über das Verhalten und das Schicksal des Landes ausüben, insbesondere im Bereich der nationalen Sicherheit, die einen Krieg im Ausland und die Beschneidung der Freiheiten im Inland einschließt. Griffin liefert auf brillante Weise ein überwältigendes Argument für eine umfassende, ungehinderte, finanziell voll ausgestattete und ausreichend prominente Hauptuntersuchung der gesamten Geschichte bezüglich, wie und warum der 11. September passierte, sowie warum ein solcher, nie dagewesener Zusammenbruch der nationalen Sicherheit nicht in vollem Umfang und unverzüglich als eine Angelegenheit von höchster nationaler Priorität untersucht wurde. Es gibt derart viele klaffende Lücken in den offiziellen Darstellungen des 11. September, daß keine plausible kohärente Schilderung übrigbleibt, und bis jetzt haben wir uns taumelnd voran bewegt, als ob die Wahrheit über diese traumatischen Ereignisse keine Rolle mehr spielt.

Griffin zeigt mit Einsicht und einem soliden Verständnis der zahlreichen Dimensionen der globalen Sicherheitspolitik der Bush-Regierung, daß ein richtiges Verständnis des 11. September, wenn auch verspätet, unbedingt von Bedeutung ist. Die Schicht um Schicht unerklärlichen Tatsachen, die vielfachen Bemühungen der Machthaber, eine unabhängige Untersuchung zu verhindern, und der Beweise, daß bereits vor dem 11. September ein Plan von Bush-Insidern exakt dafür existierte, was sie jetzt auf Grundlage des 9/11-Mandats in die Tat umsetzen, sind Gründe, warum Griffins Beurteilung nicht einmal einen Leser mit einem normalen offenen Geist erfordert. Wie bereits angedeutet, ist bereits eine 30-prozentige Aufnahmebereitschaft ausreichend, was bedeutet, daß alle, außer den dogmatisch verblendetsten Anhängern der Bush-Präsidentschaft, von der grundlegenden Argumentation dieses Buches überzeugt werden sollten.

Es muß unterstrichen werden, daß dieses Buch nicht in das Genre der »Verschwörungstheorien« gehört, zumindest, wie Griffin selbst betont, im abwertenden Sinne, in dem dieser Begriff in der Regel verstanden wird. Es ist eine sorgfältige, gewissenhafte Betrachtung der Beweise mit einer Darlegung der zahlreichen Diskrepanzen zwischen der von der US-Regierung gelieferten offiziellen Darstellung und den besten verfügbaren Informationen.

Man kann sich natürlich durchaus fragen, warum in diesem Land, falls die Schlußfolgerung, auf die Griffins Beweise weisen, korrekt ist, bisher nicht über diese Jahrhundertgeschichte berichtet wurde. Warum haben die Medien geschlafen? Warum war der Kongreß derart passiv bei der Erfüllung seiner Rolle als Wachhund gegenüber der Regierung – in erster Linie hinsichtlich des Schutzes des amerikanischen Volkes? Warum gab es keine Rücktritte von prinzipientreuen, öffentlichen Bediensteten auf Führungsebene, gefolgt von elektrisierenden Enthüllungen? Es wurden hier und da Fragen aufgeworfen, und Vorwürfe der offiziellen Tatbeteiligung wurden, insbesondere in Europa, fast bereits am Tage der Anschläge gemacht, doch soweit ich weiß, hatte kein Amerikaner bis auf Griffin die Geduld, die Kraft, den Mut und die Intelligenz, derart viele Teile zu einer einzigen, kohärenten Darstellung zusammenzuführen.

Ein Teil der Schwierigkeiten beim Erlangen von Glaubwürdigkeit, wenn es um Fragen geht, die derart tief beunruhigend für das öffentliche Vertrauen in die grundsätzliche Legitimität der staatlichen Macht sind, liegt darin, daß die am häufigsten gehörten anklagenden Stimmen schrill und verantwortungslos sind, wodurch sie leicht als »paranoid« oder »ungeheuerlich« abgetan werden, ohne weitere Prüfung, ob die geäußerten Bedenken eine Untersuchung rechtfertigen. Im Gegensatz dazu ist Griffins Ansatz ruhig und seine Argumentation durchgängig gut begründet, was seine Analyse unbestritten zwingend macht.

Aber es sind beunruhigende Kräfte am Werk, die uns den Zugang zur Wahrheit des 11. September versperren. Seit dem Tag des 11. September haben die Mainstream-Medien bei der Orchestrierung einer Stimmung der patriotischen Inbrunst Hand in Hand mit der Regierung gearbeitet, die jeglichen Ausdruck von Zweifel an der offiziellen Führung des Landes gleichbedeutend mit Untreue machte. Mediengrößen wie Bill Maher, die, wenn auch nur gelegentlich, das offizielle Narrativ hinterfragten, wurden entlassen, an den Rand gedrängt und zum Schweigen gebracht, was eine abschreckende Botschaft der Einschüchterung an all diejenigen sendet, die versuchen, abweichende Meinungen zu äußern. Das Schwenken der amerikanischen Flagge wurde zu einem Ersatz für kritisches und unabhängiges Denken und Schlagwörter wie »United We Stand« (Vereint stehen wir) wurden benutzt, um jegliche kritischen Impulsen zu ersticken. Diese gedankenstoppende Gleichsetzung von Patriotismus mit kritikloser Akzeptanz jener gegenwärtigen Regierungspolitik hat in die Hände der Präsidenten-Berater gespielt, die den 11. September nicht als eine nationale Tragödie gesehen haben, sondern – mit dem Ausdruck, den Verteidigungsminister Donald Rumsfeld während eines Fernsehinterviews mit Jim Lehrer am zweiten Jahrestag der Anschläge verwendete – »ein getarnter Segen«.

Da der Bann des Patriotisierens begonnen hat, sich abzunutzen, gibt es eine weitere damit verbundene Dynamik, die am Arbeiten ist, um uns von der Wahrheit abzuhalten – die Psychiater als »Leugnung« beschreiben. Die unangenehmen Realitäten der Irak-Besetzung machen es für die meisten Amerikaner schwierig zu erkennen, daß das ganze Unternehmen, einschließlich des Tötens und der Verstümmelung junger Amerikaner, auf einer vorsätzlichen Verfälschung der Gegebenheiten durch die gewählte Führung des Landes beruhte – nämlich auf der Nahelegung, daß Saddam Hussein für den 11. September verantwortlich war. Diese Unannehmlichkeit wird noch um ein Vielfaches verstärkt, denn was auf dem Spiel steht, ist die Möglichkeit, daß die schrecklichen Ereignisse des 11. September von Anfang an oder bereits davor durch absichtlich gewebte Netze von Unwahrheiten verschleiert wurden. Ein Teil des Leugnungsimpulses ist ein verzweifelter Wunsch zu vermeiden, den grausamen Realitäten ins Auge zu sehen, die in die Machtstruktur der Regierung eingebettet sind, welche unser Leben kontrolliert. Griffins Buch ist ein dringend benötigtes Gegenmittel für die kollektive Verleugnung, die das Gewissen und das Bewußtsein der Nation während der letzten Jahre paralysiert hat. Zumindest sollte es Anlaß zu einer Debatte geben, die zwar spät kommt, aber weit besser spät als nie. Vor langer Zeit mahnte Thomas Jefferson, daß der »Preis der Freiheit ewige Wachsamkeit ist.«

Es gibt in diesem Stadium der amerikanischen Entwicklung keine Entschuldigung für eine Haltung der politischen Unschuld, einschließlich einer bedingungslosen Akzeptanz des guten Glaubens gegenüber unserer Regierung. Schließlich gab es eine lange Geschichte der manipulierten öffentlichen Meinungen, vor allem in Fragen von Krieg und Frieden. Historiker sind sich immer mehr einig, daß Fakten manipuliert wurden: (1) 1898 bei der Explosion der USS Maine, um den Beginn des Spanisch-Amerikanischen Krieges zu rechtfertigen, (2) bezüglich des japanischen Angriffs auf Pearl Harbor, um den zuvor unpopulären Eintritt in den Zweiten Weltkrieg zu rechtfertigen, (3) beim Zwischenfall im Golf von Tonkin von 1964, der vom Weißen Haus verwendet wurde, um die dramatische Ausweitung des Vietnam-Krieges nach Nordvietnam zu rechtfertigen, und (4), in jüngster Zeit, bei der Darstellung des Irak als Besitzer eines bedrohlichen Arsenals von Massenvernichtungswaffen, um den Rückgriff auf Krieg in Mißachtung des Völkerrechts und der Vereinigten Nationen zu rechtfertigen. Die offiziellen Erklärungen für historische Ereignisse wie die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki und die Ermordung von Präsident Kennedy bestanden ebenfalls nicht die Untersuchung durch objektive Wissenschaftler. In dieser Hinsicht hat der Vertrauensbruch zwischen Regierung und Bürgern der USA tiefe historische Wurzeln und ist überhaupt nicht nur eine parteiische Anklage gegen die derzeitige Führung, die mit dem rechten Flügel der Republikanischen Partei verbunden ist. Aber es stellt sich für uns alle eine grundlegende, eindringliche Frage: Warum sollte die offizielle Darstellung des 11. September als sakrosankt behandelt und für bare Münze genommen werden, zumal sie die Begründung für einige der gefährlichsten Unternehmungen in der gesamten Weltgeschichte ist?

Wie Griffin zeigt, ist es nicht notwendig, jeder verdächtigen Inferenz zuzustimmen, um zu dem Schluß zu gelangen, daß die offizielle Darstellung des 11. September überhaupt nicht überzeugt. Sein Ansatz beruht auf den kumulativen Auswirkungen der vielen Schwachstellen in dem, was laut offiziellen Behauptungen passiert ist, Schwachstellen, die sich auf Vorwissen beziehen, auf Hinweise auf Handlungen zur Erleichterung der Aussichten des Anschlags, auf die auffälligen Lücken zwischen der Darstellung des Anschlags durch die Medien und die Regierung und unabhängigen Beweisen dafür, was tatsächlich passiert ist, und auf die mangelnde Bereitschaft der Regierung, mit dem zu kooperieren, was an dürftigen Untersuchungsbemühungen inszeniert wurde. Jeder Teil dieser Geschichte ist ausreichend, um Griffins Grundargumentation zu rechtfertigen, daß dieses Land und die Welt eine umfassende, glaubwürdige und sofortige Abrechnung des Wie und Warum dieses schicksalhaften Tages verdienen. Ein solcher Schritt würde heute die anhaltende Weisheit der berühmten Antwort Ben Franklins zeigen, als er gefragt wurde, was der Verfassungskonvent in Philadelphia erreicht hatte: »Eine Republik, wenn ihr sie erhaltet.«

Richard Falk, emeritierter Professor für Völkerrecht an der Universität Princeton, New Jersey

© David Ray Griffin
Oliver Bommer (deutsche Übersetzung)